Grossstadtpapier
Nachrichtenportal für Hamburg
Mode

Behinderung als Talent

Quelle: Auf Augenhoehe

Diversity ist nicht mehr nur ein gesellschaftlicher Trend. Auch die Modeindustrie setzt immer mehr auf Vielseitigkeit.

Auf der Sedcard von Model Mario Galla steht „Special Booking“. Normalerweise steht das für besondere Talente, bei ihm verweist es allerdings auf seine Beinprothese. „Mein Talent war dann meine Behinderung.“ Als Model mit Beinprothese hatte er es vor allem am Anfang seiner Modelkarriere schwer. „Meine Behinderung wurde kaschiert. Mein Look hat zwar gepasst für einige Jobs, aber die Kunden wollten dann trotzdem nicht zeigen, dass sie ein behindertes Model einsetzen.“ In einigen Castings wurde er von Designern als „Krüppel“ rausgeschimpft, sobald sie erfuhren, dass die Agentur ihnen ein Model mit Behinderung geschickt hat.

 

Der Begriff Diversity kommt immer häufiger vor. Ursprünglich aus der Soziologie als Terminus für Vielfalt und die Anerkennung individueller und Gruppenmerkmale geht er nun auf verschiedene Bereiche über. Nun ist Diversity auch in der Mode angekommen und mischt die Traditionen auf.

Der Trend herrscht seit einigen Jahren und hat auch schon ein wenig Veränderung mit sich gebracht. Der „Fashion Diversity Report“ wird zu jeder Fashion Week erstellt, um zu überprüfen, wie divers die Models in den Modestädten Paris, New York, London und Mailand vertreten sind. Dort lässt sich in einer Kategorie ein wahnsinniger Fortschritt ablesen: Von Anfang der Messung im Frühjahr 2015 bis heute, zum Herbst 2019, ist der Anteil „Nicht-weißer-Models“ von 17% auf 38,8% gestiegen. Es wird langsam, aber sicher zur Selbstverständlichkeit, dass keine Show mehr nur von weißen Models dominiert wird.

Wo sich jedoch kein Fortschritt ablesen lässt, ist die Repräsentation anderer Randgruppen. Speziell Menschen mit Behinderung finden in der Modebranche wenig bis keine Gleichgesinnten. Sie gelten immer noch als Ausnahme.

 

Der Modedesigner Michael Michalsky bemüht sich, Diversität zu repräsentieren. „Für meine Modenschauen habe ich schon immer Models gebucht, die durch ihr Alter, eine Behinderung oder ihre sexuelle Orientierung hervorstachen. Für mich zählt Individualität und Authentizität. Gleichförmigkeit und starre Ansichten langweilen mich und engen mich ein“, sagt Michalsky über Diversität als Selbstverständlichkeit bei seinem Label. Auf seiner Modenschau lief Mario Galla das erste Mal in kurzen Hosen und hatte somit sein Coming Out.

Michalsky sieht es allerdings als nicht so einfach an, immer alle einzubeziehen und erwähnt den Aufwand, den unter anderem die Herstellung von guter Plus Size Mode kostet. Galla glaubt ebenfalls, dass jährliche gesonderte Kollektionen „für Curvy, Leute mit Handicaps oder sogar extra für Rollstuhlfahrer“ sinnvoller wären. Insgesamt fasst er die Modebranche, von der er nun seit zehn Jahren ein Teil ist, als „größtenteils superelitär und superarrogant“ auf.

Das ist wohl auch einer der Gründe, warum es ihnen so schwerfällt, in neuen Dimensionen zu denken und auch Models mit Handicap beispielsweise einzusetzen. Einige Modehäuser argumentieren, dass ihnen „Exotik“ nicht abgekauft werden würde, da sie ihre Ursprünge in Europa hätten und es unauthentisch wirken würde, sich von den Traditionen zu distanzieren. Doch Mario Galla sieht, dass sich dieses Bild nun langsam wendet. „Die neue, freshe Generation, dessen gesellschaftlicher Kontext von zig verschiedenen Typen dominiert wird, bestimmt jetzt den Zeitgeist“, sagt er und freut sich über diese Entwicklung. „Wenn ich jetzt nochmal zwanzig wäre, wäre das die Branche, in die ich gerne einsteigen würde.“

Sema Gedik, Gründerin des einzigen weltweiten Modelabels für Kleinwüchsige namens Auf Augenhöhe, sucht ihre Models ebenfalls nicht nach gängigen Klischees aus. „Am wichtigsten bei der Modelauswahl ist für uns die Motivation etwas bewegen zu wollen und mit Herzblut dabei zu sein“, sagt sie. Agenturen für kleinwüchsige Models gibt es bisher nicht, deshalb sei Auf Augenhöhe auf Aufrufe in sozialen Medien angewiesen, wenn sie neue Models suchen. Vor ihr hat sich keiner mit dem Thema beschäftigt und Kleinwüchsige mussten meist in der Kinderabteilung ihre Klamotten finden. Sie möchte, dass sich mehr Labels in diesem Themenfeld engagieren. „Historisch gesehen hat die Modebranche immer schon Grenzen gezogen, sei es zwischen Geschlechtern, Körperproportionen, Schönheitsidealen oder Status“, beobachtet sie. Doch diese Trennungen erscheinen ihr nicht mehr zeitgemäß. „Grenzen sollten aufgebrochen und der Status Quo kontinuierlich hinterfragt werden. Als Branche sollten wir anfangen, verstärkt zusammen zu arbeiten.“ Mit Kooperationen mit Tommy Hilfiger beispielsweise, versucht sie, das Thema an die Öffentlichkeit zu bringen und zu normalisieren.

Sema Gedik findet ebenfalls, dass es Zeit ist, die Traditionen aufzubrechen, schließlich lebe die Modebranche davon. „Es ist enorm wichtig, dass Menschen mit Behinderungen, nicht weiße Models oder vermeintlich "exotische" Models eben nicht nur als Accessoire oder zur Image-Pflege genutzt werden.“ Denn manchmal dienen sie eben nur als Marketingtool, das hat auch Galla bemerkt.

Auch Benjamin Melzer fühlt sich auf sein Alleinstellungsmerkmal reduziert. Er ist als Transgender Male Model einer der einzigen, der diese Kategorie in der Mode repräsentiert. „Finde mal eine Frau, die 1,86 m ist, dann zum Mann wird und auch noch geil aussieht; das ist nicht so leicht“, sagt er und lacht. Er selbst ist auch keine 1,86m, hat sich aber trotzdem einen Namen als Model machen können.

Unter anderem liegt das vielleicht an seinem erfolgreichen Instagramprofil. Auf Instagram hat jeder eine Chance, sich zu präsentieren.

Auch Galla sieht großes Potenzial in den sozialen Medien, weiß aber noch nicht so recht, was er selbst damit anstellen möchte. „Ich könnte theoretisch auch ein dickes, gehandicaptes, zahnloses, glatzköpfiges Model mit 53 sein und mich heutzutage immer noch so selbst vermarkten, dass ich vielleicht davon leben könnte“, sagt er. Es ist im Vergleich zur veralteten Modebranche so neu, dass es gar keine rückständigen Traditionen geben kann, sondern es liegt am Puls der Zeit. Das hat auch ein wenig Einfluss auf die Modebranche geübt. Benjamin Melzer sieht auch, dass die sozialen Medien eine Veränderung in die Modebranche gebracht haben. „Wenn man nicht die Maße mitbringt, muss man auf jeden Fall eine Marke sein und eine gewisse Followerzahl mitbringen, dann ist man für Designer plötzlich auch interessant.“ Er nutzt die Plattform, um sich darzustellen und zu zeigen, dass das „nicht alles Paradiesvögel sind, sondern ganz normale Menschen mit ganz normalen Träumen, Zielen und Wünschen.“

Doch im gängigen Schönheitsbild der Medien ist diese Entwicklung noch nicht so richtig angekommen. In den Top 10 der bestbezahlten Models ist von Diversität nicht viel zu sehen. Eine Errungenschaft gibt es dennoch: zwei davon sind nicht weiß. Ansonsten vertreten sie aber alle die Durchschnittsmaße und alles was zu einem „Topmodel“ sonst noch dazugehört.

In den Fashion Weeks, wo diese Top-Ten-Models natürlich stark vertreten sind, erfasst der Fashion Diversity Report außerdem Daten zu Models über 50, Plus Size oder besonderen Geschlechtsidentifikationen. Es lassen sich positive Veränderungen beobachten, auch wenn sie im Kontext wenig Einfluss haben. Zuerst scheinen die zweistelligen Zahlen und Veränderungen, beispielsweise der Rekord von 91 Transgender/Nonbinary Models im Frühjahr 2019 sehr positiv zu klingen. Schaut man sich die Zahlen allerdings im Kontext an, sind es nur 1,23% aller Models auf der Fashionweek, die sich nicht mit ihrem angeborenen Geschlecht identifizieren. Es wird also wieder bestätigt, dass diese Besonderheiten weiterhin Ausnahmen bleiben. Die anderen erfassten Prozentzahlen der Anteile außergewöhnlicher Models lagen meistens unter 1%.

Die Anzahl von Models mit Handicap wird bei der Fashion Week gar nicht erfasst, weil sie viel zu niedrig ist. Mario Galla als Model mit Beinprothese und auch Benjamin Melzer als Transgender Male Model repräsentieren ihre Kategorien fast alleine. Dadurch sehen sie sich als Vorbild für andere, die den Modelweg beschreiten wollen. Designer möchten mit ihren Bemühungen für Diversität ebenfalls zum Denken anstoßen. „Jeder, der eine meiner Shows schon einmal gesehen hat, sollte dadurch inspiriert sein, sich mit Vielfältigkeit auseinanderzusetzen“, findet Michalsky. Wenn sich noch mehr Designer deren Vision anschließen und mehr Menschen mit Besonderheiten den Modelweg wählen und dort eine Chance bekommen würden, aufzusteigen – „dann“, so Gedik, „steht einer neuen Ära in der Modewelt nichts mehr im Wege.“

Von Shiva
 Oskui
Veröffentlicht am 08.05.2020