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Glosse

Die Welt zu Gast bei Putin

Quelle: Pixabay

In wenigen Tagen ist es wieder so weit. Das weltweit beliebteste Sportevent startet. Und nein die Rede ist natürlich nicht von den Olympischen Spielen, sondern von der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer. Und in diesem Jahr konnte es nicht besser laufen für den Gastgeber Russland, für die Fifa und für die zahlreichen kleinen und großen Profiteure.

Das Hotel mit dem wohlklingenden Namen „The Local Hotel“ liegt idyllisch am Stadtrand von Grosny, direkt daneben befindet sich ein Stadium zum Trainieren. Hier wird die Ägyptische Nationalmannschaft für die Weltmeisterschaft ihr Quartier beziehen. Ruhig gelegen, tolle moderne Zimmer und kurze Wege, mehr kann ein Fußballer auf seinem Weg zum Weltmeistertitel wirklich nicht erwarten. Gut, geschenkt dass in Tschetschenien, dieser kleinen russischen Provinz, die Menschenrechte genauso mit Füßen getreten werden, wie Andersdenkende, Homosexuelle und die Opposition. Hauptsache das Preis/Leistungsverhältnis stimmt.

Diesen Vergleich kann man für die ganze Weltmeisterschaft ziehen. Russland bietet der Fifa einfach die besten Möglichkeiten… viel Geld zu verdienen. Fehlende Menschenrechte? Fehlender Minderheitenschutz? Fehlender Frieden in der Ostukraine? Ein fehlendes Dopingkontrollsystem? Egal, man sei doch in Gesprächen mit Russland, so der DFB-Präsident Grindel. Und vor allem solle man doch Fußball und Politik bitte trennen. Gut, solange die Politik dem Fußball nützt, darf man die Beiden auch gerne verbinden – aber Menschenrechtsverletzungen und Krieg machen einfach keinen Spaß, dann doch lieber ein Besuch der Kanzlerin im deutschen WM-Quartier.

Apropos deutsches WM-Quartier. Nach dem luxuriösen Campo Bahia, direkt gebaut ins brasilianische Naturschutzgebiet, lässt sich das deutsche Team diesmal in Vatutinki vor den Toren Moskaus nieder. Und die öffentlich-rechtlichen Sender lassen keinen Moment aus, um zu erzählen das Vatutinki nun mal nicht so schön ist, wie der Aufenthalt im Campo Bahia. Auch der berichtende Sportjournalist hat schließlich Anrecht auf ein bisschen Luxus.

Apropos Luxus, war da nicht mal etwas mit Korruption und Luxusreisen/Geschenken beim Weltverband Fifa? Verhaftungen im Hotel, Durchsuchungen, Ermittlungen, sogar ein Präsidentensturz? Davon liest man kaum noch etwas, obwohl laut ehemaligen Fifa-Mitarbeitern das Klima unter dem neuen Präsident mit dem klingenden Namen Gianni Infantino nicht besser, sondern eher schlechter geworden ist. Aber egal! Hauptsache der Ball rollt, oder wie sagte schon die schottische Trainerlegende Bill Shankley: „Einige Leute halten Fußball für einen Kampf auf Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es weit ernster ist.“ Einen Satz den die geprügelten und gepeinigten Arbeiter auf den WM-Baustellen sicherlich sofort unterschreiben werden.

Während der WM also bitte keine negative Presse und vor allem keine Pfiffe von den Rängen. Die hat der Bundestrainer schon mal verboten. Warum man den armen Gündogan ausgepfiffen hab, könne er nicht verstehen. Das Thema mit dem Foto mit dem türkischen Diktat… Präsident Erdogan sei schließlich längst geklärt. „Mit diesem Treffen sollte absolut kein politisches Statement von uns beiden ausgehen.“, so Gündogan.

Und nach der WM? Da ist vor der WM natürlich. Die nächste WM findet schließlich wieder in einer lupenreinen Demokratie statt, in Katar. Bis dahin können die Journalisten wieder viele negative Dinge schreibe, über den Gastgeber, über Korruption, über die FIFA. Aber sobald der Ball rollt ist bitte wieder Ruhe. Als Experte für Katar eignet sich besonders der Kaiser, die Lichtgestalt der Deutschen Franz Beckenbauer. „Also, ich hab noch keinen einzigen Sklaven in Katar gesehen. Die laufen alle frei rum. Vom arabischen Raum habe ich mir ein anderes Bild gemacht, und ich glaube, mein Bild ist realistischer.“, so der realistische Experte. Aber es wird ja alles besser, die Weltmeisterschaft 2026 soll auch nach Menschenrechtslage vergeben werden. Dann wird also alles gut. 2030 wollen sich übrigens Südkorea, Nordkorea und China gemeinsam bewerben. So lange nur die Menschenrechtslage in Südkorea beleuchtet wird, kann das nur eine tolle Weltmeisterschaft werden.

Von Sebastian Günther
Veröffentlicht am 12.06.2018