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Geschlecht

Transgender - Sie zu Er und Er zu Sie

Eine Transgender-Flagge, die 2012 auf der Harvey Milk Plaza in San Francisco wehte (Foto: torbakhopper)

Menschen, die im falschen Körper geboren werden, treten immer häufiger an die Öffentlichkeit. Immer mehr Personen in Deutschland outen sich als Transgender und bringen ihre Situation der Gesellschaft näher, sogar bei Germany's Next Topmodel kämpften dieses Jahr zwei Transgender-Frauen um den Sieg.

Jedes Jahr Ende Januar geht es los: Tausende junge Frauen in Deutschland machen sich auf, um von Heidi Klum zu Germany's Next Topmodell gekrönt zu werden. Jedes Jahr ist es ein Spektakel, das eine ganze Generation im Fernsehen verfolgt und jedes Jahr werden nur wenige der Bewerberinnen ausgewählt, um mit der Jury und dem Fernsehteam auf Weltreise zu gehen. Drei oder vier der Mädchen kommen ins Finale, doch nur eine kann Germany's Next Topmodel werden. Es wird gearbeitet, geweint, gelacht und vor Nervosität gezittert. GNTM ist nicht nur eine Castingshow, es ist eine Unterhaltungsshow, bei der ganz Deutschland mit den Mädchen mitfiebert, wenn sie jede Woche vor der Jury stehen und auf ihr Foto warten. Unterhaltung, die fast immer aus dem Drama und der Dynamik der verschiedenen Kandidatinnen entsteht. Jedes Jahr gibt es ein Mädchen, welches für Reibereien in der Gruppe sorgt, eines, das sich nicht wirklich insgeheim für besser als ihre Mitstreiterinnen hält und eines, das erst schüchtern und unauffällig ist und später durchstartet. Dieses Jahr gabt es etwas Neues: Zwei der ausgewählten Mädchen waren einmal Jungen.

Was vor ein paar Jahren wahrscheinlich noch ein großer Skandal gewesen wäre, dient in diesem Jahr nur noch als Unterhaltungsfaktor, eine dramatische Leidensgeschichte, die bei Castingshows gerne ausgeschlachtet wird. Transgender zu sein, das ist kein Problem bei GNTM, man kann trotzdem zu Heidi's schönsten Mädchen gehören.

Diese Message verbreitete die Produktion von Pro7 mit den Kandidatinnen Giuliana Farfalla und Melina Budde in Deutschland. Beide wurden im Körper eines Jungen geboren und beide wurden ohne Vorbehalte genauso behandelt, wie die restlichen Kandidatinnen. 

Auch Bruce Jenner, ehemaliger olympischer Zehnkämpfer und Stiefvater der berühmten Kardashian Schwestern, wurde im Juni 2015 zu Caitlin Jenner. Sie outete sich als transsexuell. Ihre Verwandlung ging auf der ganzen Welt durch die Medien - ein Vanity Fair Cover und eine eigene Reality Show folgten. 

Jenner war sicher nicht die erste öffentliche Person, die ihr körperliches Geschlecht änderte, aber es kann nicht verkannt werden, dass Caitlin, die so öffentlich über ihre Erfahrungen spricht, Transgender und Transsexualität einen großen Schritt weiter in die Öffentlichkeit brachte. 

Immer öfter hört man von einer Geschlechtsumwandlung, oder von Jemandem, der für seine Rechte als Transgender-Person kämpft. Immer wieder sieht man Videos von Menschen, die ihre Geschichte erzählen, oder den Verlauf ihrer Verwandlung filmen. Transgender wird langsam Mainstream. 

Mainstream, das klingt für die meisten negativ, abwertend und nicht wünschenswert. Was es aber eigentlich bedeutet, ist nichts anderes, als massenkompatibel, oder von der breiten Masse anerkannt. Anerkannt, das ist nichts schlechtes, wenn es um die Sexualität von Mitgliedern unserer Gesellschaft geht. Ganz im Gegenteil, in diesem Fall ist Mainstream und Anerkennung genau das, was wir brauchen.  

Transgender - Was bedeutet das?

Transgender, das bedeutet, das Geschlecht mit dem sich ein Mensch identifiziert, entspricht nicht dem Geschlecht, mit dem sie oder er geboren wurde.

Frauen, die im Körper eines Mannes geboren wurden, oder Männer, die im Körper einer Frau geboren wurden. Oft, wenn auch nicht immer, wünscht sich der oder die Betroffene eine Korrektur des körperlichen Geschlechts, hormonell, chirurgisch, oder mithilfe beider Methoden. Diese Person identifiziert sich dann als transsexuell. Außerdem nehmen Transgender meistens das Pronomen ihres wahren Geschlechts an. Aus „Sie“ wird „Er“ und aus „Er“ wird „Sie“, so wie bei GNTMs Giuliana und Melina. Personen, die sich weder als Frau noch Mann sehen, beschreiben sich als nicht-binär (non-binary).

Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO leiden Transgender noch unter einer Persönlichkeits- und Verhaltensstörung, Transgender-Denken wird also als psychische Störung klassifiziert. Es wurde allerdings schon 2015 ein neuer Entwurf vorgelegt, der Transgender als medizinischen Zustand deklariert. Die falschen Geschlechtsorgane würden als körperliche Fehlbildung angesehen werden, zumindest grob betrachtet. Der Entwurf soll im Jahr 2018 in Kraft treten.

Sucht man nach Anzahlen und Statistiken von Transmännern und Transfrauen in Deutschland, wird man nur schwer fündig. Nicht alle Betroffenen lassen sich medizinisch behandeln oder ändern ihr Geschlecht vor dem Staat. Die deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. schätzt, dass in Deutschland zwischen 20 000 und 80 000 Transgender leben. Für diese stellt sie Ergänzungsausweise aus und veröffentliche, dass im Jahr 2001 nur 44 Personen einen solchen Ausweis beantragt haben, 2017 waren es schon 125 Beantragungen und im Jahr 2014 wurden ganze 433 Ausweise ausgestellt. Dies zeigt zwar keinesfalls die wahre Anzahl der „öffentlich Transsexuellen“ in Deutschland auf, noch kommt es der Dunkelziffer nahe, es zeigt aber, wie rapide sich die Anzahl der Menschen erhöht, die sich als transsexuell bekennen. 

Transgender kann man in allen Medien finden 

Im falschen Körper geboren zu sein ist aber keinesfalls ein neues Phänomen.

Im Jahr 2015 erschien der Film „The Danish Girl“, mit den Oscar-Darstellern Eddie Redmayne (Fantastic Beasts And Where To Find Them) und Alicia Vakanter (Ex Machina) in den Hauptrollen. Er beruht auf der wahren Geschichte von Lily Elbe, die 1882 als Herr Einar Morgens Wegner geboren wurde und eine der Ersten war, die sich einer operativen Geschlechtsangleichung unterzog. 

Neben Spielfilmen sind transgender Menschen auch in allen anderen Fernseh- und Medienformaten vertreten. Bei der Castingshow Germany’s Next Topmodel kämpften Giuliana Farfalla und Melina Budde, die beide als Junge geboren wurden um den Sieg, mittlerweile sind beide schon ausgeschieden. Es fiel aber auf, dass ihre Vergangenheit den Kandidatinnen weder einen Vorteil, noch einen Nachteil einbrachte. Sie gehörten einfach mit zum Rest der Mädchen. 

Die berühmte Transfrau Laverne Cox spielt im Netflix Erfolg „Orange is the New Black“ mit. Amazon startete mit „Transparent“ eine Serie, in der es um einen ehemaligen College-Professor geht, der sich als Frau identifiziert. Caitlin Jenner, Stiefvater und Vater des Kardashian-Jenner Clans, denen nun wirklich kein Internetnutzer entgehen kann, wurde berühmt durch die Reality Show „Keeping up with the Kardashians“. Als Caitlin wurde er dann selber zur Hauptperson, in der Reality Show „I am Cait“, welche ihn in seinem Leben als Frau begleitet. 

Zahllose Youtuber und Blogger berichten von ihren Transition-Geschichten, ihren Verwandlungen, darunter zum Beispiel Skylar Kergil (Youtube Channel: skylarkeleven), der Videos postet und darin über seine Erfahrungen spricht.

Diese mediale Präsenz sorgt dafür, dass der Begriff "Transgender" in der breiten Gesellschaft ankommt. Die Menschen lernen Neues kennen und sie fangen an, Andersartigkeit zu verstehen, was zu mehr Toleranz und Akzeptanz führt. Akzeptanz, das ist wichtig, nicht nur für Transgender und Transsexuelle, die sich schon geoutet haben, sondern auch für die, die noch nicht so weit sind.

Das Wissen, nicht aufgrund seiner Sexualität ausgegrenzt zu werden, wird benötigt, um man selbst sein zu dürfen, was für die psychische Gesundheit von Menschen unumgänglich ist. 

Leider ist es im Bereich der Akzeptanz in vielen Fällen noch nicht so weit, auch in Deutschland nicht.

„Es war eine harte Zeit, fast alle Freunde haben sich von mir abgewendet“, sagte GNTMs Melina Budde zum Stern. Auch wenn viele Menschen mit Liebe reagieren und ihre Mitmenschen bedingungslos akzeptieren, ist eben auch das Gegenteil möglich. Es werden Witze gemacht und der Wunsch, nicht nur innerlich das richtige Geschlecht zu haben, wird als erfunden betrachtet. Es wird als ein Wunsch nach Aufmerksamkeit abgetan. "Heute weiß ich, dass ich mich so schlecht gefühlt habe, weil viele Menschen mir immer widergespiegelt haben, ich sei krank, (…) ich habe ihnen irgendwann fast geglaubt“, so Melina.

Das Toiletten-Problem

Auch für die grundlegendsten Rechte muss noch gekämpft werden. Gerade in den USA wird immer wieder die Debatte geführt, welche Toilette eine Transgenderperson in welcher Phase ihrer Verwandlung besuchen darf. Letztes Jahr im Mai legte Obama fest, dass Schulen ihren Schülern erlauben müssen, die Toilette aufzusuchen, die dem Geschlecht entspricht, mit dem sie sich identifizieren.

Im Februar hob Donald Trump diese Regel wieder auf, angeblich sorgte sie für Verwirrung. Eine große Niederlage im Kampf für Transgender-Rechte. 

In Deutschland prüft der Berliner Senat seit zwei Jahren, ob in öffentlichen Gebäuden geschlechtsneutrale Waschräume eingerichtet werden sollen. „Der öffentliche Raum ist ein gefährlicher Raum“, sagt René Hornstein, Vorstandsmitglied im Bundesverband Trans* zu Welt.de. „Gerade auf der Toilette. (…) Es gibt auch Fälle, in denen das Wachpersonal gerufen wird, um Transmenschen aus den Toiletten zu werfen, weil andere Toilettennutzer glauben, dass die dort nicht reingehören.“

Das Vorhaben um die geschlechtsneutralen Waschräume stößt allerdings auf Kritik, Politiker der Opposition bezeichnen die Anstrengungen als unverhältnismäßig. 

Es bleibt also zu hoffen, dass das „Badezimmer für alle“ möglichst schnell zur Norm wird, es würde als Beispiel dienen für noch viele andere Veränderungen, die Transgender-Personen zugute kommen.

Wieder ein Beispiel, bei dem klar wird, dass die Anerkennung von Transgendermenschen oft vorhanden ist, aber noch immer für ihre einfachen Rechte gekämpft werden muss. Die Medien tragen immer weiter dazu bei, dass sie akzeptiert werden und vollkommen in der Gesellschaft ankommen. Trotzdem ist diese Art von Mainstream, so positiv es auch gemeint ist, noch nicht genug. 

Um Transgender und Transsexuelle in Deutschland zu unterstützen und Akzeptanz zu fördern, haben sich viele Vereine und Gruppen gebildet, Trans* (www.bv-trans.de) oder die Deutsche Gesellschaft für Transitentität und Intersexualität e.V. (www.dgti.de) sind nur zwei von ihnen.

Hilfe bekommen kann man zum Beispiel bei der Selbsthilfeorganisation Trans-Iden e.V. (www.trans-ident.de). 

Von Sabrina Osterhage
Veröffentlicht am 05.06.2017