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Objektivität im Journalismus

Ist ein guter Journalist gleichzeitig auch ein Aktivist?

Sollen Journalisten nach mehr Objektivität streben?

Heutzutage werden immer wieder die Medien und ihr Wahrheitsgehalt in Frage gestellt. "Lügenpresse" ist ein gängiger Begriff für Subjektivität im Journalismus geworden. Es stellt sich jedoch die Frage, ob Objektivität im Journalismus überhaupt möglich ist, oder ein Fernziel darstellt, welches niemals erreicht werden kann.

"Ein guter Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten." - dieses Credo der Tagesthemen-Legende Hanns Joachim Friedrichs galt lange als eisernes Gesetz des deutschen Journalismus. Heute stehen Journalisten jedoch oft anders zu dem Thema Objektivität. Friedrichs´Nachfolger bei den Tagesthemen, Ulrich Wickert, hält den Satz der Nachrichtenlegende und die daraus resultierenden Ableitungen für ein Missverständnis. "Ich habe mich immer einer Sache gemein gemacht. Jeder Journalist macht sich in einem Unrechtsstaat mit der Sache der Unterdrückten gemein. Was Friedrichs meinte, war, dass ein guter Journalist eine Sache ohne Rücksicht auf eigene Interessen verfolgt."

National stößt Friedrichs Objektivitätsdogma auf breite Zustimmung. 89 Prozent der deutschen Journalisten stimmten 2005 in einer repräsentativen Befragung der Aussage zu, sie wollten das Publikum möglichst neutral und präzise informieren. Nur knapp die Hälfte der Befragten sah ihre Rolle darin, Kritik an Missständen zu üben.

Sollte man also Journalisten getrennt von Aktivisten betrachten?

Aktivisten unterstützen bewusst eine Seite. Die Seite von der sie selbst überzeugt sind. Im Gegensatz zu Journalisten liegt ihre Aufgabe nicht darin, auch die Gegenseite aufzuzeigen und den Leser so seine eigenen Schlüsse ziehen zu lassen. Gleen Greenwald ist ein US-amerikanischer Journalist, Blogger, Schriftsteller und Rechtsanwalt. Er erlangte durch seine Enthüllungen rund um den NSA-Abhörskandal weltweites Ansehen. Greenwald hatte vom Whistleblower Edward Snowden exclusive Dokumente erhalten, die das Ausmaß der vom amerikanischen Auslandsgeheimdienst betriebenen Internetüberwachung zeigten.

Er hatte die streng geheimen Dokumente aufbereitet und Anfang Juni 2013 in der britischen Tageszeitung "The Guardian" zusammen mit einem Interview mit Edward Snowden veröffentlicht. Dabei verkörperte Greenwald jedoch nicht den klassischen Journalisten, der ausschließlich um eine neutrale Berichterstattung bemüht ist, sondern er sah sich selbst dabei als einen Aktivisten. Er stellte die Frage, ob Journalisten im Zeitalter der Überwachung überhaupt neutral sein können und ob es klug sei, die eigene Meinung zu verbergen. Seiner Ansicht nach könne es keine Unterscheidung geben, ob jemand nur Journalist oder auch Aktivist sei. Diejenigen, die eine strikte Trennung forderten, würden Standards verlangen, die sie selbst gar nicht einhalten könnten.

Er selbst halte Objektivität nicht für möglich und sehe sie nicht als Ziel für seine journalistische Arbeit. Durch die Veröffentlichung der geheimen Dokumente wollte er etwas bewegen, und es nicht allein der Leserschaft überlassen, wie sie mit den Informationen umgehen sollten. Er hatte Missstände aufgedeckt und wollte diese auch als solche deklarieren. 

Als Leitlinien für den deutschen Journalismus dient der deutsche Pressecodex. er enthält 16 Ziffern, welche die Maßstäbe hinsichtlich der Berichterstattung und des journalistischen Verhaltens festlegen. Mit ihnen soll die Wahrung der Berufsethik sichergestellt werden. Vollkommene Objektivität stellt jedoch keine dieser 16 Leitlinien dar.Die Presse gilt längst als vierte Macht im Staat. Neben Judikative, Legislative und Executive fungiert sie als Korrektiv für Fehlentwicklungen in Politik und Gesellschaft. Dies widerspricht jedoch den Grundsätzen der Objektivität und stellt eine Ausweitung der journalistischen Aufgaben dar. 

Das wichtigste Argument gegen vollkommene Objektivität im Journalismus stellt der Journalist an sich dar. Journalisten sind Menschen und keine Objekte, demnach können sie nicht wie Maschinen funktionieren. Es ist nicht möglich, dass ein Mensch vollkommen rational und objektiv handelt. Journalisten sollten Objektivität als Ziel niemals aus den Augen verlieren, ein Thema aus mehreren Sichtweisen betrachten und durch eine gute Recherche einen großen Wahrheitsgehalt erreichen. Sie sollten sich ihrer Aufgabe bewusst sein, und dieser nach bestem Wissen und Gewissen nachgehen. Und wenn es eine Sache wert ist, sich ihr gemein zu machen, dann sollten sie es tun.

Von Laura Eder
Veröffentlicht am 31.07.2016