Grossstadtpapier
Nachrichtenportal für Hamburg
Redakteurin als Helferin

Dieses Lächeln ist es wert zu helfen

Foto: Anissa Ayoub Viele Vorräte zur Versorgung der Flüchtlinge
Foto: Anissa Ayoub
Foto: Anissa Ayoub

Erfahrungsbericht von Anissa Ayoub, studiert Journalismus und Unternehmenskommunikation am BiTS Campus Hamburg. In den Semesterferien hat sie die Flüchtlinge am Hamburger Hauptbahnhof unterstützt und schreibt über ihre Erfahrungen.

HAMBURG Ich gehe durch den Hauptbahnhof und trage einen roten Kasten voller Brötchen, die in kleine Tüten gepackt sind. Er ist schwer, ich merke wie die Last an meinen Armen zieht. Direkt hinter dem Taxistand soll sich das weiße Zelt befinden. Bis jetzt hatte ich immer nur die Aufnahmestelle in der Wandelhalle gesehen, wo der Transfer der Flüchtlinge organisiert wird.

Täglich kommen Züge mit hunderten von Flüchtlingen in Hamburg an

Es sind Menschen, die nicht wissen, wo genau sie hin wollen oder können, die Hunger haben und müde sind. Kleine Kinder, die nicht wissen, was genau passiert, und plötzlich aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen werden. Sie sprechen kein Deutsch, kaum einer Englisch. Viele Helfer stehen täglich in der Wandelhalle am Hauptbahnhof, um deren Aufenthalt in Hamburg zu organisieren und die Erstverpflegung der Flüchtlinge zu übernehmen. Viele der Asylsuchenden, die aus den Zügen steigen, wollen nicht in Hamburg bleiben. Ihr Ziel ist Schweden oder Norwegen. Sie wollen noch weiter in den Norden, da sie gehört haben, dass es dort sehr friedlich ist. Der Hamburger Hauptbahnhof dient deshalb als kleiner Aufenthaltsort für viele Durchreisende. Die Flüchtlinge steigen aus den vollen Zügen und werden von Helfern zur ersten Aufnahmestelle geführt. Sie haben vor allem Hunger und Durst. In dem weißen Zelt am Nordeingang des Hauptbahnhofs stehen viele Helfer, welche den ganzen Tag und die ganze Nacht die ankommenden Flüchtlinge unterstützen und verpflegen. Übersetzer sind vor Ort, um die Formalitäten zu erledigen und sich mit den Menschen verständigen.

Viele der Helfer sprechen nur Arabisch und Englisch

 Ich stelle mich vor und werde gleich herzlich in die Runde aufgenommen. Eine junge Frau, Emma, scheint momentan die Verantwortung zu tragen. Sie sieht sehr müde aus und irgendwie durch gefroren. „Wir sind dankbar für alles, was wir kriegen können. Es ist sehr schwer, alle Helfer hier zu koordinieren. Sie sind alle sehr müde, haben kaum geschlafen“, erzählt sie. Mir ist auch kalt, die dünne Jacke hilft nur minimal, doch wer hätte gedacht, dass der gerade angebrochene Herbst sich schon wie ein Wintermorgen anfühlen kann. Die Helferin ist die Einzige, die fließend Deutsch spricht. Momentan sind noch mindestens fünf andere Helfer dabei. Sie sprechen alle Arabisch, und sind vor Jahren aus den Ländern nach Deutschland gekommen, aus denen der Großteil der Flüchtlinge jetzt kommt.

Flüchtlinge kommen in Schüben an

Ich schaue mich genauer um. Es gibt bereits einige Brötchenkisten, sehr viel Wasser und auch andere Nahrungsmittel, die für die Heimatsvertriebenen bereit stehen. Das Zelt ist voll. Vor dem Zelt steht ein Tisch, an dem immer mindestens einer der Helfer steht und an Flüchtlinge dann Wasser und Brötchen verteilt. Es sind einige Tische und Bänke aufgebaut, an denen viele Menschen Platz nehmen, um zur Ruhe zu kommen. Nachdem ich meine Hände desinfiziert habe, bin ich an der Reihe, die Brötchen zu verteilen. Es ist ein schönes Gefühl, den Menschen ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Ich sehe viele kleine Kinder, die müde ihre Hände nach Wasser und auch Essen ausstrecken. Eine Helferin erzählt, dass sie seit 2 Uhr nachts dort steht, und ein anderer Helfer ist bereits seit dem gestrigen Tag um 10 Uhr morgens dabei. Bewundernswert, wie stark alle sind. Dennoch merke ich, dass die hilfsbereiten Menschen auch leicht gereizt sind und vieles noch nicht zu hundert Prozent richtig organisiert ist. Es ist schwer, so viele Menschen zu koordinieren, die irgendwie helfen wollen, wenn keiner so richtig die Verantwortung übernehmen kann und weiß, wie viele Menschen heute Hilfe benötigen werden. „Die Flüchtlinge kommen in Schüben an. Mal sind es 200 auf einmal und manchmal sind hier auch nur 12 insgesamt. Das Schwere ist, dass wir nie wissen, wann genau wie viele ankommen“, erklärt Emma.

Die paar Stunden, die ich heute an der unmittelbaren Ankunftsstelle in Hamburg verbracht habe, waren für mich spannend und auch erschreckend zu gleich. Täglich bekommen wir mit, wie viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Nicht nur durch die Medien, sondern auch dadurch, dass wir den Flüchtlingen auf der Straße begegnen und an jeder Ecke ein Flüchtlingslager aufgebaut wird. Uns ist allen bewusst, dass geholfen werden muss und dass bereits geholfen wird. Doch die Helfer kennenzulernen, die dort seit Stunden stehen, sowie die Flüchtlinge zu sehen, die verzweifelt und verloren bei uns in der Stadt ankommen, macht mir den Ernst der Situation noch klarer. Heute war ich nicht nur dankbar für alle Helfer, die es gibt, sondern selbst eine Helferin, dankbar für jedes Lächeln, welches ich durch meine Hilfe auslösen konnte. Das Lächeln der Menschen, war es definitiv wert zu helfen.

Von Anissa Ayoub
Veröffentlicht am 18.11.2015