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Gedeckelte Fahrt

Dauerbaustelle A7 in Hamburg

Quelle: Pixabay

Ohne jede Vorwarnung reißt 2016 in der japanischen Millionenstadt Fukuoka die Straße auf. Und viele Deutsche sind erstaunt, aber nicht von dem 30 Meter langen, 27 Meter breiten und 15 Meter tiefen Erdloch, sondern von der Geschwindigkeit der japanischen Bauarbeiter. Innerhalb von nur 7 Tagen wird die Straße erneuert, inklusiver Wasserkanal, Ampeln und Asphalt. Eine Geschwindigkeit von der hierzulande viele Menschen träumen dürfen, sind doch zurzeit vor allem die Negativ-Beispiele deutscher Ingenieurskunst in den Medien. Viele kleine und große Baustellen in der Republik sorgen derzeit für Ärger. Wir haben uns einmal eine Baustelle direkt vor unserer Haustür angeschaut, den sogenannten Hamburger Deckel.

Was ist der Hamburger Deckel?

Drei Tunnel mit einer Gesamtlänge von 3753 Metern bilden den Hamburger Deckel. Seit 2008 wird geplant, 2012 sollte der Bau beginnen, 2014 wurde angefangen. Geplante Fertigstellung der Baumaßnahmen ist im Jahr 2026. Auf den Tunneldächern sollen nach der Fertigstellung Parkanlagen entstehen. Außerdem werden Flächen für Kleingärtner zur Verfügung gestellt. Die ehemaligen Kolonien sollen nach und nach für den Wohnungsbau genutzt werden. Die Stadt Hamburger verspricht sich durch den Hamburger Deckel ein Zusammenwachsen der Stadt. Im offiziellen Infoblatt heißt es: „Wo seit dem Bau der Autobahn in den 1970er Jahren die A 7 eine Schneise durch den Hamburger Westen zieht, bietet sich so die Chance, ehemals gewachsene Verbindungen wieder herzustellen oder gänzlich neue zu schaffen.“

Wie wird der Hamburger Deckel finanziert?

Die meisten Kosten des Ausbaus der A7 und des gesetzlichen Lärmschutzen trägt der Bund, sein Anteil beträgt ca. 420 Millionen Euro. Die Stadt Hamburg beteiligt sich mit ca. 167 Millionen Euro an den Kosten für die Deckelabschnitte, die einen städtebaulichen Nutzen habe. Durch den Wohnungsbau auf den frei werdenden Flächen rund um den Hamburger Deckel erhofft sich die Stadt Erlöse von rund. 167 Millionen Euro. Ein Teil des Hamburger Deckels wird in einer Öffentlich-Privaten Partnerschaft durch einen privaten Träger ausgebaut und betrieben.

Doch was halten die Betroffenen vom Ausbau der A7, von den vielen Baustellen und vom Hamburger Deckel. Wir haben mit Anwohnern und Autofahrern gesprochen

Das sagt die Bürgerinitiative?

Seit 24 Jahren kämpft die „Ohne DACH ist KRACH“ für die Anwohner der A7. Bernt Grabow, Mitglied der Bürgerinitiative ist guter Dinge. „Auf der Baustelle Schnelsen geht es gut voran, 2019 sollte der Schnelsener Tunnel fertig sein und dann ist endlich Baubeginn des Altonaer Tunnels.“ Die Kritik von Autofahrern am Hamburger Deckel kann Grabow nicht nachvollziehen: „Leider hat die Presse oft geschrieben, dass an den vielen Staus der Bau des Hamburger Deckels schuld ist, das stimmt so nicht. Der Ausbau der A7 wäre mit oder ohne Deckel gekommen. Und hätte es eine Entscheidung gegen den Hamburger Deckel gegeben, dann wäre eine andere Maßnahme zum Lärmschutz gekommen, wie zum Beispiel Lärmschutzwände. Den Ausbau der A7, und damit weniger Staus, gibt es nur verbunden mit Maßnahmen für einen effektiven Lärmschutz.“

Was sagen die Autofahrer

Die Sonne strahlt, 18 Grad und auf der Raststätte Holmmoor kurz vor der Autobahnausfahrt Schnelsen Nord herrscht viel Betrieb. Rainer Störmer, selbständiger Kaufmann aus Bald Salzufen kommt mit seiner Frau gerade aus dem Sylt-Urlaub. Er ist genervt von den vielen Staus auf der A7. „Was mich regelmäßig ärgert ist, dass auf den ewig langen Baustellen relativ wenig passiert. Man sieht auf 10 Kilometer Baustelle 3 Männlein und einen Bagger arbeiten, und das war es dann. Es kommt einfach nicht voran.“ Alan Mortensen fährt oft über die A7, der Däne arbeitet in der Schweiz. „Wir Dänen gehen mit der Situation vielleicht ein wenig gelassener um als andere Autofahrer, aber die vielen Staus nerven schon. Meiner Meinung nach dauert der Ausbau viel zu lange.“ Mark Wittenbrock aus Halle, kommt gerade mit Familie aus dem Urlaub. Der Landwirt sieht die Situation sehr gelassen. „Die Baustellen sind nicht schön, aber wir wollen den Netzausbau haben, wir brauchen mehr Autobahnflächen von daher müssen wir damit leben.“ Und Wittenbrock lobt die Organisation der Hamburger A7 Baustelle. „Bei uns in Halle sind die Baustellen deutlich schlechter organisiert.“ Für Jarre aus Herten ist die A7-Baustelle in Hamburg die schlimmste Baustelle Deutschlands. „Ich begleite Schwerlasttransporter über Autobahnen. Wenn ich einen Auftrag aus Nordrhein-Westfalen bekommen, dann komme ich schneller von Hannover nach NRW, als über die A7 durch Hamburg. Es dauert lange, ständig gibt es Unfälle und wenn unsere Schwerlasttransporter den Verkehr aufhalten, dann sind wir die Buhmänner.“ Und Sean Fallek, LKW-Fahrer aus den Niederlanden beschreibt die Situation auf der A7 mit einem Wort: „Scheiße“.

Und was sagt der Autor des Artikels, selbst ein regelmäßiger A7-Befahrer?

Ja, es ist ärgerlich. Kaum auf der A7, schon leuchten die roten Bremslichter des Vorderautos auf. Quälend langsam schleicht man über die Autobahn und ärgert sich über wenig Betrieb auf den Baustellen. Jeder Bauabschnitt auf dem nicht mindestens zehn fleißige Arbeiter schuften wird persönlich für den Stau verantwortlich gemacht. Aber betrachtet man die eng an der Autobahn liegenden Häuser und Wohnungen und liest man sich durch die detaillierten Pläne der Stadt und „Ohne DACH ist KRACH“ dann fällt das Urteil milde aus. Klar, Stau nervt und mir würden auch sofort 10 Dinge einfallen, die ich lieber machen würde als langsam über die Autobahn zu kriechen. Aber die Lösung für den Stau ist am Ende nur der Ausbau der A7. Und dieser Ausbau kann nur mit den damit verbundenen Maßnahmen für den Lärmschutz realisiert werden. Denn wie sagt Bernt Grabow von der Bürgerinitiative „Ohne DACH ist KRACH“ im Gespräch mit dem Grossstadtpapier: „Die Anwohner der A7 haben ein Recht auf Schlaf“. Und diesem Satz unterschreibe ich am Ende sofort.

Von Sebastian Günther
Veröffentlicht am 10.04.2018