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Bildungspolitik

Wir müssen weg von einem Schulsystem, das aussortiert!

Das deutsche Schulsytem ist mit seinen drei verschiedenen Schulformen jedem von uns schon lange bekanntund wird international kritisiert, doch gibt es immer noch keine Änderung.

Die Ständegesellschaft gehört schon seit langem der Vergangenheit an. Diese Neuigkeit scheint jedoch immer noch nicht in der Bildungspolitik angekommen zu sein. Das deutsche Schulsystem ist lange nicht mehr geignet für das Jahr 2019.
Edelgard Bulmahn (SPD), bis 2005 Bundesbildungsministerin, bezeichnete schon damals die Schulform als „nicht mehr zeitgemäß“.

Jeder von uns kennt es. Nachdem die Grundschule nach vier Jahren endet, wird in den jungen Jahren über Kinder entschieden in welches Schulsystem sie gesteckt werden. Ob sie auf die Hauptschule, Realschule oder aufs Gymnasium kommen. In manchen Bundesländern wurde dies schon geändert. Dort wird es erst in der 6. Klasse entschieden. Dies ist ein weiteres Problem. Warum ist unser Schulsystem Bundesweit nicht einheitlich?

Das deutsche Schulsystem steht international in der Kritik. Der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung, Vernor Muñoz Villalobos, stellte bereits 2007 fest, dass das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland – vor allem wegen der frühen Aufteilung in die Schulformen mit sehr unterschiedlichem Zukunfts-Potenzial – nicht „darauf abziele, alle gleich einzubeziehen“.

Neurobiologe und Hirnforscher Professor Dr. Gerald Hüther sagt in einem Interview mit Christian Bleher aus der SPIEGEL ONLINE Redaktion: „Alle Kinder haben das Zeug zum Überflieger“. Er ist davon überzeugt, dass in jedem Kind ein Genie steckt und lediglich den vorhandenen Potentialen Raum zur Entfaltung bekommen müsste. Der Professor kritisiert ebenfalls auch die Aufteilung in drei Schulformen und rät: „Weg von Frontalunterricht, starren Lehrplänen und einem Schulsystem, das aussortiert“.

In kaum einem anderen Land der Welt hängt der Schulerfolg so sehr von der sozialen Herkunft ab wie bei uns. OECD-Repräsentanten wie Andreas Schleicher haben es so unermüdlich verkündet. Die OECD-Studien belegen, dass Deutschland das Schlusslicht in Europa in Hinsicht auf die sogenannte Schichttransparenz bildet. Genauer gesagt: In Deutschland stammen die meisten Abiturienten aus bildungsbürgerlichen Familien, Arbeiterkinder hingegen besuchen eher die Haupt- oder Realschule.

Auch laut Vernor Muñoz gebe es an Hauptschulen viele Migrantenkinder, an Gymnasien zu wenige. In Deutschland sind Herkunft und schulische Leistungen immer noch sehr eng miteinander verknüpft. “Die soziale Ungleichheit spiegelt sich wider in den Bildungschancen”, sagte Muñoz. Dies setze sich dann auf dem Arbeitsmarkt fort.
Deshalb ist eine grundlegende Änderung dringend erforderlich. Wir müssten das dreigliedrige Schulsystem und das Kooperationsverbot zwischen dem Bund und den Ländern in Bildungsfragen schnell abschaffen. Die Klassen sollten sozial durchmischt sein und die Kinder sollten möglichst lange zusammen bleiben, ohne auf verschiedene Schulformen aufgeteilt zu werden.

Gegenwind kommt jedoch z.B. von dem Wissenschaftler Christian Dustmann, der an dem Londoner University College lehrt. Dieser behauptet: Ob ein Kind mit Begabungen nach der Grundschule auf ein Gymnasium oder eine Realschule wechselt, ist unbedeutend –  für seinen Bildungsabschluss sowie auch für sein späteres Einkommen. Weil das deutsche Schulsystem auch andere Möglichkeiten kennt, die eingeschlagene Schullaufbahn später zu korrigieren, setzt sich Begabung am Ende in der Regel durch. 

Klar ist, es gibt zwar Alternativen wie Fachoberschulen, berufliche Gymnasien oder Berufskollegs für eine zweite Chance. Doch warum nicht allen eine erste Chance geben? Wieso teilt man Kinder überhaupt erst in verschiedene Schulen ein?
Es ist für ein Kind eine sehr erniedrigende Erfahrung, zunächst aussortiert und auf eine Schule mit geringem gesellschaftlichem Prestige verwiesen zu werden, auf der es sich vielleicht auch noch langweilt. Und sollten wir Kindern dieses mühselige Aufholen auf dem zweiten Bildungsweg oder mittels (mehrfachem) Schulwechsel zumuten? Dazu kommt, dass den Kindern viel Zeit geraubt wird, wie auch Julie, eine 23-jährige Studentin aus Hamburg berichtet:
„Ich bin sehr froh über die Chance, dass ich mein Fachabitur auf dem zweiten Bildungsweg nachholen konnte. Jedoch hat es unnötig viel Zeit und Mühe gekostet und wäre bei einem anderen, besseren Schulsystem nicht nötig gewesen. Unser jetziges Schulsystem ist eine Katastrophe! "

Fakt ist diese Studie ist keine Rechtfertigung für die Beibehaltung dieses unsozialen dreigliedrigen Schulsystems.

 
Unsere Nachbarn zeigen wie es geht

Ein viel besseres Beispiel sind unsere Nachbarländer wie z.B. Schweden und Frankreich. Die zeigen uns, dass es anders geht und vor allem viel besser.

In Schweden gibt es die neunjährige Grundskola (Grundschule). An diese schließt sich die dreijährige Gymnasialschule an. Während der 9 Jahre Schule bleiben 20-30 Schüler immer zusammen, das soll die Jugendlichen dazu befähigen, stabile und lange andauernde Beziehungen zu bilden. 

Anders als im deutschen Gymnasium findet im schwedischen ein großer Teil der Berufsausbildung statt, die Schüler können zwischen 2 hauptsächlich Studienvorbereitenden und 14 Berufsvorbereitenden Ausbildungsprogrammen wählen.
Mehr als 80% der Schüler erhalten einen Platz an der Gymnasialschule. In Schweden ist außerdem das Mittagessen an fast allen Schulen gebührenfrei. Seit den 60er-Jahren nimmt Schweden an internationalen Schulleistungsstudien teil und schwedische Schüler erreichen gute Ergebnisse.

In Frankreich läuft es ähnlich. Auch hier bleiben die Klassen sehr lange zusammen. Nach der Grundschule gehen alle Schüler zum Collège, unabhängig davon, wie gut sie sind. Vier Klassen besucht man dort. Am Ende der 9. Klasse kommt die Abschlussprüfung. Das Lycée danach dauert 3 Jahre und endet mit dem französischen Abitur. Es gibt drei verschiedene Abitur Richtungen, in denen schon ein Beruf erlernt wird.

Weil alle Schüler auf das Lycée gehen können, haben in Frankreich viel mehr Schüler das Abitur als in Deutschland. In Frankreich haben es 72% und in Deutschland bloß 50% aller Schüler.

 

 

Von Elisa Cobernuß
Veröffentlicht am 03.05.2019