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Social Media:

Liken ist silber, Folgen ist gold

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Eine neue Studie belegt, was viele bereits vermuteten: Soziale Netzwerke setzen junge Menschen unter Druck. Besonders davon betroffen sind Mädchen.

„Kannst du noch schnell ein Foto von mir machen?“, fragt sie und rückt den Teller zurecht, nimmt die frischen Blumen aus der Vase und drapiert sie neben dem angerichteten Avocado-Toast und dem frisch gepressten Orangensaft.

Nach ungefähr zehn Versuchen ist das Bild im Kasten und sie perfekt in Szene gesetzt. Jetzt aber schnell los, die Uni wartet nicht. In der Bahn wird das Foto noch schnell durch Facetune gejagt und dem Gesicht so ein toller Glanz verpasst. Es fehlt nur noch der Filter für den letzten Schliff, ein paar Hashtags und nur einen kurzen Augenblick später ist das Foto auf Instagram und für jedermann sichtbar.

Im Sekundentakt aktualisiert sie ihre Benachrichtigungen. Erst drei Likes. Ob niemandem ihr Bild gefällt fragt sie sich nun. Sofort kommt der Gedanke auf, dass es womöglich bei so wenigen „Gefällt mir-Angaben“ bleibt und jeder sieht, dass das Foto nicht gut ankommt. Ob sie es doch schnell wieder löschen soll? Leichte Nervosität macht sich breit.

So oder so ähnlich geht es laut einer aktuellen Langzeitstudie der britischen University of Essex vielen jungen Mädchen. Die Forscher stellten fest, dass das Wohlbefinden von Kindern in einem Alter ab 10 Jahren mit der Zeit abnimmt, wenn sie einen Social-Media-Account haben. Besonders auffällig ist dabei der Geschlechteraspekt, denn Mädchen werden meist unglücklicher als Jungen.

Doch leidet die Psyche tatsächlich unter solchen Apps? Zu dieser Fragestellung wurden zwei junge Mädchen befragt. Beide sind sich einig: Ja, Social Media könne unter Druck setzen. „Ich glaube schon, dass soziale Netzwerke Druck auslösen, weil manche Menschen sich durch Likes von Bildern Anerkennung wünschen, die sie im wahren Leben nicht bekommen oder sie bauen sich selber Druck auf, wenn sie weniger Follower haben als andere Freunde.“, erklärt Lara, 21 Jahre alt. Madita, 16 Jahre alt, ergänzt dazu: „Man redet schon sehr viel darüber, wer jetzt welches Foto gepostet hat und wie viele Likes und Follower man selbst oder eine bestimmte Person hat.“

Wer viel Aufmerksamkeit bekommt, wird automatisch süchtig nach mehr und fühlt sich somit abgelehnt, wenn diese ausbleibt. Für viele Nutzer ist es eine Scheinwelt, die sie sich aufbauen und die eine Art Rückzugsort bietet. Denn wer im echten Leben nicht genug Anerkennung bekommt, kann sich diese eben von Fremden im Netz holen.

„Wir halten uns in den sozialen Medien auf, um soziale Anerkennung zu erhalten.“ Egal ob neue Follower, Likes oder Kommentare, all dies aktiviere das Belohnungssystem unseres Gehirns. „Es ist dasselbe Netzwerk von Hirnregionen, das auch aktiviert wird, wenn wir essen, Sex haben oder Drogen nehmen“, sagt Dar Meshi, Neurowissenschaftler an der Michigan State University der deutschen Welle.

Doch wer dazugehören möchte, muss sich anstrengen. Denn scrollt man einmal durch den „Entdecker-Feed“ von Instagram, wird schnell deutlich: Die Realität sieht anders aus. Von überglücklichen Paaren, getaggt mit dem Hashtag #couplegoals bis hin zum idealen Sixpack und den neuesten Mode-Trends - durchweg Designerstücke versteht sich. Instagram ist voll davon. Dass dies nicht dem wahren Leben entspricht und niemand dieser Menschen morgens mit einem makellosen Gesicht aufwacht, nie auch mal traurig ist oder sich ständig Designer-Klamotten leisten kann, vergessen dabei viele.

Erst kürzlich hat die Influencerin Ana Johnson auf ihrem Profil darüber gesprochen, wie viele Nachrichten sie täglich zu diesem Thema bekomme. „Immer wieder konnte ich aus den Nachrichten lesen, dass einige Mädels unzufrieden mit sich selbst sind. Sie fühlen sich zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein... Leider neigt man oft dazu, sich mit anderen zu vergleichen.“ Was die Influencerin dort preisgibt ist leider kein Einzelfall. Immer wieder liest man auf den Plattformen, dass junge Follower anderen Nutzern im Netz ihr Herz ausschütten, weil sie sich selbst als nicht perfekt ansehen und über ihre Problemzonen klagen. Um dem entgegenzuwirken spricht nun auch Ana Johnson über ihre Makel und zeigt ihren Fans, dass sie zum Beispiel ohne ihre Extensions starke Geheimratsecken hat.

Unter dem Hashtag #loveyourselffirst und #fürmehrrealitätaufinstagram gibt es außerdem Beiträge, die genau diesen jungen Menschen zeigen sollen, dass nicht immer alles so echt, positiv und schön ist, wie es meistens dargestellt wird.
Insgesamt sind bereits über eine Millionen Post zu diesen Hashtags verfügbar. Dies ist zwar in der Gesamtbetrachtung aller Posts ein Tropfen auf dem heißen Stein, gibt aber Hoffnung, - wenn auch nur ein wenig. 

 

 

Von Anna-Lena Bußmann
Veröffentlicht am 09.04.2018