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Fußball

HSV-Fans bleiben erstklassig

Am 12. Mai endet die Fußballsaison 2017/2018 der ersten Bundesliga mit dem 34. Spieltag. Die Anhänger des HSV erleben diese Saison erneut als eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Mehrfach schienen sie sich endgültig von dem Verein abzuwenden, doch am Ende stehen sie, wie immer, geschlossen zusammen.

Samstag, 18:30 Uhr. Ein ganz normaler Heimspieltag. 50.000 in blau-weiß-schwarz gekleidete Fans stürmen ins Stadion. Die Stimmung ist zunächst gut. Dann die 63. Spielminute: ein Gegentor. Das Stadion verstummt für einen Moment, doch die Mannschaft gibt sich nicht auf. Die Fans peitschen sie wieder nach vorne. 84. Minute, Aaron Hunt trifft zur 3:2 Führung und 50.000 Hamburger beginnen wieder zu hoffen. In der Nordwest-Ecke des Volksparkstadions tickt immer noch die große Uhr. Sie zeigt die Ligazugehörigkeit des HSV in der ersten Fußballbundesliga an: 54 Jahre und  225 Tage.

 „Wir sind damit einzigartig“, sagte der Präsident des HSV e.V., Bernd Hoffmann, gegenüber Bundesliga.com. Tatsächlich ist der HSV das einzig verbleibende Gründungsmitglied der 1. Bundesliga, das seither ununterbrochen erstklassig spielt.

Nach dem 3:2 Erfolg gegen den FC Schalke 04 fragt sich ganz Hamburg, ob es der HSV erneut schaffen kann, die Klasse zu halten. Oder ob der schlimmste Fall eintritt und der HSV dieses Jahr tatsächlich das erste Mal in seiner 130-jährigen Traditionsgeschichte den Abstieg antreten muss.  

„Dieses Jahr ist es so knapp wie nie'', sagt Luisa H. Seit ihrer Kindheit ist sie HSV-Fan, verpasste in den vergangenen vier Spielzeiten nicht eine einzige Partie. Auch die Relegationsduelle gegen Greuther Fürth und Karlsruhe erlebte sie live vor Ort. „Ich hätte nie gedacht, dass wir noch einmal in eine Situation kommen, die brenzliger ist als die 90. Spielminute in Karlsruhe'', sagt sie.

Und doch ist es dieses Jahr noch schlimmer. Fünf Spieltage vor Ende der Saison scheint eine Rettung für die meisten Anhänger, trotz des 3:2 Erfolgs vom Samstagabend, nicht mehr möglich. „Man muss da auch realistisch sein“, meint Luisa. „Wenn man so kurz vor Schluss immer noch 7 Punkte Rückstand auf den rettenden Platz 15 hat, dann muss man sich langsam aber sicher mit dem Gedanken anfreunden''. Selbst auf den Relegationsplatz sind es zum jetzigen Zeitpunkt fünf Punkte und damit ist der HSV mehr als einen Sieg von der Chance entfernt sich erneut über die Relegation vor dem Abstieg retten zu können.

Die Enttäuschung war den Fans in den letzten Wochen mehrfach anzusehen. Pfiffe im Stadion, mehrere Versuche, das Feld zu stürmen, und der Einsatz von Pyrotechnik während zahlreicher Auswärtspartien stellen dabei nur einige Beispiele dar, wie die Anhänger ihren Unmut gegen den Verein deutlich machten. „Irgendwann ist das Maß auch voll“, gibt Robert B. zu. „All die Jahre voller Leid machen einen als Fan auch nachdenklich, da fragt man sich ob das alles noch so Sinn macht.“
Mit dieser Meinung steht Robert B. offenbar nicht alleine da.

Der HSV hat den geringsten Zuschauerschnitt der vergangenen Jahre. Lediglich die Partie gegen den FC Bayern München in der Hinrunde war ausverkauft. Oft konnte der Verein in dieser Saison nicht einmal die 50.000er Marke überschreiten.
„Die Fans mussten in den letzten 5 Jahren einiges mitmachen“, hatte auch Jens Todt, mittlerweile freigestellt, seiner Zeit erkannt. In der Tat spielt der HSV seit 2012 fast kontinuierlich gegen den Abstieg. Besonders diese Saison war mit gerade einmal fünf Siegen für die Anhänger nicht mehr tolerierbar.
Selbst eingefleischten Fans vergeht die Lust auf den Stadionbesuch.

Luisa H. geht mittlerweile nur noch selten mit einem „guten Gefühl'' ins Stadion. „Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal morgens aufgestanden bin und an einen Sieg geglaubt habe. Nur die Hoffnung habe ich immer'', gesteht sie. Meist ist nach dem ersten Gegentreffer schon alles vorbei. „Früher, da haben wir die Mannschaft nach Rückstand wieder zurück ins Spiel geholt, wir haben uns die Seelen aus dem Leib gebrüllt“, verrät Robert B. Gerade nach einem Rückstand findet der HSV seit geraumer Zeit eher selten zurück ins Spiel. Nur fünf Punkte konnte die Mannschaft diese Saison nach einem Rückstand holen. Auch deshalb scheinen die Fans heute müde. Müde vom jahrelangen Abstiegskampf.

 „Bevor die Uhr ausgeht, jagen wir euch durch die Stadt“, hatte einige Spiele zuvor auf einem großen Banner im Stadion gestanden. Der ehemalige Sportchef Jens Todt hatte das Plakat als „nicht tolerierbar'' eingestuft. Allen Beteiligten war klar, dass in diesem Fall „eindeutig eine Grenze überschritten wurde''.  Solche Plakataktionen sind Reaktionen, die zeigen, wie stark die Emotionen bei den Anhängern des HSV brodeln. Aber es zeigt auch, wie sehr die Hamburger an ihrem Verein hängen. „Wir leben für diesen Verein'', erzählt auch Daniel K. „Ich investiere all meine Freizeit, all mein Geld in den HSV, es dreht sich alles darum'', verrät er.

Wenn uns die vergangenen Jahre eines gezeigt haben, dann doch, dass die Fans des HSV zu ihrem Verein stehen. „Alles eine Frage der Perspektive. Dass überhaupt noch 50.000 kommen, ist etwas sehr positives'', stellt auch Bianca S. fest. In der Tat bekommen einige Teams der Bundesliga ihre Stadien nicht einmal in der Champions League voll. Der HSV schaffte es auch am vergangenen Samstag als 18. Tabellenposition gegen den Tabellenzweiten Schalke 04, 50.000 Anhänger ins Stadion zu lotsen. „Wir sollten nicht auf diejenigen schauen, die wegbleiben, sondern auf diejenigen, die nach all dem Leid immer noch kommen'', findet Bianca. Man merkt, dass neben all der Enttäuschung auch etwas Stolz aus den Fans spricht. Frederik S. macht deutlich: „Wir sind eine unglaubliche Gemeinschaft, das ist auch das, was uns so besonders macht'' und stellt fest: „Gegen Schalke hat das Publikum die Mannschaft nie aufgegeben, das waren 90 Minuten Vollgas, auch, weil die Mannschaft alles reingehauen hat.''  

Es ist also gar nicht diese Uhr, die den Verein auszeichnet. Es ist die bedingungslose Liebe der Fans, die den HSV zu etwas ganz besonderem macht. Die Fans, die das „Unabsteigbar'' trotz all seiner Skurrilität leben. Die immer noch Hoffnung haben, dass es der Verein auch dieses Mal schaffen wird. Insbesondere seit letztem Wochenende spürt man in Hamburg wieder Zuversicht. Die Mannschaft hat sich unter Titz neu gefunden, zeigte teilweise sogar ansehnlichen Fußball.

Und wenn die Uhr am 12.Mai doch stehenbleibt? „Sollte es so kommen, werde ich natürlich trotzdem weiter ins Stadion gehen“, verrät Luisa H. Die meisten Hamburger werden es ihr gleichtun. „Der HSV ist eine Religion'', heißt es in dem Lied „Könige des Nordens'' von Lotto King Karl und es scheint tatsächlich etwas Wahres daran zu sein. Auch nach fünf Jahren Abstiegskampf steht Hamburg hinter seinem HSV. „Die paar Chaoten, die meinen, irgendetwas sinnloses auf Banner schreiben zu müssen, hat jeder Verein“, meint auch Daniel K. und fordert: „Entweder man liebt den Verein oder man liebt ihn nicht und wenn man ihn liebt, dann steht man dazu, in jeder Situation.''
Diese Meinung teilen wohl auch die zahlreichen Hamburger, die den Verein am kommenden Sonnabend zum Auswärtsspiel nach Hoffenheim begleiten werden. Es gibt also doch etwas, auf das sich der Verein auch in der vielleicht dunkelsten Stunde seiner Geschichte verlassen kann: Seine Fans. Auch Bianca S. ist sich sicher: „In Hamburg kennt Liebe eben keine Liga.''

Von Natalie-Margaux Scholtz
Veröffentlicht am 09.04.2018