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Unterhaltung

Schnaps und Schlägereien

Wie sehr beeinflussen uns Zuschauer eigentlich der Alkoholkonsum und die Gewalttätigkeit in Hollywood- Filmen?

James Bond schlürft stilvoll seinen Martini und macht von seiner „Lizenz zum Töten“ gerne und ausschweifend Gebruach. Jack Sparrow ist in quasi keiner Szene von „Fluch der Karibik“ nüchtern und überlebt scheinbar grade wegen seine Trunkenheit jede Katastrophe. Dexter Morgan ermordet auf brutalste Weise seine kriminellen Opfer und zerstückelt sie unter enormem Filmblut-Einsatz in der Serie „Dexter“. Und Tyler Durden führt in „Fight Club“ ein Rudel infantiler, selbsternannter Gesellschaftskritiker an, die sich im Namen des eigenen Seelenheils gegenseitig vermöbeln.

Menschen akzeptieren fiktive Gewalt 

Diese vier sind nicht nur wunderbare Beispiele für mehr oder weniger heroische Protagonisten des jeweiligen Formates, sie haben auch ihre Tendenz zum Drogenkonsum, beziehungsweise ihre Gewaltbereitschaft gemein. Und was am wichtigsten ist – diese Neigungen werden vom Zuschauer akzeptiert, ignoriert oder gar gefeiert. Solche Schwächen dienen auf Erzählebene hauptsächlich dazu, den Charakter besser einordnen zu können, ihn gut, schlecht, taff oder chic aussehen zu lassen. Doch wie wirkt sich die audiovisuelle Erfassung dieser Eindrücke auf den Zuschauer aus? Genauer ausgedrückt: Gibt uns der exzessive Alkoholkonsum und die allgemeine Gewaltbereitschaft eines heroischen Filmcharakters möglicherweise eine Legitimationsgrundlage, genau dasselbe zu tun, beziehungsweise motivieren uns jene Charaktere womöglich noch dazu?

Visuelles Saufen inspiriert

Forscher des US-College Dartmouth veröffentlichten nun eine Studie, die belegt, dass das Anschauen eines Filmes mit zahlreichen Alkohol-Szenen bei den studentischen Probanden die Tendenz Alkohol zu konsumieren steigert. Wie Spiegel Online berichtete, wurde dazu einem Teil der Versuchsgruppe ein „alkoholfreier Film“ gezeigt und dem anderen Teil einer, in dem vermehrt getrunken wird. Im Anschluss wurden beiden Gruppen verschiedene alkoholische und nicht-alkoholische Getränke gereicht. „Die Gruppe, die viel Alkohol in Film und (dazugehöriger) Werbung zu sehen bekam, trank doppelt so viele alkoholische Getränke wie die Studentengruppe, die im Film kaum Alkoholkonsum präsentiert bekam“.

Wie steht es nun aber mit der Gewalt in Filmen? Die Studie zum Alkoholkonsum beschränkte sich auf Probanden im Alter zwischen 18 und 29 Jahren. Studien zu Personen, die einen Krimi oder Thriller sahen und danach loszogen um zu prügeln und morden gibt es natürlich nicht. Doch es gibt zahlreiche Beobachtungen zur Auswirkung gewaltverherrlichender Filme auf Kinder und Jugendliche.

 

Abgeschaute Aggressivität

Die Süddeutsche Zeitung zum Beispiel berichtete vor einiger Zeit von den Erkenntnissen des US-Medienforschers Prof. L. Rowell Huesmann, der die These aufstellte, dass Kinder Dinge für gut und richtig befinden, die der Held eines Filmes oder einer Geschichte verrichtet, obwohl sie zuvor vielleicht beigebracht bekommen haben, dass dies schlechte Taten sind. Zum Beispiel, „wenn der Held die Welt rettet, indem er den Bösewicht tötet“. Da sich Kinder naturgemäß mit dem Helden identifizieren, würden sie sein Verhalten auch imitieren, so die Schlussfolgerung. Zwar sind Erwachsene im Idealfall bei weitem nicht so leicht zu beeinflussen wie Kinder es sind. Doch „aggressivere Kinder werden zu aggressiveren Erwachsenen“, so die Süddeutsche Zeitung zur Annahme der Forscher, dass der Effekt der Gewaltverherrlichung in Medien auf Kinder langfristig ist und ins Erwachsenenalter hinein wirkt.

Wer will schon einen nüchternen Jack Sparrow?

Diese Thesen werden in den vergangenen Jahren, vor allem seit Anbruch des multimedialen Zeitalters immer häufiger und auf teilweise penetrante Weise in der Öffentlichkeit diskutiert. Es gibt zahlreiche Forscher, die die genannten Thesen und Studien unterstützen, ebenso wie es viele Gegenstimmen gibt. Im Allgemeinen kann sowieso nicht gesagt werden, dass weniger Drogen und Gewalt gezeigt werden sollen oder weniger Filme mit diesen Thematiken produziert werden sollen. Vor allem dann nicht, wenn man bedenkt, dass Gewaltszenen (besonders wenn sie im Trailer zum Film auftauchen) ein Publikumsmagnet sind.

Im Endeffekt ist es ohnehin egal, welche Wissenschaftler dazu raten, weniger Gewalt und Alkohol in Medien zu zeigen, da diese davon nur attraktiver aufs Publikum wirken und es Produzenten letztendlich hauptsächlich um die Quote und damit das Geld geht. Und wenn man ehrlich ist, wäre ein Bond ohne Martini und tödliche Kampfszenen auch nur ein dahergelaufener Sonderbeauftragter mit zu vielen Liebschaften, ein Jack Sparrow ohne Rum nur ein geisteskranker Seeräuber mit vielen Feinden und in Fight Club würden die Angehörigen des „Projekts Chaos“ maximal mit einer pazifistischen Unterbewegung der Antifa gleichgesetzt werden. Dabei macht die Kombination aus Platzwunden im Gesicht und auf dem nackten Oberkörper, Zigarette im Mund und Bier in der Hand Brad Pitt besonders sexy.

Von Keya Hinrichs
Veröffentlicht am 22.05.2017