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Eine Redakteurin im Zirkus

Boah, seid ihr deutsch, ey!

Foto: Ana Goldscheider

Eine einzigartige Show, fantasievolle Kostüme, talentierte Artisten – und deutsche Zuschauer.

Schon vor Monaten habe ich das erste Plakat gesehen. Es hing an der Tür meines benachbarten Fitnessstudios und beinahe wäre ich auf dem Weg zur Uni daran vorbei gehetzt. Aber im Bruchteil einer Sekunde bemerkte ich die vielen Farben im Augenwinkel und schaute mir die Werbung genauer an. Der Cirque du Soleil würde mit seiner Show "Varekai" nach Hamburg kommen. Ich hatte die atemberaubende Vorstellung bereits im Jahr zuvor in Amerika miterleben dürfen und wusste so, was für ein Erlebnis mich erwarten würde. Für mich stand in diesem Moment fest, dass ich meine ärmlichen Ersparnisse in die Hand nehmen würde, um mir ein Ticket zu kaufen.

Nun war es also so weit. Ich hatte einen relativ guten Platz ergattert und ließ mich zufrieden zwischen dem schwulen Pärchen und dem älteren Ehepaar in meiner Reihe nieder. Absolut nichts versperrte mir die Sicht und meine Laune hätte nicht besser sein können. Als die Artisten begannen, ihre Kunststücke zum Teil in schwindelerregender Höhe vorzutragen, schlug mein Herz höher und ich kam aus dem Grinsen gar nicht mehr raus. Da hörte ich eine Stimme hinter mir sagen: "Ach du meine Güte, ist das denn nicht gefährlich?" Mit einem eindeutigen "Wie bitte?" im Blick drehte ich mich herum. Ein weiteres älteres Ehepaar saß dort und sah ein wenig missmutig zur Bühne hinüber. Ich schnaubte belustigt auf und konzentrierte mich wieder auf die Show.

Die Akrobatik ist ja schon nicht schlecht

Zu diesem Zeitpunkt rechnete ich damit, dass sich die Sprüche damit gegessen hatten. Wie ich zur Pause herausfinden musste, lag ich damit mehr als falsch.  Kaum waren die Lichter angegangen, ging es auch schon los. "Die Akrobatik ist ja schon nicht schlecht. Aber diese albernen Kostüme und dieses Rumgeschreie gefallen mir gar nicht." Diesmal blieb mein Blick starr nach vorne gerichtet. Ich fragte mich ernsthaft, ob sich diese Leute überhaupt darüber informiert hatten, wofür der Cirque du Soleil eigentlich steht. Doch ich war noch gar nicht fertig mich zu wundern, als auch schon das nächste Statement rausgehauen wurde. "Die Treppen hier sind ja auch sehr hoch. Das ist wirklich gefährlich für alte Leute."  Als gegen Ende der Pause auch noch die Sitze in der Arena indirekt mit dem Satz "Morgen habe ich einen steifen Nacken" kritisiert wurden, war es für mich an der Zeit, vom Glauben abzufallen. Was sie wohl erwartet hatten? Ohrensessel? Hätte ich mich für jeden Spruch rumgedreht, den die beiden sich gegenseitig zu warfen, wäre ich sicherlich diejenige mit einem steifen Hals gewesen.

Einer traute sich zu pfeifen

Fakt ist: die Deutschen sind Weltmeister. Und das nicht nur im Fußball (ich erinnere an diesem Punkt gerne an den 1:0 Sieg gegen Argentinien), sondern auch im Meckern. Selbst bei dem bemerkenswertesten Kunststück war beim Publikum nicht mehr als ein kurzer, anerkennender Applaus drin. Ein Mensch traute sich sogar zu pfeifen, aber der kam sicher nicht von hier. Nach der Show musste ich im Bus viele unzufriedene Gesichter und noch mehr unsinniges Gemecker über mich ergehen lassen.

Möchtet ihr einen lustigen und mit fantastischen Kunststücken gespickten Abend erleben? Kein Problem. Ich kann den Cirque du Soleil nur wärmstens empfehlen. Nur möchte ich an diese Empfehlung noch eine andere anschließen: Nehmt euch Ohrenstöpsel mit. Diese braucht ihr nicht, um die laute Musik etwas zu dämmen, über die sich gewisse ältere Ehepaare bereits beschwerten  oder die Fantasiesprache der eifrigen Schauspieler auszublenden, nein. Sie lassen den verbalen Müll an euch abprallen, den potentielle Nachbarn von sich geben könnten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr alles andere trotzdem hören werdet und so die Show von Anfang bis Ende entspannt genießen könnt. Klatscht was das Zeug hält, jubelt, bis ihr heiser werdet und seid am Ende die Ersten, die begeistert aus ihren Sesseln springen und einen donnernden Applaus von sich geben. Bekämpft das Klischee der missmutigen Deutschen mit all euren Möglichkeiten und macht dieses Land ein Stückchen besser. #WirsindgarnichtsoDeutsch

Von Ana Goldscheider
Veröffentlicht am 13.02.2016