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Kino

Ein Königreich für einen Psychopathen

Copyright: Warner Bros.

„Joker“ bringt die faszinierend verstörende Hintergrundgeschichte von Batmans wohl bekanntestem Erzfeind auf die Kinoleinwand, dabei wird sein Aufstieg zu Gothams wahnsinnigstem Schurken regelrecht gefeiert. Joaquin Phoenix zeigt uns einen ganz neuen Joker.

„Ich will mich einfach nicht mehr so schlecht fühlen.“ Eine Aussage gegenüber seiner Therapeutin, die Arthur Flecks Weg zum Joker so treffend beschreibt wie kaum eine Szene im Rest des Films. Und diesem Motto bleibt der Film auch über seine vollen 122 Minuten Laufzeit treu.

 

Nach bisherigen Werken wie der "Hangover"-Trilogie oder "Stichtag" wagt Regisseur Todd Phillips mit der Comicverfilmung „Joker“ den Sprung aus der Comedy in die düsteren Ecken des Kinos. Gemeinsam mit Hauptdarsteller Joaquin Phoenix inszeniert Phillips einen Joker, wie wir ihn noch nie erlebt haben. Porträtiert wird ein Mensch voller Träume und Wünsche, der in seinem Leben immer wieder aufs Neue mit Problemen konfrontiert wird, an denen er schlussendlich zerbricht, kurzum einen menschlichen Joker. Diese Rolle füllt Phoenix perfekt aus, egal ob vor Selbstvertrauen strotzend oder zutiefst betrübt, der Schauspieler bringt uns eine Figur näher, die wir bisher nur als verrücktes Monster kannten.

 

Arthur Fleck hat es nicht leicht. Gemeinsam mit seiner Mutter lebt er in einem kleinen, schäbigen Appartement. Er arbeitet als Clown für Unterhaltungs- und Werbezwecke und das Highlight seiner Tage ist die abendliche Sendung „Live with Murray Franklin“, die von seinem Vorbild und Vaterfigur Murray Franklin moderiert wird. Gesellschaftlich wird Fleck nicht akzeptiert, niemand scheint den traurigen Clown zu respektieren. Zu seinen sozialen Problemen trägt auch noch seine psychische Erkrankung, welche ihn in den unpassendsten Situationen zwanghaft lachen lässt, bei. Es folgt eine andauernde Abwärtsspirale die darin gipfelt, dass er drei junge „Anzugträger“ erschießt, nachdem er von diesen verprügelt wurde.

 

Phillips folgt bei diesem Film einer ganz klaren Linie. In Arthurs Leben geht es nie wirklich voran. Dabei stützt sich der Regisseur auf 3 Eckpfeiler, zum einen auf Arthurs Liebesleben, des Weiteren auf Arthurs Karriere und sein Vorbild Murray, so hat Arthur beispielsweise den Eindruck, dass sein Auftritt in einem lokalen Comedy Club ein riesen Erfolg war, nur um später durch Murray damit konfrontiert zu werden, dass er alleine über seine Witze gelacht hat. Als letzter Pfeiler dient Arthurs Familie, beziehungsweise seine Mutter Penny. Arthur scheint sich aber während des Films dessen bewusst zu werden wie aussichtslos seine Situation ist. So sagt er seiner Mutter: „Weißt du was lustig ist, ich habe immer gedacht, dass mein Leben eine Tragödie ist. Aber jetzt wird mir klar, es ist eine beschissene Komödie!“

 

Phoenix brilliert in dieser Rolle als ganz menschlicher Psychopath. Ob er sich nun zu Beginn des Films die Treppen zu dem Gebäude ,in welchem er wohnt, schwerfällig und mit hängenden Schultern hinaufschleppt oder dieselben Stufen am Ende des Films enthusiastisch hinuntertanzt, in allen von Arthurs Lebenslagen vermittelt Phoenix den Zuschauern die Gefühlslage des Jokers äußerst eindrücklich. Dafür hat sich der Schauspieler intensiv mit der Figur des Jokers befasst, um sich auf die Rolle des Psychopathen vorzubereiten. Kein Wunder also, dass der 45-jährige Schauspieler inzwischen als einer der Topkandidaten für die kommenden Oscars gehandelt wird.

 

Doch schon im vornherein musste der Film Kritik aushalten, denn einige Kritiker bewerten das Werk als gewaltverherrlichend und gefährlich. Vorsicht ist beim Ansehen von Phillips Werk auch durchaus angebracht, da in diesem Film nur die Perspektive des Jokers, eines psychopathischen Verbrechers, porträtiert wird kann leicht der Eindruck entstehen, dass Gewalt eine Lösung ist. Es scheint selbstverständlich, dass man Menschen, welche Ansprüche an sie nicht erfüllen oder die einen provozieren, eiskalt erschießen kann, ohne irgendwelche Konsequenzen fürchten zu müssen. Ganz im Gegenteil, der Film vermittelt  sogar den Eindruck, dass dieses Vorgehen einem eine Schar von Anhängern verschaffen kann, die ihren Anführer und jede seiner Aktionen bedingungslos verehren.

 

Weltweit hat die Comicverfilmung der Origin-Story von Batmans ärgstem Widersacher inzwischen sogar schon einen gewissen Kultstatus erlangt. So ist die für den Film so zentrale Treppe schon heute zu einem Instagram Hotspot geworden, an dem Touristen sich selbst in verschiedensten „Jokerposen“ in Szene setzen.

Von Joshua Kind
Veröffentlicht am 14.11.2019