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Umwelt

Zero Waste - geht das?

Quelle: Laura Mitulla on Unsplash

Überall auf der Welt entscheiden sich Menschen für den nachhaltigen und noch jungen Lebensstil Zero Waste. Zum einen der Umwelt zuliebe, zum anderen dem eigenen Körper. Bei dem Öko-Trend geht es in erster Linie darum, möglichst abfallfrei und nachhaltig zu leben. Vor allem auf Plastikverpackungen wird so gut es geht verzichtet. Innerhalb der letzten fünf Jahre eröffneten ca. 50 der sogenannten „Unverpackt-Läden“ in Deutschland. Zwei davon in Hamburg. Das sind zwar noch eindeutig zu wenige, aber mit den richtigen Tipps und Tricks ist es gar nicht mehr so schwer, das mit dem umweltbewussten Leben.

„Einmal ohne Alufolie, bitte!“ Marie lächelt dem Verkäufer entgegen. Die junge Studentin aus Hamburg steht hungrig  vor der Dönerbude und wartet auf ihr Essen. Dann die Gegenfrage: „Machst du das immer so? Das bringt ja aber gar nichts, solange das nicht jeder macht!“ Darauf muss sie gar nicht mehr antworten, sich nicht rechtfertigen, denn ihrem Ziel ist sie in diesem Moment ein kleines Stückchen näher gekommen: „Er hat drüber nachgedacht und das ist der allererste Schritt“, strahlt sie. „Das ist tatsächlich die einfachste Art meinen Lebensstil unter die Leute zu bringen. Indem ich ihn einfach praktiziere.“

Die Autorin Shia Su definiert ihren Lebensstil in ihrem Ratgeber zu (fast) vollkommen müllfreien Leben so: „Zero Waste bedeutet für mich, mir erst einmal ganz konkret an meine eigene Nase zu fassen.“ Auf dem Cover ist sie selbst zu sehen, wie sie stolz den Abfall eines ganzen Jahres präsentiert (der in ein kleines Marmeladenglas passt!). Eben dieser Ratgeber befindet sich auch im Bücherregal von Marie. „Ich habe viele Putzmittel-Rezepte aus dem Buch übernommen, die ich auch heute noch anwende. Mit diesen Rezepten kann man beinahe jeden chemischen Reiniger aus dem Supermarkt ersetzen und braucht dabei echt nicht viel: Kaisernatron, Waschsoda, Zitronensäure und Essigessenz, das wars.“

Seit ungefähr zwei Jahren lebt sie nun, so gut es eben geht, Zero Waste. „Zuerst habe ich mich vor allem mit gesunder Ernährung beschäftigt, habe mal eine Zeit lang vegan gelebt. Dann habe ich mich, zusammen mit meiner Cousine, mit Minimalismus beschäftigt. Beim Minimalismus geht es darum, möglichst nur das zu besitzen was man wirklich braucht. Meine Cousine hat damals so gelebt, aber ich fand das ein bisschen sinnlos, weil da dann so viel weggeschmissen wird. Wir haben dann viel im Internet recherchiert über Unverpackt-Läden und darüber wie man beispielsweise seine eigene Zahncreme herstellt. Dadurch sind wir dann auch auf andere Sachen gekommen, haben angefangen Dinge überhaupt mal zu hinterfragen.“

Die Ursachen der Zero Waste-Bewegung, die Verschmutzung der Meere, der Klimawandel und der ewige Konsumwahn, sind akut. Sie alle sind Produkte der Neuzeit und Baustellen unserer Generation. Shia Su erklärt in ihrem Buch: „Vor einigen Jahrzenten hat eigentlich jeder ‚Zero Waste‘ gelebt. Da hieß es natürlich nicht ‚Zero Waste‘, sondern war einfach nur ‚normal‘. Neu ist eigentlich die ressourcenverschwenderische Art zu leben – und die ist leider kein Fortschritt, sondern viel zu kurz gedacht.“

Verglichen mit anderen Ländern gilt Deutschland in Sachen Recycling und Umweltschutz als vorbildlich. Und trotzdem produzieren wir Jahr für Jahr zu viel und vor allem immer mehr Müll. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden im Jahr 2017 rund 38,3 Millionen Tonnen Abfall aus deutschen Haushalten eingesammelt. Das seien 0,2 Millionen Tonnen mehr als im vorherigen Jahr.

Auch auf dem Rest der Welt sieht es nicht besser aus. Die Naturschutzorganisation WWF gab an, dass jedes Jahr schätzungsweise 4,8 – 12,7 Millionen Tonnen Plastikmüll in die Meere gelangen. Insgesamt seien mindestens 86 Millionen Tonnen bereits im Wasser und auf dem Meeresgrund gelandet.

Um dagegen anzugehen, fangen immer mehr Menschen an, ihr Verhalten zu hinterfragen und nachhaltiger zu denken. Selbst Thailand, weltweit einer der größten Plastikmüll-Verursacher, denkt um: Im Supermarkt „Rimping“, in der nordthailändischen Stadt Chiang Mai werden Obst und Gemüse ohne Plastik verkauft. Stattdessen werden die Lebensmittel in Bananenblätter gewickelt, so wie es dort früher einmal üblich war. Im Gegensatz zu Plastiktüten zersetzten sich die Blätter irgendwann auf natürliche Weise.

Aber wie lebt man denn nun am besten Zero Waste? „Ich glaube du musst einfach einmal ins kalte Wasser springen. Am Anfang muss man einfach diesen Schritt machen und sagen ‚Ich will das jetzt durchziehen!‘ auch wenns dann nur für einen Monat ist“, erzählt Marie. „Danach kannst du deine Regeln auch wieder etwas mehr entspannen.“ Da es heutzutage immer mehr Möglichkeiten gibt,  müllfrei zu leben, muss man aber vor allem eins: Zeit investieren. „Das erste Mal im Unverpackt-Laden ist erst einmal total aufregend und man braucht viel Vorbereitung. Zum Beispiel muss man sich vorher seine Gefäße zusammensuchen. Ich nehme Stoffbeutel für Nudeln oder Haferflocken und vor allem Gläser mit, von Sachen die mein Freund und ich zu Hause essen: Tomatensoße, Oliven, saure Gurken und so weiter. Die Gläser waschen wir dann aus und benutzen sie zum Einkaufen.“

Aber auch Preisvergleich ist wichtig. Denn der Unverpackt-Laden ist, verglichen mit herkömmlichen Supermärkten, teuer. Hier kann man sich Reis, Nudeln oder Cornflakes aus großen Spendern abfüllen und so kostet ein Kilo Nudeln schnell 3,60 Euro. „Klar, es ist teuer unverpackt zu leben und da ich Studentin bin und nicht so viel Geld zur Verfügung habe, habe ich versucht, die günstigsten Produkte zu finden. Das hat schon eine Weile gedauert aber das sollte es auch.“

Zeigt man genug Engagement, ist das Konzept nicht nur etwas für Besserverdiener. „Mittlerweile habe ich eine ganz gute Routine gefunden: Abwechselnd gehe ich zu Bioläden und auf den Markt und brauche nur ca. einmal im Monat zum Unverpackt-Laden zu gehen.“

Bei Hygieneprodukten wird das ganze schon kniffliger. Denn Handcreme, Shampoo oder Waschmittel gibt es im Unverpackt-Laden nicht. Und auch hier ist einem mit ein bisschen Zeitinvestment schnell geholfen: „Ich mache Dinge wie Wasch- und Spülmittel selber und benutze unverpackte Dusch- und Haarseife statt Shampoos aus Plastikflaschen.“ Zero Waste zu leben ist also möglich, wenn auch bisher noch nicht komplett. „Man muss halt Kompromisse eingehen“, erklärt Maries Freund Chris. „Du kannst nicht durchgehend ohne Plastik leben. Das gibt unsere Gesellschaft einfach noch nicht her.“

Im Endeffekt steckt hinter diesem Lebensstiel sehr viel mehr als nur umweltbewusstes Leben. Es geht darum, zu hinterfragen, wo die Lebensmittel, die wir jeden Tag konsumieren, eigentlich herkommen und ob der Preis gerechtfertigt ist. Es geht darum, Ressourcen zu schonen und ein gesundes Mittelmaß zu finden zwischen konsumieren und produzieren.

Von Milena Blumenthal
Veröffentlicht am 21.04.2019