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Flüchtlinge

Eine Niere gegen die Freiheit

Flüchtlinge werden ausgebeutet mit der Hoffnung auf ein neues Leben. In Anzeigen in den sozialen Medien werben Organhändlerringe für ihre Zwecke. Doch viele der Flüchtlinge finden sich danach in den Tiefen des Meeres wieder.

Eiskalter Wind weht an der nördlichen Küste der Türkei. Er schaut mit leerem Blick in die unendlichen Weiten des Meeres. Hinter dem Horizont wartet Freiheit, Sicherheit und Europa. 

Die Klamotten sind zerrissen, dreckig und alt. Er spricht weder Türkisch, noch hat er Geld, um sich und seine Familie zu ernähren. Ein wenig hinter ihm befindet sich ein altes, beinahe baufälliges Haus. Er sieht das Flackern der Glühbirnen. Dort befindet sich seine Familie: frierend, verängstigt, hungernd. Wie er sie in die Sicherheit Europas retten kann? Er wird seine eigene Niere verkaufen. 

 

Den Flüchtling, der hier beschrieben wird, gibt es nicht nur in der Türkei, auch in Kairo und überall auf der Welt. Die Welt sprach mit einem Flüchtling namens Ibrahim, der in Kairo auf der Straße angesprochen wurde. Hoffnung auf ein neues Leben wurde ihm gemacht, jetzt hat er jeden tag Schmerzen. Immer mehr Flüchtlinge fallen in die Hände von Organhändlern und nicht selten endet es mit dem Tod.

Das ARD-Magazin Fakt hat sich auf den Weg in die Türkei gemacht, um mit einem Vermittler einer der Organhändlerringe, wie sie auch in Kairo agieren, zu sprechen. Durch eine Anzeige in den Sozialen Medien eines jungen Syrers, der seine Niere verkaufen will, ist das Team mit einem potenziellen Spender in Kontakt getreten. Die Anzeige an sich war ein Zufallsfund, berichtet uns Arndt Ginzel, Redakteur beim ARD-Magazin Fakt. Nach einiger Recherche ergaben sich die Erkenntnisse, dass Schlepperorganisationen ganz offensichtlich über Facebook und die Sozialen Netzwerke werben. Der erste Gedanke das Ganze würde nur im Dark Net stattfinden, wurde damit vehement dementiert. Für die Blutgruppe und das Organ werden bestimmte Codes verwendet. 

Nach einiger Zeit bekamen sie den Kontakt zu dem Vermittler des Organhändlerrings.  

Reportern wurde vor Ort eine Niere für 30 000 Euro angeboten. Die Transplantation solle in einer Universitätsklinik in der Stadt Malatya in Ostanatolien durchgeführt werden. Viele würden aber nach dem Eingriff in Parks oder an der Straße aufwachen, sagt ein Kontaktmann zu den FAKT-Reportern. 

Diese Erkenntnisse lassen tief blicken. Wenn die Transplantationen in einem Universitätsklinikum stattfinden, wurden mächtige Einflussnehmer bestochen und sind wissend über das, was dort vor sich geht 

 

Nachforschungen zeigen zusätzlich, wie das Ganze wirklich abläuft. Viele der Patienten wachen mit Schmerzen auf der Straße auf und viele von ihnen erblicken nie wieder das Tageslicht. Das versprochene Geld sehen sie niemals und von den Kontaktmännern bleibt keine Spur. 

Der Organraub hat sich zu einer organisierten Kriminalität in der Türkei, gerade während der Flüchtlingskrise ab 2015entwickelt.  

 

Die Empfänger sind meist schwer zu fassen und aus den westlichen Ländern. Die Transplantation findet abseits der offiziellen Richtlinien und oft auch außerhalb der westlichen Länder statt. 

 

Auch Griechenland ist von dem Problem betroffen. Ein griechischer Arzt äußerte sich in den russischen Medien dazu: 

"Der illegale Handel mit Organen ist ein Teufelskreis, alle sind am Schweigen interessiert. Der verstorbene Spender kann schon nichts mehr erzählen. Schweigen werden auch die Ärzte-Schlächter, die Vermittler und die Empfänger, die überhaupt nichts wissen wollen. 

Früher war der Handel mit Organen nur in Ländern der Dritten Welt möglich. Z. B. hatte sich Indien schon seit langem zu einem Land verwandelt, wo der "Organ-Tourismus" boomt. Das Schlimmste ist, dass dieses Geschäft nicht ohne Protektion von hohen "Eliten" möglich ist. Ich spreche hier nicht über die lokalen Regierungen. Die herausgeschnittene Niere überlebt nur ganze 48 Stunden, die Leber und die Bauchspeicheldrüse noch weniger. Das heißt, nach der Abnahme bis hin zur Transplantation geht es um Stundenfrist. Wer ist in der Lage, Organe mit dem Flugzeug zu schmuggeln, zum Beispiel aus Somalia oder Kenia? Ohne Zollkontrolle zu einem beliebigen Punkt der Erdkugel?" 

 

Die Ärzte, die die Transplantationen am Ende durchführen werden als sogenannte “Flying Doctors bezeichnet. Sie ändern ständig ihren Standort und sind schwer zu fassen. Interpol fahndet weltweit nach den Verdächtigen. 

 

Die russische Journalistin Darja Aslamowa hat mit einem griechischen Hafenarbeiter gesprochen: "Du hast keine Ahnung, was hier vorging. Mit dem Ende des Sommers sind an der Küste täglich Tausende von Menschen angelandet. Ein Teil von ihnen waren Kranke und Verletzte. Bei uns auf der Insel gibt es nicht einmal genug Ärzte für uns selbst und dann so eine Invasion! Keiner war darauf vorbereitet. Die Behörden mussten über die Lebenden nachdenken und nicht über Wasserleichen oder über jene, die erst auf der Insel starben. Es herrschte eine höllische Hitze, die die Leichen zersetzte. Keine Untersuchungen. Schnell in die Erde und vergessen. Aber ich kann einfach nicht vergessen. Bei einem Jungen waren die Augen herausgeschnitten. Ausgeschnitten. Man sagte mir: Fische hätten sie gefressen. Ha! Ich gehe an jedem Wochenende seit dreißig Jahren zum Angeln. Ein Fisch ist doch kein Chirurg. Was glaubst du, wofür braucht man Augen? Für Hornhaut-Transplantationen. Ich wusste es vorher nicht. Das Kind steht mir immer noch vor Augen. 

 

Verzweiflung auf beiden Seiten des Problems. Auf der einen Seite die Flüchtlinge, die mit allen Mitteln versuchen an das nötige Geld zu kommen, um sich und ihre Familie in ein besseres Leben zu führen.  

In den westlichen Ländern herrscht auf der Gegenseite Organknappheit im hohen Maße 

 

Willi Germund, deutscher Journalist hat diese Situation für sich ausgenutzt. In seinem Buch “Niere gegen Geld erzählt er von seinem Entschluss sich eine Niere in Afrika zu kaufen.  

Durch seine Krankheit und der Angst vor dem langen Warten auf der Transplantationsliste fasst er den Entschluss. Durch seine jahrelange Tätigkeit als Journalist hat er viele Kontakte überall auf der Welt, die es ihm relativ einfach machen an die richtigen Adressen zu kommen. Er arbeitete lange als Auslands- und Kriegsjournalist und war in Nicaragua, Südafrika und Indien tätig und gilt als ausgewiesener Afghanistan- und Pakistan-Experte. 

Seine Recherche macht sich bezahlt und er kommt an eine Niere für 33000 Dollar.  

 

Seine Entscheidung wird heiß diskutiert und er geriet dadurch in moralischen Verruf, doch er steht dafür gerade.  

Er kommunizierte mit uns jedoch nur über eine verschlüsselte E-Mail. Das Thema scheint dann doch noch zu heikel.  

 

Aber ist dieses Szenario in Deutschland vorstellbar? 

Zumindest scheinen das die Produzenten der Amazon Serie „Beat“ zu denken. Die im Jahr 2018 erschienene Serie befasst sich nämlich ausschließlich mit dieser Idee. Dabei geht es um den jungen Clubpromoter mit dem Namen Beat (von Jannis Niewöhner gespielt) der in der Berliner Szene unterwegs ist. Der Geheimdienst setzt ihn als Spion ein, um an die Hintermänner einer kriminellen Organisation zu kommen. Dabei handelt es sich um den Organraub bei Flüchtlingen. Die Transplantation spielt sich im Keller eines Hotels in Deutschland ab. 

Aber ist das Portrait, das die Serie zeichnet, wirklich realistisch? 

 

Grundsätzlich ist die Vorstellung nicht abwegig, da in Deutschland Organknappheit herrscht. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung werden jährlich circa 9500 Organe benötigt. Im Jahr 2018 gab es jedoch nur 955 Spender in DeutschlandDas heißt, wer in Deutschland auf eine Organspende angewiesen ist, muss warten, oder sterben. Denn wer nicht ein 1A Kandidat ist, hat schlechte Chancen auf ein Organ. Die offiziellen Wege sind dafür, anders als in der Türkei: deutlich seriöser und schwer zu umgehen. 

 

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung macht deutlich, dass es sehr strenge Richtlinien gibt um auf die Transplantationsliste gesetzt zu werden. Hierbei sei ausschlaggebend, wie hoch die Erfolgschancen der Transplantation sei, aber auch wie dringlich das neue Organ benötigt wäre. Für jedes Organ gibt es zudem eine separate Liste, die auch aufführt wie gut die Gewebemerkmale des Spenders mit den potenziellen Empfängern übereinstimmt. 

 

Die Spenderorgane zu entnehmen gestaltet sich ebenfalls nicht ohne Bürokratie: Ohne schriftliche Einverständnis oder einen Organspendeausweis des Betroffenen sind den Deutschen die Hände gebunden. Zunächst muss bei einem Menschen der medizinische Hirntod vorliegen. Wenn dies der Fall ist wird die Spende Bereitschaft geprüft. Wenn der Betroffene ein Spender ist, kontaktieren die Krankenhäuser die Deutsche Stiftung Organtransplantation. In Deutschland gibt es circa 50 Krankenhäuser die Transplantieren dürfen. Das sorgt insgesamt dafür, dass der Weg über die Wartelisten unumgänglich bleibt. 

 

Auch wenn die Transplantation von Flüchtlingsorganen in Krankenhäusern undenkbar ist, kann das Beat Szenario nicht einfach ausgeschlossen werden. Eine Nachfrage bei der Polizei und dem Landeskriminalamt lässt leider auch nicht gegen das Szenario schließen, denn sie geben an von keinen bisherigen Fällen Kenntnis zu haben. Auch bei mehrfachen Anfragen an Christian KrökelFranktionsreferent für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres, mit Sitz im Europäischen Parlament blieb die Politik uns gegenüber still. 

 

Heißt das, die Problematik des Organraubs ist der europäischen Politik bekannt und sie weigern sich der Konfrontation? Ist das Szenario in Deutschland nur ein fantasievolles Gespinst eines Regisseurs oder sind die Fälle der Justiz einfach nicht bekannt? 

Ob Politik und Rechtstaat ignorant sind oder ob Deutschland und Europa unbefleckt in den Fällen von Organraub sind bleibt ungeklärt. Sicher ist nur eins, das Problem von fehlenden Organen ist ein stetig wachsendes. Und Ohne politisches Handeln wird auch Europa nicht unberührt bleiben. 

Von Lea Pölkow und Jennifer Fiene
Veröffentlicht am 20.04.2020