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Inklusion

Blind durch Hamburg

Quelle: Laura-Marie Reiners

Blind sein ist für viele unvorstellbar, für den Journalisten Christian Ohrens ist es allerdings die Realität. Mit geführten Blindentouren möchte er Menschen für das Thema sensibilisieren - mit Erfolg.

Der tägliche Verkehrswahnsinn beginnt in Hamburg schon früh morgens: Menschen laufen kreuz und quer auf den Fußgängerwegen, Autos stauen sich entlang der Hauptstraßen und wenn die S-Bahnen mal wieder technische Störungen aufweisen, kann sich auf dem Bahnsteig vor lauter Menschen kaum noch bewegt werden. Lärm inklusive. Ohne Sehkraft scheint es unmöglich, sich in diesem Getümmel zurechtzufinden.

Bei „Blind durch Hamburg“ werden Sehende genau dieser Herausforderung gestellt: Interessierte laufen ausgestattet mit Augenbinde und Blindenstock an der Seite eines sehbehinderten Tourguides durch Hamburg. Dabei ist es egal ob Innenstadt, Reeperbahn oder Hafen, egal ob Einzelführungen oder Gruppenausflüge: Das Gesicht hinter „Blind durch Hamburg“ – Christian Ohrens – bietet je nach Wunsch verschiedene Touren an. Es ist viel mehr als nur eine Stadtführung - es ist ein Wahrnehmungsexperiment, dass die Herausforderungen eines Blinden in der Großstadt zeigt und ein wichtiger Beitrag zur Inklusion und Teilhabe am öffentlichen Leben ist.

Die Idee

„Die Planung des Projekts war im Grunde genommen eine Sache von einem Monat. Ich bin da keiner, der lange grübelt, wie man da was macht, sondern ich mache es einfach und lasse die Dinge im Laufe der Zeit sich einfach entwickeln“, so Ohrens. Inspiration für dieses Projekt holte sich der von Geburt an Vollblinde bei seiner langjährigen Arbeit bei „Dialog im Dunkeln“. Auch dort geht es darum, den Alltag eines Blinden zu erleben, allerdings in einem geschützten Raum. „Ich bin sehr häufig am Ende der Tour gefragt worden, ob man das nicht auch mal draußen, in der „Realität“ erleben könnte. Diese Frage musste ich lange mit nein beantworten und irgendwann habe ich mich dann mal gefragt: Warum muss man sie eigentlich mit nein beantworten? Was spricht dagegen?“

Beweggründe der Menschen

Laut Ohrens seien die Interessen der Leute an seiner Tour ganz unterschiedlich. Einige möchten einfach etwas Neues erleben, andere sind im Alltag selbst mit dem Thema Blindheit konfrontiert. Häufig möchten sich auch Schulklassen oder geschäftliche Teamworkshops auf dieses Experiment einlassen, um das Miteinander und Aufmerksamkeit zu fördern.

Alltägliche Herausforderungen

Doch wie erschließt sich ein Blinder unbekannte Gebiete? Und wie orientiert er sich überhaupt in einer Großstadt? „Natürlich verläuft man sich, aber ein Freund von mir hat mal gesagt, das beste Lernen ist, wenn man sich verläuft und da kann ich ihm echt nur Recht geben. Ich erschließe mir neue Wege ganz intuitiv, indem ich sie einfach laufe“, erklärt Ohrens. Er verzichtet dabei bewusst auf digitale Assistenten wie Google Maps und fragt sich stattdessen lieber durch.

Dass das nicht immer einfach ist, zeigt sich auch während seiner Touren: Es gibt häufig Menschen, die im Weg stehen, die einem ungefragt über die Straße helfen, die einen beobachten. Selbst banale Dinge wie Essen kaufen können zur Herausforderung werden. Was steht auf der Speisekarte? Wie viel Geld halte ich gerade in der Hand? Mit diesen Fragen wurde auch der Student Simon Rieckmann, der bereits eine Tour miterlebt hat, konfrontiert: „Es war schon eine Herausforderung muss ich sagen. Auch mit dem Geld und so, was ja normalerweise recht schnell geht, hat ja glaube ich fast zwei Minuten gedauert. Man hat schon echt Respekt davor.“

Kritik am Konzept

Böse Zungen behaupten, man stelle mit derartigen Angeboten blinde Menschen zur Schau und nutzt diese, um Profit zu machen. Ohrens weist diese Kritik allerdings von sich. Mit den generierten Einnahmen werden lediglich Kosten für beispielsweise Personal, Material und Werbung gedeckt. Eine Bereicherung durch seine angebotenen Touren liegen ihm fern.

Bei Blind durch Hamburg gehe es nämlich vor allem „um Aufklärung, um den Umgang miteinander, um Wahrnehmung und um Alltag“, wie er auf seiner Website deutlich macht. Dabei ist nicht nur der Lernfaktor hoch, sondern auch der Spaßfaktor. „Natürlich steht, und das soll es auch, der Spaß im Vordergrund. Es geht mir nicht darum, mit dem erhobenen Zeigefinger durch die Gegend zu laufen.“

 

 

Von Laura-Marie Reiners
Veröffentlicht am 09.06.2019