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Gesellschaft

Leben mit Demenz - ein Beispiel, wie es funktionieren kann

Die Auffahrt zum Gutshof
Die alte Scheune
Zugang zum Innenhof

Die Diagnose Demenz ist ein Schicksalsschlag. Mit dieser Krankheit umzugehen, ist für Betroffene und Angehörige nicht leicht. In Pflegeheimen unter gesunden älteren Menschen oder welchen, die an einer anderen Krankheit leiden, sind Demenzkranke nicht optimal aufgehoben. Der Altrewa Gutshof in Affinghausen zeigt, wie schön das Leben auch mit Demenz für alle Beteiligten noch sein kann, wenn man unter seines Gleichen und in liebevollen Händen ist.

Schon als ich an diesem sonnigen Nachmittag die Auffahrt des Altrewa Gutshofes hinuntergehe, fühle ich mich willkommen. Ich laufe durch ein sauber aufgeräumtes Waldstück, vorbei an liebevoll platzierten Bänken und schönen Laternen. Ich höre das Hämmern eines Spechtes, das Schreien der Pfauen in ihrem Gehege und schon jetzt lautes Lachen, das mir aus Richtung des Hofes entgegenschallt. 

Sobald ich den Innenhof betrete, empfängt mich der Charme eines alten Bauernhofes - die große Scheune, das Fachwerk und die alten landwirtschaftlichen Geräte, mit denen das gesamte Gelände geschmückt ist, versprühen eine heimische Atmosphäre. Ich blicke auf einen sorgfältig restaurierten, prachtvollen Balkon, auf einen alten Brunnen, der nun als Blumenbeet dient und auf Rosenbögen, unter denen weitere Bänke zum Verweilen einladen. Die Fenster sind mit selbstgebastelten Fensterbildern geschmückt und an der Scheune hängen bunte Vogelhäuser - mit jedem sorgsam ausgewählten Detail, das ich entdecke, wächst mein Eindruck, an einem Zuhause angekommen zu sein. 

In Deutschland sind etwa 1,6 Millionen Menschen an Demenz erkrankt, jährlich wächst diese Zahl um 40.000 weitere. Nur ein Drittel der Erkrankten lebt in einem Altenpflegeheim, die wenigsten davon in einem, das sich auf Demenz spezialisiert hat. So finden immer mehr Demenzkranke ihren Platz inmitten von gesunden älteren Menschen oder welchen, die an einer anderen Krankheit leiden. Dass dies für beide Seiten nicht optimal ist, habe ich bei meinem Besuch auf dem Altrewa Gutshof erfahren können.

In der Pflegeeinrichtung leben 39 Menschen, jeder einzelne von ihnen hat Demenz. Sie ist der Ort, an dem jede*r Bewohner*in genau so sein kann, wie er oder sie ist. Ganz ohne Scham, Ausgrenzung oder Zurückweisung verleben sie hier in Begleitung der Mitarbeiter*innen und auch ihrer Angehörigen ihren Lebensabend. Denn das Miteinander wird in der Demenzeinrichtung großgeschrieben. Sie ist nicht nur für diejenigen, die dort ein Zimmer bewohnen, ein Zuhause. 

Wenn man Gerd Rohlfing, dessen Schwiegermutter auf dem Altrewa Gutshof lebt, fragt, was er hier besonders schätzt, antwortet er: „Das Familienzusammengehörigkeitsgefühl!“. Er sagt, hier sei eine große Familie entstanden, zu der neben den Mitarbeiter*innen und Bewohner*innen auch die Angehörigen zählen. „Für mich ist es immer wie Urlaub, wenn ich hier her komme“, sagt seine Frau Brigitte Rohlfing. Wenn die beiden ihre Angehörige besuchen, tun sie dies auch, um selbst eine schöne Zeit zu verbringen. Sie treffen sich dann mit anderen Angehörigen und Bewohner*innen im Gutshofcafé und genießen bei Kaffee und Kuchen den Nachmittag. 

Heinz Spatz besucht jeden Tag seine Frau auf dem Altrewa Gutshof. „Hier kann ich meine Seele abwaschen“, sagt er. Als seine Frau auf den Pflegeplatz angewiesen war, ging es ihm nicht gut. Er hatte stark abgenommen und war „am Ende“, wie er mir berichtet. „Ich bin hier aufgepeppelt worden, noch heute muss ich abends eine Milchsuppe trinken, wenn welche übrig ist“, erzählt der Rentner mit einem Schmunzeln auf den Lippen. „Ich würde für jeden, der hier arbeitet, durchs Feuer gehen!“

Auch die Mitarbeiter*innen fühlen sich auf dem Gutshof wohl. Die examinierte Altenpflegerin Anja Schönborn beschreibt die Zusammenarbeit so: „Jeder für jeden, alle für alle, eine Familie!“ - „Eine Familie, ein Team“, pflichtet ihr der Altenpflegehelfer Silvio Schulze bei. 

Wenn man sich dafür entscheidet, mit Demenzkranken zu arbeiten, sollte man Verständnis, Liebe, Flexibilität und ein Lächeln auf dem Gesicht mitbringen, erfahre ich von den Pflegekräften Regina Meier und Jenny Spreen. Das Krankheitsbild führt dazu, dass die Betroffenen häufig in der Vergangenheit leben. Sie befinden sich oftmals nicht im Hier und Jetzt, sondern an einem früheren Zeitpunkt ihres Lebens. Für Außenstehende ist das Verhalten der Erkrankten somit nicht immer nachvollziehbar und das, was sie erzählen, nicht immer verständlich. Demente Menschen benötigen viel Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen, das fällt schon Angehörigen oft nicht leicht. Wenn man nun als außenstehende Person mit ihnen in einem Pflegeheim zusammenwohnt, kann das strapazieren oder stören. 

Regina Meier hat zuvor in einem gewöhnlichen Altenpflegeheim gearbeitet und hat dort erlebt, dass von der Krankheit betroffene Menschen von Mitbewohner*innen nicht ernst genommen, manchmal sogar geschubst oder ausgesperrt wurden. 

Wenn Demenzkranke in regulären Einrichtungen in der Betreuung oder dem Zusammenleben zu anstrengend werden, bekommen sie häufig Beruhigungsmittel, die sie gar nicht benötigen. Einige der Mitarbeiter*innen, mit denen ich mich für meinen Artikel unterhalten habe, sprechen in dem Zusammenhang vom „Abschießen“ der Bewohner*innen mit Medikamenten wie beispielsweise Melperon. Nicht selten werden Betroffene auch fälschlicherweise in eine psychiatrische Einrichtung verlegt.

Dass auf dem Altrewa Gutshof auf Psychopharmaka verzichtet wird, solange sie nicht zwingend notwendig sind, hat viele Mitarbeiter*innen an der Einrichtung gereizt. Hier sind Demenzkranke unter sich und dürfen so sein, wie sie sind. „Der Mensch steht hier im Mittelpunkt“, sagt Einrichtungsleiterin Yelena Wehrenberg. „Bei uns fallen die Defizite der Bewohner*innen nicht so stark auf. Wenn jemand nicht mehr mit Messer und Gabel essen kann, kann er das hier mit den Fingern tun, ohne dass es das andere Klientel stört“, berichtet die Gerontologin. Das wirkt sich positiv auf die Atmosphäre und auf das Miteinander aus. 

Die examinierte Altenpflegerin und Hausdame des Gutshofes, Carmen K., erklärt, dass an Demenz erkrankte Menschen in gewöhnlichen Pflegeheimen von Mitbewohner*innen für solches Verhalten häufig ausgeschimpft werden oder genervte Reaktionen erfahren, wenn sie mehrmals dieselben Fragen stellen. „Ich glaube einfach, dass das bei uns ganz anders ist“, erzählt sie. „Weil man sich einfach nicht schämen muss, denn jeder hier hat so seine Kleinigkeiten und Macken, kann man sich viel freier entfalten.“

Ich merke, dass sich in dieser Pflegeeinrichtung niemand verstecken muss - weder die Bewohner*innen, noch die Angehörigen. Die Stimmung ist geprägt von Akzeptanz und Liebe, niemand ist genervt oder angestrengt von dem Verhalten des Anderen. 

Das sieht in der häuslichen Pflege oftmals anders aus. Zwei Drittel der 1,6 Millionen Demenzkranken in Deutschland werden zuhause gepflegt. Das bedeutet eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung, die in vielen Fällen von den Angehörigen gewährleistet werden muss. Diese Belastung kann sich negativ auf das Verhältnis zueinander auswirken. 

„Das ist etwas ganz Natürliches“, sagt Yelena Wehrenberg, „wenn man selber betroffen ist, kann man die Krankheit nicht so gut annehmen. Ich glaube, deswegen versucht man trotzdem immer noch zu sagen ‚Du weißt das doch!‘ oder ‚So geht das doch!' Dann verliert man schon mal die Lust, zehn mal zu erzählen, wie spät es ist oder wird auch mal ungerecht.“

Carmen K. äußert sich dazu so: „Es ist einfach so, dass die Betreuung von Demenzkranken nicht immer ganz einfach ist, und erst recht dann nicht, wenn man sie 24 Stunden am Tag durchziehen soll und muss. Das Schöne an einer Einrichtung ist, dass es einen ausgeschlafenen Frühdienst gibt, auf den ein frischer Spätdienst folgt, der den nächsten Part des Tages übernehmen kann. In der Nacht, wenn Bewohner*innen laufen oder zum Beispiel eine Schlafumkehr haben, ist die Nachtwache da, die ausgeschlafen ihren Dienst machen kann. Das ist als Angehörige*r natürlich irgendwann nicht mehr leistbar.“

Wenn die Angehörigen ihre Verwandten auf dem Gutshof besuchen, müssen sie sie nicht mehr pflegen, sondern können einfach schöne Stunden mit ihnen verbringen. Ich habe den Eindruck, hier sind alle rundum zufrieden. Mehr als das, die Menschen, die mir heute begegnet sind, waren trotz des Schicksalsschlages, der es nun mal ist, wenn eine geliebte Person an Demenz erkrankt, glücklich. Auf die Frage, wie sie im Falle einer Demenz später einmal selbst gepflegt werden möchten, hat mir jede einzelne Person, mit der ich mich heute unterhalten habe, geantwortet: „So wie hier!“

Von Yuvina Kostrzewa
Veröffentlicht am 07.04.2019