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Eurovision Song Contest

60-jährige Kultshow

Quelle:Pixabay

Die Halle in Lissabon ist längst leer - und aufgeräumt, die meisten Teilnehmer zum Feiern oder Wunden lecken in ihren Heimatländern und Peter Urban bereitet sich sicherlich schon auf die nächste große Gesangsparty vor. Im nächsten Jahr findet der Eurovision Song Contest in Jerusalem statt. Doch was macht das länderverbindende Singen auch nach über 60 Jahre noch so besonders. Das Grossstadtpapier hat die gefragt, die mit für das Fortbestehen des ESC verantwortlich sind: die Fans.

Schon Tage vorher wird die ESC-Party geplant. Es werden Büffet-Aufgaben verteilt, erste Favoriten gekürt und wieder verworfen und die deutschen Siegchancen genau berechnet. „Früher gehörte auch die eine oder andere Flasche Sekt zu einem echten ESC-Abend, inzwischen sind wir aber komplett auf Hugo umgestiegen“, sagt Katrin und lacht. Die 56-jährige schaut seit vielen vielen Jahren die alljährliche Krönung des beliebtesten Gesangstitels der europäischen Länder und inzwischen auch Australien. „Dass die Australier dabei sind, finde ich richtig gut. Die haben richtig Qualität in den Wettbewerb gebracht“, ergänzt Petra. Auch sie gehört zur Gruppe, die sich alljährlich zum gemeinsamen Gucken in einem immer wechselnden Wohnzimmer versammelt.

„Ich bin schon seit Nicole dabei, und bis heute hat der ESC für mich seinen Reiz nicht verloren“, sagt Barbara. Was aber macht diesen Reiz für sie aus. Das kann sich die 54-jährige auch nicht so genau erklären. „Früher waren es vor allem die verrückten Auftritte. Besonders aus Ost-Europa standen da in den letzten Jahren wirklich einige Kuriositäten auf den Bühnen. Aber das eigentliche Highlight war früher die Punktevergabe. Da konnte man richtig mitfiebern und sich auch darüber ärgern, wenn alle von ihren Nachbarn wieder Punkte bekommen haben, und Österreich und Niederlande 0 Punkte an Deutschland gegeben haben.“ Das aktuelle System mit Jury- und Zuschauerpunkten hingegen bekommt von der ESC-Fan-Truppe nur wenig Zustimmung. „Dabei ist vieles an Spannung verloren gegangen und wirklich gerechter ist es am Ende auch nicht geworden. Die Jurys und die Zuschauer entscheiden sich ja völlig anders. Das hat man in diesem Jahr ja wieder gesehen“, sagt Katrin dazu.

Und in der Tat waren sich Zuschauer und Jurys in diesem Jahr nicht wirklich einig. So erhielt der spätere Wettbewerbsdritte, der österreichische Beitrag „Nobody but You“ gesungen von Cesár Sampson, insgesamt 8-mal die Höchstpunktzahl von zwölf Punkten von den Jurys und insgesamt 271 Jurypunkte. Am Ende verteilten die Zuschauer aber nur 71 Punkte an den jungen Österreicher. Und während der italienische Beitrag „Non mi avete fatto niente“ von Ermal Meta und Fabrizio Moro mit nur 59 Punkten von den nationalen Jury fast schon abgestraft wurden, so honorierten die Zuschauer den Auftritt mit sensationellen 249 Punkten. Einig waren sich Jurys und Zuschauer aber beim späteren Sieger Israel. Sowohl von Jurys als auch von Zuschauern erhielt Netta mit ihrer Mittanznummer „Toys“ hohe Punktzahlen, im Falle der Zuschauer sogar die Höchstpunktzahl.

„Ich fand das alte System trotzdem besser. Na klar man hat sich am Ende der Show oft geärgert, wenn Deutschland mal wieder ganz hinten stand oder die Punkte nicht nach Qualität, sondern nach geografischer Nähe der Länder verteilt worden sind. Aber irgendwie gehörte auch das zum ESC dazu“, meint Ulli zum 2018 mal wieder leicht geänderten Punktevergabesystem. Wurden bis 1997 die Sieger ausschließlich durch Jurys bestimmt, so kamen danach die Zuschauer ins Spiel, die nationalen Jurys wurden abgeschafft. 2009 feierten diese ein Comeback und vergeben seitdem wieder 50% der Punkte.

Die diesjährige Siegerin Netta aus Israel gehörte vor dem Finale am Samstag nicht zu den absoluten Favoriten der ESC-Gruppe. Auf fast jedem vorher verteilten Tipp-Zettel stand der Beitrag aus Zypern der Sängerin Eleni Foureira als Sieger fest, nur Katrin setze auf den deutschen Beitrag Michael Schulte. „Ein bisschen Patriotismus muss beim ESC auch mal sein“, bemerkt sie dazu nur und lacht. Der Lieblingssieger ist Netta aber nicht. Dort findet man in der Gruppe alles. Von Nicole und Lena, den beiden deutschen Siegerinnen, über die Olsen Brothers, zwei ältere Herren aus Dänemark, bis zu Lordi, einer maskierten Hard Rock Gruppe aus Finnland ist alles dabei. „Da waren in den letzten Jahren so viele Künstler dabei, da erinnert man sich nicht mehr an so viele Auftritte“, sagt Barbara. „Man erinnert sich halt vor allem an die skurrilen Auftritte.“

Einer darf bei einem echten ESC-Abend aber auf keinem Fall fehlen. „Ohne Peter Urban ist es kein Eurovision Song Contest. Wir haben schon gesagt, wenn der mal aufhört zu moderieren, dann müssen wir auch aufhören zu gucken“, sagt Katrin.

Und ob es am Ende an den Auftritten, der Musik oder an Peter Urban liegt, oder man einfach nur die Chance nutzt einen gemütlichen gemeinsamen Abend zu verbringen. Bei den meisten Menschen bleibt der ESC auch nach über 60 Jahren des Bestehens Kult. Und einen Wunsch will sich der inoffizielle ESC-Fanclub noch erfüllen. „Wir wollen einmal gemeinsam in der Halle stehen und den ESC erleben“, sagt Barbara. Nur nicht im nächsten Jahr. Dafür ist Jerusalem der Gruppe doch ein wenig zu weit.

Von Sebastian Günther
Veröffentlicht am 15.05.2018