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Fußball-Bundesliga

Das Ärgernis um den Mann hinterm Bildschirm

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Statt Fehlentscheidungen ein Ende zu setzen, sorgt der Videoschiedsrichter Woche für Woche für neuen Zündstoff.

Samstag, 15:55 Uhr: Hamburgs Aaron Hunt bedient mit einem messerscharfen Pass Tatsuya Ito, welcher den Ball mit dem linken Fuß ins Frankfurter Tor schiebt. Riesenjubel bei den Hamburger Fans. Dann greift sich Schiedsrichter Deniz Aytekin ans Ohr, malt das berühmt-berüchtigte Rechteck in die Luft und nimmt den Treffer zurück.

Erst in dieser Saison eingeführt, sorgt er Spieltag für Spieltag für Zündstoff in der ersten Fußballbundesliga: Der Videobeweis. Was vor Saisonbeginn noch als Heilmittel gegen all die Fehlentscheidungen der vergangenen Jahre gehandelt wurde, sorgt nun immer wieder für noch größeren Ärger. Statt falsche Entscheidungen zu verhindern und so die Spiele fairer zu machen, greift der Videoschiedsrichter oft falsch, gar willkürlich,  in den Spielverlauf ein und sorgt so nicht nur für Unverständnis sondern vor allem für Wut bei Fans wie Michael B, Experten wie Dietmar Hamann (Sky) und Fußballgrößen wie Horst Held (Hannover 96). „So macht der Videobeweis keinen Sinn“, findet er.

Auch am 33. Spieltag sorgte der Videobeweis wieder für Gesprächsstoff, als das Tor von Ito für den Hamburger Sportverein in der 25. Minute im Spiel gegen die Eintracht aus Frankfurt wegen einer vermeintlichen Abseitsstellung zurückgenommen wird.

Laut Regelwerk soll der Videoschiedsrichter nur dann eingreifen, wenn eine „krasse Fehlentscheidung“ vorliegt. Günther Perl (Videoschiedsrichter am vergangenen Spieltag bei der Partie HSV-SGE) hatte eingegriffen und das Tor zurücknehmen lassen, obwohl selbst die Fernsehbilder nach wiederholtem Anschauen nicht klar erkennen lassen, ob sich der junge Japaner tatsächlich im Abseits befunden hat. Von einer krassen Fehlentscheidung kann also keine Rede sein: demzufolge hätte Perl nicht eingreifen dürfen. „eine skandalöse Entscheidung“, findet auch Sky-Experte Dietmar Hamann. „Da sind wir jetzt wieder bei Willkür (…), die Hamburger haben allen Grund, erbost zu sein“, sagte er in der Sendung „Wontorra“.

Bei Weitem nicht das einzige Spiel, das in dieser Saison durch Entscheidungen per Videobeweis für Ärger sorgte. Besonderes Aufsehen erregte auch der Abstiegskracher Mainz 05 gegen den SC Freiburg am 30. Spieltag. Dort wurde nachträglich ein Elfmeter gewährt, obwohl Schiedsrichter Guido Winkmann bereits zur Halbzeit abgepfiffen hatte. „Der Videobeweis wird immer kurioser“, hatte auch Freiburgs Sportvorstand Jochen Saier nach dem Spiel festgestellt.

Zwar sind viele Entscheidungen regeltechnisch in Ordnung (Markus Merk, dreimaliger Weltschiedsrichter des Jahres hatte die Entscheidung von Perl als „bewundernswert richtig“ betitelt), doch entsteht der Eindruck es würde oft Willkürlich gehandelt. „Mal greift er ein, mal nicht“, findet auch Michael B, HSV Fan. Eine Anspielung auf das HSV Heimspiel gegen den FC Schalke 04, als der Videoschiedsrichter ein klares Handspiel-Tor von Schalkes Naldo übersehen und nicht eingriffen hatte.

In der Tat liegen zahlreiche Situationen vor, in denen der Videoschiedsrichter falsch oder eben gar nicht eingriff und so teilweise das Endergebnis maßgeblich beeinflusste. So sammelte der angehende Vizemeister Schalke 04 wohl 7 Punkte durch Fehlentscheidungen, während Absteiger Köln in der Hinrunde zahlreiche Punkte durch Fehlentscheidungen verlor: und das trotz Videobeweis!

„Das Regelwerk wird unterschiedlich ausgelegt, das ist Wahnsinn“, hatte Horst Heldt gemahnt. Die Schiedsrichter greifen in so unterschiedlicher Weise in das Spiel ein, oder eben nicht ein, dass man keine klare Linie erkennen kann. „Früher hatte man das Gefühl das sich die Fehlentscheidungen einfach innerhalb der Saison wieder ausgleichen, jetzt aber nicht mehr“, stellt auch Michael B fest.

Willkür oder Versehen? – eine Frage, die sich wohl so einfach nicht beantworten lässt. Und doch bleibt ein ungutes Gefühl wenn man an Stuttgarts Ascacibar denkt, der am 15. Spieltag Leverkusens Brandt mit einer rüden Grätsche am Knöchel von den Beinen holte und der Videoschiedsrichter nicht eingriff, obwohl Aytekin nur Gelb gab. Wenn man bedenkt, dass der FC Bayern München 3 Tore trotz klarer Abseitsstellung erzielte. Wenn man sich anschaut, dass Schalke allein diese Saison insgesamt 8 Mal von Fehlentscheidungen profitierte.

Für Horst Heldt ist das Maß voll: „Wir waren immer Verfechter des Videobeweises, aber jetzt rücken wir von dieser Position ab und stellen uns dagegen, denn es ist Willkür“, erklärte er gegenüber BILD.

Also alles wieder auf Anfang? Den Videobeweis wieder abschaffen? Der vergangene Champions-League Spieltag zeigt uns jedoch das die Abschaffung ein erneuter Rückschlag wäre. Hier findet der Videobeweis bisher nämlich keine Anwendung. Nicht gegebener Elfmeter nach klarem Handspiel von Reals Marcelo im Spiel gegen Bayern. Nicht gegebener Elfmeter nach klarem Foul von Liverpools Karius an Dzeko, wegen einer vermeintlichen Abseitsposition.

Es ist nicht der Videobeweis der uns aufregt. Mit oder ohne ihn, es sind die Schiedsrichter, die immer wieder nicht nachvollziehbare Entscheidungen treffen, weil sie keine klare Linie haben. Weil die Grauzonen im Fußball zu groß sind und die Regeln nicht klar genug formuliert sind. Das gibt auch Freiraum für individuell motivierte Entscheidungen.

„Ob das alles Absicht ist oder nicht, das wissen die Schiedsrichter nur selber“, sagt auch Michael B. 

Von Natalie-Margaux Scholtz
Veröffentlicht am 07.05.2018