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Medizin

Selbstbestimmung gegen Selektion

Mitte April debattierte der Bundestag über Bluttests zur Diagnose des Down-Syndroms. Die Frage war, ob er für schwangere Frauen, die einer Risikogruppe angehören, von den Krankenkassen übernommen werden sollte. Momentan müssen sie eine invasive Fruchtwasseruntersuchung durchführen lassen, wenn sie nicht auf die finanzierte Pränataldiagnostik verzichten wollen.

Kurzer Kopf mit flachem Hinterkopf, kurzem Hals und rundem, flachen Gesicht. Leicht schräg stehende Augen mit zarter Hautfalte am inneren Augenwinkel, dazu ein vergrößerter Augenabstand. Das alles sind die äußeren Merkmale eines Menschen, der das Down-Syndrom hat. Der Gendefekt lässt sich allerdings nicht nur postpartal feststellen.

Ob ein Kind am Down-Syndrom leiden wird, kann man schon während der Schwangerschaft herausfinden. Eine Möglichkeit dazu ist die Fruchtwasseruntersuchung, deren Kosten für Risikoschwangere bereits von den Krankenkassen übernommen werden, die gleichzeitig jedoch das Risiko einer Fehlgeburt erhöht. Eine andere ist die eines ungefährlichen Gentests, den werdende Eltern bis jetzt allerdings aus der eigenen Tasche finanzieren müssen. Mitte April hat der Bundestag darüber debattiert, ob dieser Gentest ebenfalls zur Kassenleistung werden sollte. Einen Beschluss soll es im Spätsommer geben, dafür ist nun der Gemeinsame Ausschuss der Kassen und der Ärztevertreter verantwortlich.

Die nicht-invasiven Bluttests sind ein medizinischer Fortschritt, den man zukünftigen Eltern nicht vorenthalten darf. 

Zur Risikogruppe gehört eine schwangere Frau dann, wenn sie älter als 35 Jahre ist, wenn bei vorherigen Schwangerschaften Komplikationen auftraten oder wenn bei es regulären Vorsorgeuntersuchungen zu Auffälligkeiten kam. In diesem Fall übernehmen die Krankenkassen die Kosten für eine Amniozentese, im Volksmund Fruchtwasseruntersuchung genannt. 

Zu deren Risiken gehören jedoch vaginale Blutungen, Verletzungen der Gebärmutter und der Plazenta, Infektionen oder ein vorübergehender Fruchtwasserverlust. Im schlechtesten Fall kann der Fötus durch die Nadel, die in die Bauchdecke der Mutter eingeführt wird, verletzt werden - was zu Fehlgeburten oder Fehlbildungen führen kann. 

„Das Risiko bei einem Bluttest ist nahezu 0“, weiß Theodor Ludwig*, Facharzt für Allgemeinmedizin aus Niedersachsen. Er spricht sich dafür aus, dass auch der Bluttest für schwangere Frauen, die in eine Risikogruppe fallen, von den Krankenkassen übernommen wird. 

Derzeit müssen werdende Eltern je nach Umfang und Anbieter in etwa zwischen 130 und 540 Euro aufbringen, wenn sie auf ungefährliche Art und Weise herausfinden möchten, ob bei ihrem Kind ein Gendefekt vorliegt.

Kritiker sind der Meinung, es würde zu einer selektierten Gesellschaft führen, sollte der Bluttest von den Kassen bezahlt werden. Müttern werde es leichter gemacht, herauszufinden, ob sie ein Kind mit Behinderung austragen werden und in diesem Falle die Schwangerschaft abzubrechen. 

„Die Gesellschaft ist in Gefahr, zu selektieren, die gesellschaftlichen Auswirkungen sind jedoch bei beiden Verfahren gleich“, so Ludwig. Nicht gleich ist das medizinische Risiko, das die Verfahren mit sich bringen: „Der Anspruch der Gesellschaft und der Mütter ist gestiegen, ein möglichst optimales Kind zu erzeugen. Das Streben nach perfekten Kindern ist bereits da und wird wachsen, dann sollte man das medizinische Risiko minimieren.“

Den ungefährlichen Bluttest kann sich allerdings nicht jeder leisten. Einkommensschwächere sind derzeit gezwungen, sich den Risiken der Fruchtwasseruntersuchung auszusetzen, wenn sie Klarheit über ihr Baby haben wollen. 

Der Vizefraktionschef der SPD, Karl Lauterbach, hat sich bei der Bundestagsdebatte ebenfalls für den Bluttest ausgesprochen. "Der Test ist medizinisch gesprochen schlicht und einfach viel besser. Kann ich den besseren Test Frauen vorenthalten und ihnen die gefährliche Amniozentese zumuten, wenn sie das Geld nicht haben? Das können wir nicht“, argumentiert Lauterbach und erntet dafür fraktionsübergreifenden Applaus. 

Einen solchen bekommt auch die FDP-Abgeordnete Katrin Helling-Plahr, selbst hochschwanger. Sie habe alle möglichen risikofreien Tests durchführen lassen. Nicht, um das Kind im Falle einer Trisomie 21 abzutreiben, "sondern weil Untersuchungsergebnisse den werdenden Eltern Sicherheit bieten. Weil sie vielfach Sorgen nehmen können, oder ermöglichen, sich auf Kommendes einzustellen.“

Bei der Debatte stehen sich das Selbstbestimmungsrecht der Frau und der Wert der Inklusion gegenüber, die Haltungen gehen weit auseinander. Viele Kritiker fürchten, dass werdende Mütter sich vorschnell gegen ein Kind mit Down-Syndom entscheiden, so auch die Grünenabgeordnete Corinna Rüffer. In ihren Augen diene der Bluttest der Selektion. "Warum entscheiden sich so viele Frauen für eine Abtreibung?“, fragt sie und weist anschließend darauf hin, dass viele Menschen dankbar seien, nicht von der Diagnose ihres Kindes gewusst zu haben - sie hätten sonst vielleicht aus Angst vor der Überforderung abgetrieben.

Dieser Überforderung gilt es vorzubeugen. Es ist wichtig, werdenden Eltern eines behinderten Kindes zu erklären, was auf sie zukommt und ihnen zur Seite zu stehen. Auch der Facharzt für Allgemeinmedizin Ludwig findet, „es kommt auf sehr viel Aufklärung an.“ Es wäre ein erster Schritt, Risikoschwangeren die Möglichkeit eines finanzierten ungefährlichen Bluttests zu bieten.

*Name geändert

Von Yuvina Kostrzewa
Veröffentlicht am 11.05.2019