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Napoleon: Was für ein Roman war mein Leben?

Adam Zamoyski neues Buch "Napoleon. Ein Leben" ist eine akribisch recherchierte Biographie, der es leider an neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen fehlt.

Rückblickend machte Napoleon seine Ehe mit der österreichischen Erzherzogin Marie-Louise für seinen Sturz verantwortlich. Napoleon war seiner neuen Braut sehr zugetan: mit ihr ging er in Komödien, die er nicht mochte, und wartete geduldig bei Tisch bis sie ihre sieben Gänge verspeist hatte, obwohl er früher nicht länger als 20 Minuten zu Tisch verbrachte. Diese Umstände beschreibt Zamoyski auf der ersten Seite des Kapitels „Zenit” und darin zeigen sich auch die Stärken und Schwächen des Buches, eine beeindruckend detaillierte Beschreibung der Geschehnisse, welcher es an Einordnung in den Kontext fehlt. 

Mit seinen vorherigen Büchern “1812” und “1815” hat Adam Zamoyski sich als populärwissenschaftliche Ikone zum Thema Napoleon etabliert. Leider leidet die neue Biographie von Zamoyski “Napoleon. Ein Leben” unter seinem Ehrgeiz ein abschließendes Buch über den Korsen zu schreiben. Zamoyski hat sich auf über 800 Seiten im Detail verloren, zwar erfährt man jegliche Kleinigkeit über Napoleon, wie zum Beispiel das er ein lausiger Reiter war, aber neue und neuere Erkenntnisse, die erklären warum und wie Napoleon Europa beherrschen und wieder verlieren konnte, sucht man vergebens. Das Buch ist eine gute Erweiterung zum Verständnis der Mentalität Napoleons und seiner Zeitgenossen, vor allem die früheren Jahre des Korsen werden ausführlich und gut dargestellt.

Zamoyski hat ein gutes Gespür für die vielen verschiedenen gesellschaftlichen Umfelder der Zeit, er beschreibt sehr zutreffend, das von Familienehre und Schicksalsglauben geprägte, nur oberflächlich christliche, eher heidnische Korsika in dem Napoleon aufwuchs. Durch die Beschäftigung mit dem Kleinteiligen und Persönlichen, war es Zamoyski wohl möglich die Lebenswelt Napoleon genau einzufangen. Doch wird dem Leser auch klar, dass es Zamoyski an Distanz zur Person Napoleon fehlt, zwar wird er nicht zum Helden erhoben, aber es fehlt einem oft der Überblick. Zamoyski konzentriert sich so sehr auf Bonaparte und handelt die historischen Verhältnisse zum Teil so kurz angebunden ab, dass man zum Teil gerne historische Begleitliteratur empfehlen würde um die Zusammenhänge zu verstehen. Zum Beispiel geht Zamoyski nicht darauf ein, wie die Franzosen ihren Vorteil auf dem Schlachtfeld verloren, als ihre Gegner, die Mächte der Koalition, anfingen den erwachenden Nationalismus ihrer Völker militärisch zu nutzen. 

Zudem ist die Übersetzung leider etwas holprig und zum Teil auch irreführend, so wird ein Marine Geschwader konsequent als Schwadron übersetzt, was ausschließlich eine Bezeichnung für eine Kavallerieeinheit ist. 

Aber auch für unsere moderne Gesellschaft interessante Blickwinkel auf Napoleon spricht Zamoyski nicht an, so war Napoleon der erste (mehr oder weniger) absolutistische Herrscher der Begriff, wie wichtig schnelle und direkte Kommunikation mit seinem Volk war. Direkt nach jeder Schlacht verfasste Napoleon persönlich die Bulletins der Grande Armée um jedem anderem Bericht an sein Volk zuvorzukommen. Bedenkt man wie die Propagandadiktaturen in Russland und der Türkei das Fernsehen nutzen, wäre eine Analyse von Napoleons Kommunikationswegen mit seinem Volk äußerst interessant. 

.„Napoleon. Ein Leben“ von Adam Zamoyski aus dem Englischen von Ruth Keen und Erhard Stötlingen. Verlag C.H. Beck, München 2018, 863 Seiten, Abbildungen und Karten, gebunden EUR 29,90. 

Von Caspar von Haugwitz
Veröffentlicht am 23.10.2018

Caspar von Haugwitz

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