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Hirnforschung

Engelchen und Teufelchen

Foto von Andrea Piacquadio von Pexels

Das Gehirn hat Streit und wir wissen nicht wohin mit unseren Gefühlen. Das führt zu vielen Konflikten gerade in der Pubertät.

„Nein!“ Ein kleines Wort, wie dieses, kann ein Abendessen mit der Familie ganz schnell umkippen lassen. Bis vor einem Moment war der Abend noch lustig und ausgelassen und schon wechselt er zu angespannt und hitzig. Die Eltern sagen „Nein“! und der Teenager der Familie geht an die Decke. Die Diskussion geht manchmal so lange, das schon mit dem Auszug gedroht wird. Welche Familie mit Kindern im Teenageralter kennt das nicht. 

Unser Gehirn hat Streit und zwar mit sich selbst und das schmeißt uns ziemlich aus der Bahn. Unser Großhirn, dem Areal für rationales Denken, gegen das limbische System, dem Areal für Emotionen. Das ist „Limbi“. Getauft wurde er so von Werner Tiki Küstenmacher, der in seinem Buch „Limbi-Der Weg zum Glück führt durchs Gehirn“ erklärt, wie man am besten mit ihm umzugehen hat. Damit der Mensch eine Entscheidung, ob gut oder schlecht treffen kann, muss doch aber einer am Ende des Streits zwischen „Limbi“ und Großhirn die Überhand haben. "Limbi" ist im Gegensatz zum Großhirn jedoch durchsetzungsfähiger.

Wenn der Mensch eine Willensentscheidung trifft, sind diese Aktivitäten im präfrontalen Cortex, also der Großhirnregion, messbar. Dort liegt das Hoheitsgebiet des Willens. Das limbische System sitzt direkt darunter. Jeder weiß: Nachbarn streiten gern und viel. Wir haben diesen Streit mittlerweile liebevoll Engelchen gegen Teufelchen getauft.

Gerade in der Pubertät macht sich dies bemerkbar. Im Alter von 12 bis 18 Jahren scheinen die Pubertierenden alles an Anstand verlernt zu haben. Der Grund dafür: Im Gehirn herrschen rege Bauarbeiten. Der Teenager wird auf das Erwachsenenleben vorbereitet. Verbindungen zwischen einigen Neuronen, die nicht genutzt werden, werden abgeschaltet. Neuronen sind im Gehirn für die Informationsübermittlung zuständig. Am Ende der Bauarbeiten ist das Gehirn damit um die sieben Prozent leichter, wie Werner Tiki Küstenmacher in seinem Buch erklärt. Kein Wunder, dass Teenager in den Jahren oftmals vieles falsch verstehen oder bei einem einfachen „Nein“ an die Decke gehen.  

Doch nicht nur in der pubertären Phase hat unser Gehirn Streit. Forscher sind fasziniert von den unglaublichen Fähigkeiten des menschlichen Gehirns. So können wir uns selbst beim Denken zusehen, was in der Situation von Engelchen und Teufelchen manchmal auch sehr anstrengend sein kann.  

Christian-Peter-Dogs, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie erklärt, man wisse aus der Hirnforschung, dass das limbische System das rationale Denken hemmen kann. Gefühle können uns so überschwemmen, dass Denken kaum noch möglich ist. Affektsturm nennen das die Psychiater. Umgekehrt könne genauso das rationale Gehirn, das limbische System hemmen. Zum Beispiel in der Situation eines Unfalls, wenn alles Denken ausgeschaltet wird, durch übermäßigen Adrenalin Ausschuss und das Handeln im Vordergrund steht. Erst im Nachhinein könne das limbische System reagieren und es treffe uns der Schock, so Dogs. 

„Das limbische System steuert in der letzten Konsequenz all unsere Entscheidungen. Es ist uns nur nicht bewusst und wir denken die Bewusstheit hat entschieden“, erklärt der Facharzt. „Limbi“ ist also Gewinner des immer wiederkehrenden Streits mit dem unnachgiebigen Willen. Gerade deshalb sollte der Mensch darauf achten, gut mit seinem „Limbi“ umzugehen. Denn ohne ihn und seine Emotionen ist er nicht im Stande überhaupt eine Entscheidung zu treffen. Und auch wenn wir manchmal vollkommen genervt sind von all den Gefühlen, die uns überkommen, so wirklich auf sie verzichten möchten wir dann doch auch nicht.  

Gerhard Roth, deutscher Biologe und Hirnforscher, beschreibt das limbische System des Menschen als die zentrale Stelle im Gehirn, in der die Bewertung stattfindet. Jeder Sinneseindruck geht zuerst durch die Bewertung und erst danach weiter. Das heißt: Jeder Eindruck, den der Mensch hat, ist sofort mit einer Emotion versehen. Doch wie kommunizieren Gehirn und limbisches System denn nun wirklich miteinander? Über Chemikalien und Reize. Auch Botenstoffe genannt. Wenn der Teenager sich zum Beispiel auf seine neuen Fußballschuhe freut, wird das im Gehirn durch Dopamin kommuniziert. Wenn dann das „Nein“ der Eltern kommt, wird das Dopamin ganz schnell durch Adrenalin und dem Gefühl von Wut ersetzt. Ohne Emotionen geht es einfach nicht, denn wenn das limbische System krank wird, folgen Depressionen. Wenn der Wille das eingesehen hat, dass es ohne „Limbis“ Einfluss nicht geht, sind die beiden auch ein unschlagbares Dreamteam.  

Von Jennifer Fiene
Veröffentlicht am 29.05.2020