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Street Art

Ist das Kunst oder kann das weg?

Street Art ist mehr als nur Graffiti. In Hamburg verbirgt sich dahinter eine ganze Szene, der immer mehr Akzeptanz entgegen gebracht wird. In der Hansestadt werden sogar Führungen durch ihre buntesten Viertel angeboten und junge Talente in einer Street Art-Schule gefördert.

Als Mädchen vom Land konnte ich mit Street Art nie wirklich viel anfangen. Ich bin im Grünen aufgewachsen, die Fassaden, die mich umgeben haben, waren alle stets sauber. Wenn ich mal in einer größeren Stadt war, fand ich die bemalten Wände hässlich und hielt sie eher für Schmierereien, als Kunst. Heute lebe ich seit anderthalb Jahren in Hamburg und weiß: Street Art kann schön sein und es verbirgt sich eine ganze Künstler-Szene dahinter. 

Der Begriff Street Art steht für verschiedene Möglichkeiten, die Stadt bunter zu machen: Graffiti, Tafeln, Sticker, umhäkelte Straßenschilder, Kacheln und Plakate verstecken sich dahinter. Form, Farbe, Größe und Material sind dabei keine Grenzen gesetzt - abgesehen von den rechtlichen. „Verändern des Erscheinungsbildes einer Sache“ ist eine Straftat und kann sowohl mit Geldstrafen als auch mit bis zu drei Jahren Freiheitsentzug geahndet werden. Den Künstler*innen scheint das egal zu sein, Hamburg ist voll von Street Art. Das Schanzen- und Karoviertel wirkt regelrecht wie eine riesige Freiluftgalerie. Das ist durchaus der passende Ausdruck, denn in den meisten Fällen ist Street Art tatsächlich Kunst, hinter der viel Mühe und nicht selten eine Aussage steckt.

„Street-Art kann politisch sein, kann aber auch seine Bestimmung darin finden, die Stadt, diesen großen, grauen Gebäudekomplex, zu verschönern“, sagt Jaim, der die Stadt umgestaltet, seitdem er 15 ist. „Wenn nur ein Mensch deinen Sticker entdeckt und schön findet, hat sich die Arbeit gelohnt.“

Street Art Künstler*innen, wie auch Jaim, arbeiten oft unter einem Pseudonym. Jede*r hat dabei seinen beziehungsweise ihren eigenen Stil oder ein spezielles Motiv, das verrät, wer am Werk war. Den hamburger Künstler „HALLO KARLO“ erkennt man beispielsweise an seinen Postern, auf denen eine weiße Katze mit einem zugenähten Auge zu sehen ist. „10Tacle“ platziert eine einzelne Tentakel überall in Hamburg und „Lieb Sein“ fordert die Hamburger*innen mit jedem seiner Werke auf, lieb zu sein. Hinter den Kunstwerken von „Rumo“ hingegen steckt oft eine politische Message - eines zeigt Jesus am Kreuz, der mit einem Smartphone ein Selfie schießt.

Wenn man sich mit den Stilen und Motiven der Künstler*innen vertraut macht, kann man ihnen die Street Art, die einem in den Straßen Hamburgs begegnet, zuordnen. Mittlerweile werden sogar Street Art-Führungen angeboten. Für zehn Euro werden den Besucher*innen zwei Stunden lang die buntesten Ecken Hamburgs gezeigt. 

Marco Hosemann, der solche Führungen leitet, erklärt dabei die komplexe Kunstbewegung. Er ist der Meinung, sie fände immer mehr Akzeptierende. Das Wort „Fans“ möchte er in dem Zusammenhang nicht verwenden, „aber die Phase des reinen Vandalismus-Images scheint vorüber zu sein.“

Dass das Image sich gewandelt hat, merkt man auch daran, dass es in Hamburg mittlerweile eine Street Art-Schule gibt. Seit Sommer 2015 ist die Street Art School St. Pauli Atelierfläche, Schule, Galerie und Begegnungsstätte für alle Street Art-Begeisterten.

„Ich glaube daran, dass man Kreativität fördern kann, dass man Techniken erlernen kann, dass man Historie begreifen kann, von anderen lernen kann“, sagt Olaf Terhorst, der erste Vorsitzende des Vereins, der hinter der Schule steckt. 

„Wir verstehen Street Art als ernstzunehmende Kunstform und wollen Interessierte begeistern, junge Künstler fördern, sowie die Öffentlichkeit informieren und für kontroversen Gesprächsstoff in Hamburg sorgen“, so Terhorst weiter. 

Kritiker*innen sind der Meinung, die Schule fördere nicht nur das Talent der jungen Künstler*innen, sondern auch ihre Bereitschaft, die Stadt illegal mit ihren Werken zu verzieren. 

Doch eine Schule für Illegales ist die Street Art School St. Pauli keineswegs. Terhorst ist es wichtig, dass die Jugendlichen eben nicht nachts mit Sprühdosen an Bahnübergängen lauern oder von Leitern fallen. Sie sollen sich kreativ ausleben können, ohne Sachbeschädigung zu begehen oder sich zu verletzen. 

Dort wird den Künstler*innen eine Möglichkeit gegeben, Anerkennung für ihre Werke zu bekommen. Denn wenn man sich mit der Szene und der Bedeutung einzelner Graffiti oder Plakate auseinandersetzt, versteht man, dass Street Art eben mehr ist, als Schmierereien: eine Kunstform.

Ich für meinen Teil sehe die bunten Fassaden Hamburgs jetzt nicht mehr mit den Augen des jungen Mädchens vom Land, sondern erfreue mich daran und erwische mich mit einem Schmunzeln auf den Lippen, wenn ich die Werke ihren Künstler*innen zuordnen kann. 

Von Yuvina Kostrzewa
Veröffentlicht am 05.06.2019