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Drogenkonsum

Die asketische Adoleszenz

Gehören Experimente dieser Art der Vergangenheit an?

Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung raucht und trinkt nur noch ein Bruchteil der jungen Leute – was natürlich immer noch viel zu viel ist.

Was müssen das doch für furchtbare Zeiten gewesen sein.

Permanent leicht verkatert, Kette qualmend und in Gedanken nur beim nächsten Vollrausch – so verhielt es sich mit den Adoleszenten der alten Welt. Ohne einen Glimmstengel im Hals konnte man den Schritt in die Coolness-Elite des Schulhofs wohl glatt vergessen, nur wer dauerhaft einen Duftschleier aus Rothändle und Holsten Edel ausstieß, DER konnte was erreichen. 

Das scheint heute passé – laut einer aktuellen Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung raucht und trinkt nur noch ein Bruchteil der jungen Leute, was natürlich immer noch viel zu viel ist.

 Schließlich scheint sich der Nachwuchs der Generation Z mit der Verantwortung fürs eigene Leben noch einmal deutlich schwerer zu tun, als die klischeegerechten Generation Y-Vertreter. Aber wenn unsere Sozialsysteme diese Ausbildungsphasen inkl. „Gap-Year“, Auslandssemester und Sabbaticals irgendwie vertragen sollen, werden die heute 12- bis 17-Jährigen zukünftig solange ins Büro rennen, bis jeder von Ihnen es eines Tages mit den Füßen voran verlässt.

Vielleicht versteht der gemeine Vertreter der 12- bis 17-Jährigen es deshalb als seine Pflicht, seinen Alkohol- und Tabakkonsum auf einem historischen Tief zu halten.

Das würde allerdings ein Bewusstsein dieser Jungspunde vorraussetzen, dass es sich dank der historischen Generationenungerechtigkeit eventuell nicht mehr lohnen wird, besonders alt zu werden.

Die Zahlen zum Konsum der jungen Deutschen lesen sich bemerkenswert: beispielsweise trinken lediglich zehn Prozent der 12- bis 17-Jährigen regelmäßig Alkohol.

Die Politik darf sich derweil freuen, hat sie doch einen historischen Sieg errungen in ihrem Präventionskrieg gegen legale Drogen im Kinderzimmer – ihre Maßnahmen haben gezogen.

Glaubt das wirklich jemand?

Das einzige, was noch uncooler ist als die strikte staatliche Verboteritis, waren die Anti-Drogen Kampagnen, denen ich während meiner Schulzeit ausgesetzt war.

In der fünften Klasse kam der Vertrauenslehrer unserer Schule in unser Klassenzimmer und ließ uns einen eigens aufgesetzten Vertrag unterschreiben. Die essentialia negotii bestanden darin, dass wir uns verpflichteten nicht mit dem Rauchen anzufangen – frei von jeder Gegenleistung.

Natürlich wurde niemand gezwungen zu unterschreiben, allerdings betonte man doch schon, dass ein merkwürdiger Eindruck vom Einzelnen entstünde, wenn man nicht unterschrieb oder, noch viel schlimmer, gar vertragsbrüchig würde – so viel zur “unverfälschten“ Ehrlichkeit der Schüler in solchen Umfragen und Aktionen.

Mit elf ist man nicht einmal partiell geschäftsfähig, aber das schien ihm egal zu sein. War es uns dann auch.

Aber in verbotsgeilen Kreisen nimmt man solche Statistiken lieber für bare Münze, statt zu hinterfragen, wie ehrlich ein 15-Jähriger seine Kreuzchen macht, wenn ihm parallel die gelangweilte Lehrkraft über die Schulter luschert, immer auf der Jagd nach neuem Tratsch für das ereignisarme Lehrerzimmer.

So kann man sich wenigstens gebührend feiern – genau wie damals, als man sich für die siegreiche Bekämpfung von Alkopos zelebriert hatte.

Zur Erinnerung: Das waren diese fertigen Mixgetränke bekannter Schnapsmarken, die mit entsprechend zuckerhaltigen Getränken gemischt verkauft worden waren und sich bei Alkoholeinsteigern großer Beliebtheit erfreuten.

Daraufhin wurden diese demeritorischen Produkte absurd hoch besteuert und wurden schlagartig weniger beliebt. Für die Stammkunschaft sicherlich kein Weltuntergang, immerhin standen im selben Regal immer noch Biersorten zum halben Preis einer Dose Cola oder zwei Regale weiter der billige Wodka, den man dann halt der 1,5 Liter-Flasche Sprite hinzufügte. Das Verbot hatte die Zielgruppe vom stillosen Alkoholkonsum aus Dosen zur verwahrlosten Druckbetankung via „Travelling Mische“ gebracht – Chapeau, die Alkopops hatte die Politik offiziell besiegt.

Da kann an anderer Stelle auch schon einmal den Vergleich ziehen, dass die heutige Generation an Flatrateparties kein Interesse mehr hat und lieber sinnvolleren Sachen nachgeht. Klingt nach einem tollen Kampagnenerfolg in Sachen Aufklärung, allerdings sind auch Flatrateparties mittlerweile verboten – wer einmal in den gängigen Partyorten im Süden war weiß, dass generelle Nachfrage durchaus besteht.

Aber so führt man den Verbots-Feldzug einfach fort, Zigarettenwerbung in jedweder Form ist das nächste Ziel. Wenn man tatsächlich meint, dass ein Plakat der ausschlaggebende Punkt in der Karriere eines Rauchers ist kann man das ja fortführen. Die vorschnellen Schlüsse aus derartigen Studien allerdings so unreflektiert abzufeiern kann auch nicht der richtige Wert sein. 

Vielleicht sind die jungen Menschen auch deshalb so gesundheitsfixiert, weil dank Instagram & Co schon in der Mittelstufe das körperliche Ideal auf internationales Niveau gehoben wird, denn man vergleicht sich ja mit der ganzen Welt, statt wie früher noch mit den “That's me!"-Seiten der Bravo. Vielleicht führt diese permanente Unzufriedenheit ja mittelfristig zu ganz anderen Problemen – aber darüber kann man sich ja dann empören und ein entsprechendes Verbot entwerfen.

Das der durchschnittliche Zwölfjährige im Jahr 2016 hingegen weder ein handfestes Alkoholproblem hat, noch stramm Kette raucht, hat auch wiederum etwas beruhigendes – Cheers.

 

 

 

 

 

Von Tillman Wendt
Veröffentlicht am 12.04.2016