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Sport

Das Brüllen der Löwinnen

Mariam, Shabnam Ruhin und Manja Mir (v.l.) in den Nationaltrikots Afghanistans

Mit Steinen beworfen. Verachtet, verpönt, mit dem Tode bedroht, aus dem eigenen Land vertrieben. Es ist die Geschichte eines Mädchen, das einen Traum hat, den es auch leben möchte: Fußball spielen.

Khalida Popal (heute 28) wächst in Afghanistan auf. Terror, Angst, Armut bestimmt den Alltag der Menschen am Hindukusch. Der Sport ist für Khalida mehr, als nur ein Mittel zur Ablenkung. „Fußball bedeutet die Welt für mich, eine Welt aus Glück, Erfolg und Stärke“, erklärt die selbstbewusste Frau, die seit 2011 im dänischen Exil lebt. Um ihre Leidenschaft auszuüben, muss sie schon zu früher Kinderzeit mit Diskriminierung umgehen. Denn Fußball ist in dem strengmuslimischen Land lange Zeit den Männern vorbehalten.

„Eine Gruppe von Männern kam zum Fußballfeld und nahm uns unsere Fußbälle und Kopfbedeckung weg. Sie nannten uns Prostituierte. Manchmal warfen sie Steine nach uns. Wir konnten nicht auf öffentlichen Plätzen spielen“, erinnert sich Khalida. Eine Leidenschaft, die Leiden schafft? Für die selbstbewusste Frau ein Umstand, den sie nicht hinnehmen will.

Khalida beschließt, gegen die Unterdrückung anzugehen und kämpft seit Jahren für Sichtbarkeit und Berichterstattung in den Medien des Frauenfußballs in Afghanistan. Fußball wird für sie der Weg der politischen Meinungsäußerung und ihre Basis für Menschen- und Frauenrechtsaktivismus. Durch ihren Einsatz während dieser Zeit in Afghanistan, wurde es erst möglich, dass seit 2007 die erste afghanische Frauen Nationalmannschaft bei der FIFA gelistet wird.

Zu ihnen zählen auch drei in Deutschland aufgewachsene Spielerinnen, die seither alles für die Reputation ihrer Mannschaft tun. „Es war schon etwas seltsam, als uns plötzlich ein afghanischer Scout seine Visitenkarte mit der Aufschrift eines Pizza-Services, nach einem Spiel in die Hand drückte, mit der Bitte uns zu melden“, erinnert sich Shabnam Ruhin (24), die mit ihrer Schwester Mariam (23) seit 2010 in der Nationalmannschaft aktiv ist.

Ihre Geschichte beginnt vor über 10 Jahren beim ESV Einigkeit im Hamburger Stadtteil Wilhelmburg. Ambitionierte junge Spieerin, die neben dem Talent zum Kicken auch was im Kopf haben. Shabnam studiert derzeit Medizintechnik an der HAW in Bergedorf und Mariam im achten Semester Jura. Ende nächsten Jahres  will sie ihr erstes Staatsexamen schreiben. Ebenfalls beim ESV entdeckt wird die 20-Jährige Gymnasiastin Manja Mir. „Es ist bewundernswert, dass junge Mädchen in Afghanistan sich entgegen schwierigster Lebensbedingungen nicht aufgeben und draußen zusammen Fußball spielen“, betont Mariam.

Der Kampf gegen die Diskriminierung, der Kampf für den Sport, er lohnt sich. Mittlerweile hat die Frauen-Nationalmannschaft Afghanistans nahezu professionelle Strukturen, nimmt regelmäßig an Turnieren oder Freundschaftsspielen teil. Für die Vorbereitung in diesem Jahr, treffen sie sich in Trainingscamps auf verschiedenen Kontinenten - Europa, USA und Asien. Ihr nächstes großes Ziel ist die Teilnahme an den Südasienmeisterschaften auf den Malediven. „Wir können selbst kaum glauben, in wie vielen Bereichen sich die Mannschaft in den letzten paar Monaten positiv entwickelt hat“, stellt Manja fest. Durch den dänischen Sportausstatter Hummels, wurde am Weltfrauentag in diesem Jahr, mit der Veröffentlichung des neu gestalteten afghanischen Nationaltrikots, ein weiterer Meilenstein gefeiert.

Erstmals ist es Spielerinnen überhaupt möglich, Trikots mit einem integrierten Hijab, einer muslimischen Kopfbedeckung, zu tragen. Dies ermöglicht den Spielerinnen sich auf Augenhöhe mit Teams aus der ganzen Welt zu messen, ohne sich dabei Gedanken über ihre Religion zu machen. Stolz präsentieren sich die Spielerinnen, wenn sie in das neu gestaltete Trikot schlüpfen. Auf dem Shirt ist ein großer Löwenkopf zu sehen. Ein Symbol für die immer lauter werdende Stimme der kickenden Frauen aus Afghanistan.


Von Marie-Julie May
Veröffentlicht am 16.07.2016

Marie-Julie May

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