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Wirtschaft

Exportweltmeister! Und jetzt?!

Das deutsche Zugpferd sägt am Ast, auf dem es sitzt. Die deutsche Bundesrepublik bleibt amtierender Exportweltmeister. Doch was bedeutet es eigentlich, Exportweltmeister zu sein? Welchen Nutzen haben die Bürger und der Staat von den so genannten Leistungsbilanzüberschüssen? Und wie lange bleibt es so? Stellt Deutschlands wirtschaftliche Stärke die EU möglicherweise auf eine Zerreißprobe?

Zu viel Wettbewerbsfähigkeit? Die deutsche Volkswirtschaft wird für ihre Überschüsse kritisiert. Sie seien  „im Wesentlichen mit günstigen Wechselkursen zu erklären". Doch es gibt auch andere Stimmen, wie die des Vize-Fraktionsvorsitzenden der Union im Bundestag, Ralph Brinkhaus von der CDU. Er bemerkte, es habe ,,viel mehr mit guten Produkten und wettbewerbsfähigen Unternehmen zu tun..''.

Nun erzielte die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2017 zum zweiten Mal in Folge den weltweit größten Überschuss ihrer Leistungsbilanz. Doch die durchgeführten Daten-Berechnungen des Münchner Ifo-Instituts sorgen für politische Debatten: Länder mit Defiziten stehen einem Überschuss anderer Länder von dauerhaft über sechs Prozent des BIP’s gegenüber. Diese Situation hält die EU-Kommission für „stabilitätsgefährdend''. Im vergangenen Jahr lag der deutsche Überschuss laut den Ifo-Institut bei 7,8%, also deutlich über der Sechs-Prozent-Marke.

Der Ifo-Experte Christian Grimme führte den Überschuss vor allem auf den Warenhandel zurück. Demnach ist die Nachfrage nach deutschen Gütern in der EU und den USA der Haupttreiber dieser Entwicklung. Allerdings dürfe man nicht die Erträge aus dem im Ausland angelegten Vermögen vergessen, die ebenfalls zu diesem Überschuss beitrugen.

Obwohl sich alle Experten einig sind, dass die Exportwirtschaft das feste Standbein Deutschlands bleibt, fehle es dennoch an einem weiteren.  Der Bremer Ökonom Rudolf Hickel fordert deshalb eine Steigerung der Binnennachfrage: ,,Es war und ist richtig, dass wir unsere Exportwirtschaft gestärkt haben, allerdings sind wir dabei viel zu aggressiv vorgegangen und haben die Binnennachfrage völlig außer Acht gelassen."  Mit äußerster Dringlichkeit weist er darauf hin, dass inzwischen jeder vierte heimische Arbeitsplatz am Export hänge. Dies mache die deutsche Wirtschaft anfällig.

So entbrannte in den letzten Jahren ein regelrechter Streit um die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse. Deutschland sei derart wettbewerbsführend, dass andere EU-Staaten kaum mehr eine Chance hätten. Doch was viele vergessen ist, dass ein solcher Bilanzüberschuss nicht immer für ökonomische Stärke steht. Dieser entsteht nicht nur aus der Anzahl der Exporte allein, sondern ebenfalls aus der Kapitalbilanz. Weniger Investitionen im Inland, dafür mehr im Ausland, fördern einen solchen Überschuss automatisch. Für Deutschland bedeutet es, dass es im Inland scheinbar an sinnvollen Investitionsideen mangelt. Dabei ist die Modernisierung in vielen Bereichen des Landes wirklich nötig. Es fehlen bundesweit Betreuungsplätzen für Kleinkinder, die Grundschulen sind überfüllt und es gibt kaum Personal. Ebenso klagen die öffentlichen Verwaltungen über die längst veraltete IT-Ausstattung und und und …

Es beweist, dass trotz des Überschusses, das momentane Geschäftsmodell, welches auf Export setzt, nicht nachhaltig ist. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt muss bei einer schwächer wachsenden Weltwirtschaft ihre Binnennachfrage stärken, sonst läuft die Bundesrepublik in Gefahr, eine vitale und stabile Infrastruktur zu verlieren.

Von Max-Friedrich Reschke
Veröffentlicht am 10.04.2018

Max-Friedrich Reschke

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