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Wie Betrug auf Instagram zur Normalität wird

Quelle: Pixabay

Authentizität und organisches Wachstum sind auf Instagram zur Seltenheit geworden. Stattdessen erfreuen sich sogenannte „Engagement Groups“ immer größerer Beliebtheit, um das eigene Engagement künstlich zu erhöhen.

Ein gemütlicher Fernsehabend mit der Familie. Aber anstatt zu entspannen, wandert Mirajuls Blick wie üblich alle paar Minuten auf das Smartphone. Wieder einmal blinkt es. Eine neue Nachricht von Maria. „Hey Leute, habe gerade etwas geposted! Bitte liken und kommentieren!“ Seufzend entsperrt Mirajul sein Handy und geht seiner Pflicht nach. Schon das fünfte Mal in einer halben Stunde.

Viele Likes, Kommentare und massenhaft Follower: Welcher Instagram-Nutzer wünscht sich das nicht? Um das zu erreichen, treten immer mehr Menschen wie Mirajul sogenannten „Engagement Groups“, bzw. „Engagament Pods“ bei. Deren Prinzip ist schnell erklärt: Mehrere Nutzer schließen sich in Gruppen zusammen und verpflichten sich dazu, gegenseitig Posts zu liken und zu kommentieren. Solche Chats lassen sich häufig auf Instagram, Facebook oder anderen Messenger-Diensten wie WhatsApp oder Telegram finden.

Im ständigen Kampf nach Aufmerksamkeit auf Social Media scheint es zur Normalität geworden zu sein, Engagement zu faken. „Ich bin in zehn verschiedenen Gruppen“, so Instagrammerin Ashley Delucca (1 500 Follower). „Ich habe kein Problem damit, dass mein Instagram Engagement nicht komplett echt ist. Ich möchte Influencerin werden und jede Art von Engagement hilft mir dabei.“

Der Algorithmus ist schuld

Alles begann im August 2016, als Instagram die chronologische Timeline durch einen Algorithmus ersetzt hat. Früher war man sich noch sicher, dass man mit einem Upload gegen 17 Uhr viele Menschen erreichen würde, da sich zu dieser Zeit die meisten von der Arbeit auf ihrem Heimweg befinden. Plötzlich war das nicht mehr möglich, denn Posts wurden nun nach Relevanz in die Timeline gespült. Die Folge: Neue Strategien mussten her, um nicht in der täglichen Flut an Posts unterzugehen und einen Platz im Feed der User zu ergattern.

Eine Engagement Group zu finden ist sehr leicht. Man muss nur Hashtags wie #engagementgroup oder #dmgroup finden und schon werden einem jeweils über 10 000 Beiträge angezeigt. Unter dem Suchbegriff „Instagram Engagement“ tummeln sich auch auf Facebook zahlreiche Gruppen, die ihren Mitgliedern schnelles Wachstum versprechen. Das scheint vielen zuzusagen, denn nicht umsonst sind einige dieser stolze 70 000 Mitglieder stark.

Obwohl die errungenen Likes und Kommentare nicht authentisch sind: Ein schlechtes Gewissen plagt dabei nur die wenigsten. Micro-Influencerin Viktoria K. Vasilopoulou (10,6 Tsd. Follower) gibt zu: „Mein Ziel ist es, einfach nur etwas Engagement zu bekommen. Die Unternehmen, mit denen ich kooperiere, sehen, dass Leute kommentieren und sich scheinbar für mich interessieren. Das reicht mir aus.“

Die Kehrseite

Das Engagement Pods auch Schattenseiten haben können, weiß Jade Darmawangsa. Die 17-Jährige ist im Bereich Marketing selbstständig und berät Unternehmen sowie auch Influencer hinsichtlich ihrer Social Media Strategie. 2018 probierte sie eine Engagement Group aus. „Es gab eine wichtige Regel, die man nicht brechen durfte: Kommentiere jeden Beitrag innerhalb von 24 Stunden und lasse keinen einzigen aus“, erzählt sie in einem ihrer Youtube-Videos („Are Instagram DM Groups DEAD? WATCH THIS Before Joining One...“). „Eines Tages entschied ich mich, eine Pause einzulegen, da ich viel für die Schule machen musste. Ich erinnere mich, dass die Administratorin der Gruppe sauer geworden ist und versucht hat, die anderen Mitglieder gegen mich aufzuhetzen, weil ich nicht kommentiert habe.“ Daraufhin hat sie die Gruppe verlassen: „Im Endeffekt ging es nur um Social Proof.“

Generell sind Engagement Pods sehr zeitaufwendig. Besonders, wenn mehrere hundert Menschen in einem Chat sind, wie es auf Telegram oft der Fall ist. „Ich war in fünf Gruppen, bis es mir irgendwann zu viel wurde, jeden Tag auf mindestens 70 Nachrichten zu reagieren. Die Posts der anderen haben mich nie wirklich interessiert, es musste einfach gemacht werden. So der Deal. Mittlerweile bin ich aber nur noch in zwei Gruppen aktiv“, so Instagram-Nutzer Mirajul.

Ersteller von Engagement Pods profitieren stark

Trotzdem gibt es zahlreiche Menschen, die dort einen großen Teil Ihrer Zeit investieren. Hinter den Administratoren der Gruppen verbergen sich oft Personen, die ihren eigenen Account pushen wollen. Als Regel wird von einigen festgesetzt: Dem Ersteller der Gruppe folgen ist Pflicht! Besonders diejenigen, die mehrere Gruppen gleichzeitig koordinieren, können sich so über viele neue Follower und eine größere Reichweite freuen. Administrator der Facebook-Gruppe „Instagram Engagement and Promotion“ (75 000 Mitglieder) Yasir Hassan bestätigt: „Als ich die Gruppe 2015 erstellt habe, wollte ich damit meinen eigenen Account größer werden lassen.“

Gegenwind von Facebook

So verbreitet Engagement Pods auch sein mögen: Facebook scheinen sie gar nicht zu gefallen. Das Unternehmen löschte laut Buzzfeed im Mai 2018 zehn solcher Facebook-Gruppen mit insgesamt mehr als 200 000 Mitgliedern, da sie gegen die Gemeinschaftsrichtlinien verstoßen. Man solle bedeutungsvolle und echte Interaktionen fördern. „Hilf uns dabei, frei von Spam zu bleiben, indem du nicht versuchst, künstlich „Gefällt mir“-Angaben, Abonnenten oder geteilte Inhalte zu sammeln […]“, so der Wortlaut.

Auch Hassan ist sich dessen bewusst. „Deshalb möchte ich die Gruppe umstrukturieren. Es soll eine Plattform entstehen, auf der man authentische Wachstumsstrategien kennenlernt.“

Ob man nun einer Engagement Group beitreten möchte, ist jedem selbst überlassen. Die Lösch-Aktion letzten Jahres kann allerdings als Warnsignal für weitere Maßnahmen gegen künstliche Likes und Kommentare gedeutet werden.

 

 

Von Laura-Marie Reiners
Veröffentlicht am 07.04.2019