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Filmkritik

Liebe Frauen, umarmt euren Körper!

Regisseurin Taryn Brumfitt auf dem originalen Filmplakat. Foto: Body Image Movement

"Verschwende keinen einzigen Tag deines Lebens damit, Krieg gegen deinen Körper zu führen - Umarme ihn!" Die Message der Dokumentation "Embrace - Du bist schön!" geht unter die Haut.

Eine Straßenumfrage: "Wie würden Sie sich und ihren Körper beschreiben?" Verwirrte und leicht eingeschüchterte Blicke von Frauen treffen die Kamera. "Zu klein", sagt eine. "Zu dicke Oberschenkel", sagt eine andere. "Abstoßend" sagen sie fast alle. 

"Embrace - Du bist schön" ist eine 90-minütiger Dokumentation der Australierin Taryn Brumfitt. Sie ist die Regisseurin des Films und gleichzeitig auch Hauptperson und somit die Erzählerin der Geschichte. Ihre Premiere feierte die Dokumentation 2016 beim Sydney Film Festival und wurde dort von der Jury unter die Top Fünf gewählt. In Deutschland wurde "Embrace" am 11. Mai als einmaliges Event in den Kinos gezeigt -mit Vorwort von Co-Produzentin und deutscher Schauspielerin Nora Tschirner. Zahlreiche Kinosäle in Hamburg waren ausverkauft. 

Taryn Brumfitt erzählt ihre eigene Geschichte: Nach drei Schwangerschaften befand sie sich an einem Punkt, wo sie ihren Körper abstoßend fand und sich selber dafür hasste. Sie stand kurz vor einer Schönheits-Operation, als ihr der Gedanke kam "Was mache ich hier eigentlich, so bin ich doch kein Vorbild für meine Kinder!" Also lernte sie, nicht nur sich selbst zu akzeptieren, sondern sich selbst zu lieben. Als sie sich entschließt, ein Vorher-Nachher-Foto von sich auf Facebook zu veröffentlichen, auf dem sie sich halb nackt und - entgegen den typischen Bildern dieser Art - mit mehr Kilos präsentiert, als auf dem Vorher-Bild, löst sie weltweit eine Welle von Reaktionen aus. Tausende Nachrichten von Frauen, die ihr schreiben "Hilf mir!" oder "Danke, dass du das gepostet hast" überfluten plötzlich ihr Postfach. Auch E-Mails von besorgten Ehemänner erreichen Taryn. Sie erkennt, wie tiefgreifend und immens groß das Problem der Selbstakzeptanz tatsächlich ist und entscheidet sich, dass es so nicht weitergehen kann. Sie verlässt ihre Familie um rund um den Globus nach Antworten zu suchen, wieso gerade Frauen mit sich und ihrem Körper so unzufrieden sind. 

Von Zweifeln und Selbstbewusstsein 

Taryns Reise führt sie unter anderem in die Vereinigten Staaten, nach England und nach Deutschland, wo sie in Berlin auch Nora Tschirner besucht, die mit ihrer lockeren und verrückten Art ihre Eindrücke von dem Problem Body Shaming - das abfällige Beurteilen des eigenen oder fremden Körpers - schildert.  
Es wechseln sich Sequenzen von Taryns Reise, Interviews, eingeblendeten Fakten und Momentaufnahmen ab. Der Hauptbestandteil der Dokumentation sind jedoch die Interviews mit bekannten Persönlichkeiten, Experten und zufällig gewählten Menschen auf den Straßen der Städte, die sie besucht. Die Aussagen der interviewten Personen reichen von lustig über kontrovers und schockierend, bis hin zu ermutigend. Dadurch, dass alle Personen in "Embrace" in ihrer Originalsprache, bis auf vereinzelte Fälle war dies englisch, und nur mit deutschen Untertiteln aufgezeichnet worden sind, hat es dem Film eine besondere Authentizität verliehen. Ein schlechtes, deutsches Voice-Over hätte die Dokumentation und ihre Moral womöglich zerstört. 

Man merkt, dass es sich bei der Kameraführung um professionelle Aufnahmen mit einer guten Kamera handelt. Stilistisch wurden diese jedoch einfach gehalten, ohne groß zu experimentieren oder die künstlerische Freiheit auszuleben. Was man bei Spielfilmen vielleicht bemängeln würde, passt in diesem Fall perfekt. Der Zuschauer wird so nicht abgelenkt von dem, was die australische Regisseurin mit "Embrace" zum Ausdruck bringen möchte. 

Taryn Brumfitt ist ein Sympathie-Mensch. Durch ihre natürliche, offene und lustige Art ist sie für jede Frau, ja vielleicht sogar auch für den ein oder anderen Mann, von Beginn des Filmes an eine Person, mit der man sich identifiziert. Sie hat Humor, nimmt kein Blatt vor den Mund und scheut nicht davor, sich halb nackt zu zeigen oder sich Leuten zu stellen, die ihre Einstellung zu ihrem Körper nicht unterstützen.
Wie bei ihrem Besuch eines Schönheitschirurgen in Los Angeles, wo sie dem Zuschauer viele Lacher, jedoch auch Ausdrücke der Empörung entlockt. Zum Beispiel antwortet der Chirurg auf ihre Frage, ob er ihren Körper denn als gesund einschätzen würde, zwar mit einem deutlichen Ja, hängt diesem jedoch unmittelbar ein "aber an Ihren Brüsten könnt trotzdem noch etwas gemacht werden" an, woraufhin Taryn sich ein Lachen verkneift.

Emotionsgeladenes Abbild der Realität 

Sie trifft eine Frau, die Opfer eines Waldbrandes war und ein von Brandwunden geprägtes Gesicht hat, eine Magersüchtige, die seit ihrer Jugend nicht mehr aus ihrer Situation herauskommt und ein Frau, deren Gesicht zur Hälfte gelähmt war, nachdem ihr ein Gehirntumor entfernt wurde. Viele dieser Frauen strotzen trotz ihrer Schicksale vor Selbstbewusstsein. Der Zuschauer hat am Ende des Filmes den Kopf voller Gedanken, die ihm durch die Dokumentation soeben mit auf den Weg gegeben worden sind: Was beschwere ich mich eigentlich und was kümmert es mich, was andere denken?

Es ist eine Geschichte, die zwischen Lachen, Tränen und Ernsthaftigkeit erzählt wird. Niemand verstellt sich und es werden Dinge ausgesprochen, die nahezu niemand bereit wäre, offen zuzugeben. "Embrace - Du bist schön" trifft den Kino-Besucher, egal ob männlich oder weiblich. Taryn Brumfitt und die Menschen und Momente, die sie mit den Zuschauern teilt, sind unbearbeitet, nackt und ungeschminkt. Oder besser gesagt: echt. 

Von Pauline Brenke
Veröffentlicht am 13.05.2017