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Abfallverwertung

Trash into Treasure

Impressionen der Müllverarbeitung (Fotot: Anke Haarmann, Found Footage Collage, 2017 (Videoskizze))
Plastik verbleibt (Foto: Ravi Agarwal, From the photographic series After the Flood, 2011)

Abfall oder Zutat? Schrott oder elementares Teil einer Skulptur? Ein ungewöhnliches Kunstprojekt lässt Müll zu einem mahnenden Fingerzeig gegenüber wachsender Abfallkultur werden.

„Einer Vermüllung der Ästhetik – einer Störung des Bildes, dass alles wieder schön wird,“ bedarf es nach Anke Haarmann, um aus wertlos scheinenden Überbleibseln unseres modernen Konsumwunsches etwas ganz Besonderes, Wertvolles zu machen. Der Wert liegt dabei nicht im Finanziellen, sondern vielmehr in der Kunst, dem Design und vor allem der Philosophie.
Stilecht und urban wird Müll in Form von Installationen, Skulpturen und Happenings in Containern vom 3. bis zum 18. Juni auf dem Recyclinghof St. Pauli zu Kunst transformiert - offen, unmittelbar und durchaus politisch.

Das dreiköpfige Kuratorenteam, bestehend aus Anke Haarmann, Harald Lemke und Nana Petzet beschreitet einen neuen Weg, auf dem der Vermüllung Ästhetik abverlangt wird. Die Grenze dazwischen verliert sich dabei immer mehr, bis von dem augenscheinlichen Müll nichts mehr übrigbleibt. Lokale und internationale Künstler, Wissenschaftler, Designer und Filmemacher, sie alle stellen ihre Werke aus.

Geladen wird zum Müllmahl

„Waste Cooking“, das bedeutet Essensreste schmackhaft aufzubereiten und auf den Teller zu bringen. Der Workshop des Philosophen Harald Lemke und der Künstlerin Anja Bischoff läutet das Projekt ein und weist dabei auf eine Problematik hin, die sich in den letzten Jahren immer mehr ausgebreitet hat. Dem Wegwerfen von Nahrungsmitteln, die eigentlich noch gut und genießbar wären wird hier ein Gegenbeispiel geliefert, das aussagekräftiger nicht sein könnte.

Überbleibsel des Alten neu auf den Menschen gebracht

Hat man eben noch etwas für seine Geschmacksknospen getan, so geht es gleich weiter mit einem Festmahl für die Augen. Im Textilcontainer begegnen dem Zuschauer fantastische Kollektionen, die an Diversität nicht sparen und zukunftsweisend sind. Sie ermahnen zur Obacht und stellen Fragen: Was brauche man wirklich? Was bleibt? „Mit dem Vorhandenen kann man die Welt 10 Mal anziehen“, sagt Katja Gastell, eine der Designerinnen. Sie vernäht gebrauchte Kleidungsteile zu bunten und gewagten Collagen, was jedes Stück einzigartig macht.

Ein Monster, das gefüttert werden will

Mit dem Titel seiner Fotoinstallation „This monster needs to be fed“ („Dieses Monster muss gefüttert werden“) wagt sich Ravi Agarwal an die Frage heran, was mit dem Müll passiert, den wir hinterlassen, und kritisiert dabei die Normalität des Wegwerfverhaltens unserer modernen Ökonomie auf ironische Art und Weise. In Bildern, die für sich sprechen, erzählt er davon, dass Mutter Natur nicht vergisst und alles früher oder später zu uns zurückkommen wird - in der einen oder anderen Form.

Hamburg liegt weit hinten beim Thema Recycling

Schließlich wird auch die Politik an den Tisch gebeten, zu einem Müllmahl selbstverständlich. Als letzter Programmpunkt steht die Diskussion mit dem Senatsmitglieder Jens Kerstan auf dem Plan. Denn Hamburg hat seine Nase ganze weit vorne, wenn es um das Verbrennen von Müll geht – leider aber nicht beim Recycling. Doch Kerstan selbst ist aber überzeugt: „Unser Leben ist reicher, wenn wir sehen, dass die Natur mehr ist als nur Rohstoff oder Ressource.“

Kunst fragt nicht, Kunst tut einfach und vermittelt währenddessen, lässt fühlen, verstehen, hinterfragen. „Es darf vermutet werden, dass das Müllproblem der gesellschaftliche Ausdruck oder, genau genommen, der gesellschaftliche Abfall einer kollektiven Gleichgültigkeit ist“, so Lemke. „Der Müll wächst uns über den Kopf und droht den Planeten unbewohnbar zu machen.“

Von Lea Alexandra Hoops
Veröffentlicht am 01.06.2017