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Hunde

Hamburg und seine Listis

In Hamburg gibt es ein sehr strenges Gesetz was sogenannte „Kampfhunde“ angeht. Dieses Gesetz wird aber immer wieder kritisiert. Gibt es aggressive Hunderassen? Und ist es überhaupt hilfreich bestimmte Rassen auf eine Liste zu setzen?

Eidelstedt - Ein Schreckliches Unglück am Ostermontag: Bei einer Familienfeier drehte ein Rhodesian-Ridgeback-Rüde namens „Brandon“ plötzlich durch und biss einen achtjährigen Jungen in den Kopf. Das Kind musste notoperiert werden und wurde schwer verletzt. Lebensgefahr bestand zum Glück nicht.

Dieser Fall erinnert stark an den schlimmen Fall vor 19 Jahren. Im Jahr 2000 wurde der sechs jährige Volkan K. von zwei Kampfhunden getötet. Nach dieser Tat führte Hamburg und danach weitere Bundesländer seine strengen Listenhunde Gesetze ein. Eine Liste auf der mehrere Rassen aufgelistet sind, die als gefährlich gelten und für die besondere Vorschriften vorgeschrieben sind.

Doch dieses Mal war es kein Listenhund. Bedeutet das, dass man nach diesem Vorfall den Rhodesian-Ridgeback auch auf die Liste setzen sollte?

Die Hamburger Morgenpost benutzte in dem damaligen Artikel über den Fall, das Wort „Killerhund“. Doch gibt es überhaupt Killerhunde? Oder ist wie so oft der Mensch der wahre Schuldige?

Kritiker der Rasselisten sagen: Der Hund ist, was der Mensch aus ihm macht.
Auch Hansjoachim Hackbarth, Leiter des Instituts für Tierschutz und Verhalten an der Tierärztlichen Hochschule Hannover sagt:
"Man kann jeden Hund gefährlich machen, das ist das Problem.“ Keine Rasse sei aggressiver als die andere.

Das zeigt auch die Hamburger Statistik gem. § 26 Hundegesetz über Beißvorfälle im Jahr 2017. Dort führen nämliche zwei beliebte Rassen die Liste an. Der Labrador Retriever mit 17 Beißvorfällen. Und die kleine Französische Bulldogge kommt auch auf 7 Vorfälle. Sind diese Rassen jetzt auch automatisch aggressiv? 

Es habe immer etwas mit den Erfahrungen des einzelnen Hundes zu tun, nicht mit seiner Rasse. Allerdings haben größere Hunde mehr Kraft und einen stärkeren Kiefer und sind so potenziell gefährlicher als kleinere Tiere.
Durch die Liste haben diese Rassen meist zu Unrecht mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Ein Staffordshire-Terrier sei nicht gefährlicher als ein Labrador, sagt auch Dunia Thiesen-Moussa, die an der Tierärztlichen Hochschule Hannover eine verhaltensmedizinische Sprechstunde anbietet.

Und das sehen auch viele Hamburger so. Am 19.05 haben sich wieder 150 Hundehalter am vierten "Soka Run Hamburg" beteiligt und forderten vom Senat die Abschaffung der Liste.

Die Rasselisten werden auch von mehreren Institutionen abgelehnt und für nicht zweckdienlich gehalten, die wichtigsten davon sind: Bundestierärztekammer, Bundesverband praktizierender Tierärzte, Deutscher Tierschutzbund und Verband für das Deutsche Hundewesen.

Es gibt jedoch wie immer auch Leute, die das anders sehen. z.B. der österreichische Verhaltensforscher Kurt Kotrschal von der Universität Wien. "Es ist vollkommen klar, dass unterschiedliche Rassen zu unterschiedlichen Zwecken gezüchtet wurden", sagt Kotrschal. 

Jede Rasse hat andere Eigenschaften und die eine sei gefährlicher als die andere. "Jetzt so zu tun, als seien alle Hunde gleich, ist einfach Unsinn." Staffordshire-Terrier etwa seien Kampfhunde, sie würden schneller außer sich geraten und sich festbeißen behauptet er.

Gibt es aggressivere Rassen?

Diese Aussage können wir schnell durch eine Studie widerlegen.

Wissenschaftler der Tierärztlichen Hochschule Hannover haben sich von 2002 und 2004 mit dem Thema beschäftigt. Eine Doktorandin unterzog damals fünf auf der Liste stehenden Hunderassen einem Wesenstest. Dies ist ein Test, bei dem Verhaltenseigenschaften (das „Wesen“ und der „Charakter“) eines Hundes überprüft werden.

Insgesamt 415 Tiere der Rassen American Staffordshire-Terrier, Bullterrier, Pitbullterrier, Rottweiler, Dobermann und Staffordshire-Bullterrier wurden getestet.

95% der Hunde reagierten "angemessen" und zeigten "kein gestört oder inadäquat aggressives Verhalten". 

Weiterhin wurden auch 70 Golden Retriever nach demselben Verfahren getestet. 98,6% der Tiere reagierten "angemessen". Für die Forscher war das kein "signifikanter Unterschied" zu den als gefährlich gelisteten Hunden. Die vermeintlichen "Kampfhunde" reagierten also kaum aggressiver als die vermeintlichen Familienhunde. 

Wie geht es weiter?

Der thüringische Landtag hat die Rasseliste im Januar dieses Jahres bereits abgeschafft. Das Argument: Sie habe sich als nicht hilfreich erwiesen, um die Gefährlichkeit eines Hundes abschätzen zu können, hieß es laut "Mitteldeutscher Zeitung" aus den Fraktionen.

Es muss an einer Verbesserung der Mensch-Hund Beziehung gearbeitet werden, weil Aggressivität nicht an der Rasse oder in den Genen liegt – sondern vielmehr an der Art der Haltung.  Kein Hund wird böse oder aggressiv geboren.

"In unserer Gesellschaft sollte ein kompetenter, fachlich gebildeter, verantwortungsvoller Hundebesitzer gefördert werden, denn dieses ist die wirkungsvollste Maßnahme, um Verhaltensproblemen bei Hunden vorzubeugen", sagte auch Hackbarth.

Hamburg sollte auch seine Liste abschaffen und lieber einen Hundeführerschein einführen. In Niedersachsen ist dieser bereits Pflicht. Er soll verhindern, dass gefährliche Hunde von unfähigen Besitzern geführt und versorgt werden. Doch ob er sich dort bewähren wird und wie viele Bundesländer dem Beispiel folgen, wird sich noch zeigen.

Von Elisa Cobernuß
Veröffentlicht am 25.05.2019