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Schulbeginn für Deutschland

Deutschland muss endlich (später) aufwachen

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Der frühe Schulbeginn in Deutschland bringt die Biorhythmen von tausenden Schülern durcheinander.

Morgens, 8 Uhr. Völlig verschlafen sitzen die Schülerinnen und Schüler der Klasse 10a des Gymnasiums in ihrem Klassenraum. Einige Plätze sind auch heute freigeblieben. Viele Gähnen, andere legen den Kopf auf den Tisch und schließen nochmal die Augen. Fast alle sind müde. Vielleicht war die Nacht mal wieder zu kurz oder vielleicht ist es auch einfach nur viel zu früh.

Was Studien schon längst belegt haben und in anderen Ländern bereits üblich ist, bleibt in Deutschland immer noch weitgehend unbekannt: Schulbeginn um acht Uhr ist zu früh. Laura (15), Schülerin der 10a, ist meistens müde. „Es ist völlig egal, wann ich abends ins Bett gehe, ob neun Uhr oder halb elf, müde bin ich morgens immer'', erzählt sie. „In der ersten Stunde mache ich dann kaum mit, weil ich einfach noch gar nicht richtig nachdenken kann.''

Der Schlafmediziner Jürgen Zulley hatte es schon vor längerer Zeit deutlich gemacht: „Die meisten Jugendlichen sind Eulen, also Abendtypen. Um acht Uhr sind sie grade mal so leistungsfähig wie um Mitternacht.“  

Viele Jugendliche würden nicht einmal von alleine um 8 Uhr morgens aufwachen. Nicht, weil sie faul sind, sondern weil der natürliche Biorhythmus anders tickt. Der Mensch hat eine innere Uhr, welche entschiedet wann wir müde und wann wir munter sind. Diese innere Uhr beruht auf genetischer Veranlagung, man kann sie nicht trainieren.

Kristin Schröder, ehemalige Familienministerin, hatte ihrer Zeit erkannt: „Es ist schwierig zu vermitteln, dass ein späteres Aufstehen grade leistungsfördernd sein kann und nichts mit Faulheit zu tun hat.'' Auch Laura erzählt, dass einige ihrer Lehrer keinerlei Verständnis für die Müdigkeit der Schüler haben: „Meine Mathelehrerin sagt immer, wir sollen einfach mal früher ins Bett gehen und nicht so lange am Handy spielen, dann wären wir morgens auch fit im Unterricht.''

Auf Dauer kann das Ignorieren des eigenen Biorhythmus gesundheitliche Folgen haben. Und das schon im Kindes- und Jugendalter. Deshalb sollte „jeder so aufstehen dürfen, wie es seinem biologischen Rhythmus zuträglich ist'', forderte auch der Verhaltensforscher Jon Levy. Ansonsten kann der Schlafmangel zu langfristigen Konzentrationsschwächen, Wachstumsstörungen und Fettleibigkeit führen und vor allem unglücklich machen.

In England testen einige Schulen nach einer neuen britischen Studie der Universität Oxford jetzt erneut den späteren Schulbeginn. Der Schulleiter, Guy Holloway, des „Hampton Court House“ verlegte den Schulbeginn der Schüler im Alter von 16-18 sogar auf 13 Uhr. „Über die Woche sammeln sich mehrere Stunden Schlafmangel pro Tag an, sodass die Schüler am Freitag ein Schlafdefizit von bis zu 12 Stunden haben“, sagt er. Dem müsste man direkt entgegenwirken und den Schulbeginn entsprechend nach hinten verschieben.

Die Londoner Schulen, die für die neue Studie der Universität Oxford einen neuen Unterrichtsbeginn einführten, verzeichneten bereits Erfolge. Dort, wo der Unterrichtsbeginn auf 10 Uhr verlegt wurde, fehlten die Schüler rund 30% weniger und schrieben bessere Noten.

Nele (15) wünscht sich jedoch überhaupt keinen späteren Schulbeginn: „Ich spiele Handball im Verein, wenn die Schule später anfangen würde, hätte ich vielleicht keine Zeit mehr dafür“, erklärt sie. Und in der Tat würde der spätere Schulbeginn das Unterrichtsende entsprechend nach hinten verschieben. Auch Josef Kraus, ehemaliger Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, plädiert darauf, den Unterrichtsbeginn bei 8 Uhr zu belassen. „Auch deshalb, damit die Schüler für den Nachmittag Luft haben'', sagte er.

Denkbar wäre deshalb ein Gleitzeit oder Wahlpflichtmodell. Die Schüler können selber entscheiden ob sie sich für den Kurs am Morgen oder am Nachmittag eintragen möchten. So würde auch auf alle möglichen Biorhythmen Rücksicht genommen werden. Diejenigen, die morgens schon fit sind, kommen um acht Uhr und die „Eulen“ erst um halb zehn, zur zweiten Stunde.

Das Gymnasium Alsdorf arbeitet jetzt seit 2016 mit diesem Konzept. Ab der Oberstufe können die Schülerinnen und Schüler selber entscheiden, ob sie zur ersten Stunde kommen möchten oder die Lehrinhalte zu einem späteren Zeitpunkt nachholen wollen. Die Resonanz ist durchweg positiv.

Scheint also ein gutes Konzept für Deutschland zu sein.

Von Natalie-Margaux Scholtz
Veröffentlicht am 16.04.2018

Natalie-Margaux Scholtz