Grossstadtpapier
Nachrichtenportal für Hamburg
Hamburg

Du hast das Recht, 70 Jahre Grundgesetz zu feiern

Quelle: Laura Czypull

Am 23.05.2019 wurde die „Lange Nacht des Grundgesetzes“ gefeiert. An 13 Orten in ganz Hamburg entstand ein vielfältiges Programm rund um das Grundgesetz und dessen aktuelle Bedeutung in der Gesellschaft. Zu besuchen waren Lesungen, Führungen, Performances, Konzerte, Vorträge und ein riesiger Schwamm.

„Danke Merkel. Wie viel Geld hast du von den deutschen Steuerzahlern an dieses Dreckspack gegeben, damit er unsere Stadt verschandelt...“ Ein einfaches Kunstwerk an einem öffentlichen Platz, das eine gesellschaftliche Botschaft überbringen soll: Und doch wird es so missachtet. Liegt es daran, dass der Künstler Michel Abdollahi einen iranischen Migrationshintergrund hat und die Gesellschaft zunehmend ausländerfeindlich ist? Verstehen die Passanten die Kunst nicht oder ist ihnen die Botschaft schlicht und einfach egal?  

Zum 70. Jubiläum des Grundgesetzes wurde ein überdimensionaler Glitzi Schwamm ein drittes Mal aufgestellt, denn seine beiden Vorgänger wurden zerstört. Paradox, da der Schwamm den Hass doch eigentlich aufsaugen soll. Ist es dem mannshohen Koloss dieses Mal gelungen, den im Land vorhandenen Hass und die Fremdenfeindlichkeit aufzusaugen? Denn das war zumindest die ursprüngliche Intention.

„Du hast das Recht, dich über einen riesigen Schwamm zu wundern.“

„Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell geht“, so Abdollahi. Der Schwamm wurde nun bereits das dritte Mal fast vollständig zerstört. Der gebürtige Iraner musste schon einen Tag nach der Installation seines Kunstwerks den Abbau verkünden. „Dass ein Kunstobjekt im öffentlichen Raum nach einer gewissen Zeit Gebrauchsspuren aufweist und leicht lädiert ist, ist völlig normal. Aber dass Anzugträger in den Schwamm boxen und treten, Stücke herausreißen und wegwerfen, ist falsch“, erklärte er in einem Interview mit der WELT.

„Du hast das Recht, nicht wegen deiner Herkunft diskriminiert zu werden.“ 

„Seit wann darf sich ein Terrorist Künstler nennen?“ Solche Aussagen lassen schon Unbeteiligte nach Luft schnappen. Wie muss sich erst Abdollahi gefühlt haben, als er diese Reaktionen auf seine zerstörten Installationen erhalten hat? Eine der Grundideen des Schwamms ist, den zunehmenden Rassismus in der Gesellschaft aufzusaugen. 

Hört man Rechtsextremismus, denkt man häufig an Rassismus, Ungleichbehandlung der Gesellschaft, Intoleranz und extremen Hass. Schon Hamburgs erster Bürgermeister Peter Tschentscher betonte in der Begrüßung: „Wir müssen unseren Stolz auf das Grundgesetz hochhalten gegen die rechten und radikalen Tendenzen."

Dieses umfangreiche Thema kam auch bei der langen Nacht des Grundgesetzes nicht zu kurz: Andrea Röpke, mehrfach ausgezeichnet für ihre investigativ-journalistische Arbeit mit dem Schwerpunkt Rechtsextremismus, wurde im Rahmen der Veranstaltung für einen Vortrag zu diesem Thema eingeladen.  "Grundsätzlich werden die Medien als "Lügenpresse" diffamiert, das Recht auf freie Meinungsäußerung scheint nur noch für Rechte gelten zu sollen."

„Du hast das Recht, deine Meinung frei zu äußern.“

Für Journalisten, wie Andrea Röpke, ist die Pressefreiheit eine unverzichtbare Grundlage ihrer Arbeit. Das Grundrecht der Presse- und Meinungsfreiheit wurde unter anderem in einer offenen Veranstaltung der Anti-Korruptions-Organisation „Transparency International“ thematisiert. Sie zählt die Pressefreiheit zu den Grundfesten der Demokratie. Das Sparprogramm der Medien und die demzufolge sinkenden Auflagezahlen, sowie die mangelnde Pressenutzung der jüngeren Generation beschäftigten die Teilnehmer der Diskussionsrunde.

Der Justizsenator und Bündnis 90/Die Grünen Politiker Dr. Till Steffen stimmt dem zweiten Aspekt jedoch nicht vollständig zu. Im Gespräch mit Grossstadtpapier erklärt er, dass die politische Diskussion unter Jugendlichen zwar stattfindet, nur eben auf andere Weise. Hierbei spricht Steffen Social-Media-Kanäle wie Youtube und WhatsApp an.

Einen weiteren Wandel im Journalismus sieht er in der aufkommenden Feindseligkeit gegenüber Journalisten. „Mir bekannte Journalisten lesen sich die Online-Kommentare ihrer Artikel nicht einmal mehr durch, da sie nicht auszuhalten sind.

"Du hast das Recht, dir deine Meinung zum Grundgesetz selbst zu bilden."

Nicht nur an der Zerstörung des Schwamms und der damit zusammenhängenden Missachtung der Botschaft, ein Zeichen gegen Hass und Gewalt zu setzen, sondern auch an den ausbleibenden Besuchern bei einigen Veranstaltungen des Jubiläums, gewinnt man den Eindruck, dass eine gewisse Gleichgültigkeit vorliegt. 

Der Schwamm hat zu Ehren des Grundgesetzes zwei Aspekte vereint: Zum einen Art. 5 I GG: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern[...].“ 

Zum anderen, auch wenn die Meinungen über den Schwamm und ihn als Kunstwerk auseinandergehen, sollte man nicht aus den Augen verlieren, dass „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre [frei sind].“ (Art. 5 III GG). Abdollahi legt Wert auf die Übermittlung seiner Botschaft: Er erinnert uns daran, „dass leere Parolen, Korruption und Hetze das Fundament unserer Demokratie gefährden.“

Von Laura Czypull und Shiva
 Oskui
Veröffentlicht am 26.05.2019