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Jugendkultur

Faszination Streamer – Broadcast yourself

In Zeiten von geplanten und perfekten Social Media Präsenzen, sehnen sich Digital Natives nach mehr als nur dem Posten und Promoten von zurecht gemachten Selfies.

Twitter, Instagram, YouTube & co – kaum ein Jugendlicher kennt diese Plattformen nicht. Womit sich ältere Generationen erst mühsam zurecht finden müssen, ist Social Media in all seinen Facetten für die „Digital Natives“ kein großes Thema. So ist auch das Live-Streaming-Portal „Twitch“, auf welchem vorrangig Videospiele „live“ also in Echtzeit übertragen werden, nichts Neues für die Jugend von heute. Das Portal Twitch.tv ist allerdings keine Social Media Plattform im klassischen Sinne, denn Influencer nach dem Vorbild von Instagram oder etwa YouTube, sucht man hier vergebens.  

 

Die Faszination des Live Streamens ist eine gänzlich andere als bei anderen „herkömmlichen“ Social Media Kanälen. Getreu dem Plattform-eigenen Motto „Broadcast yourself“ finden sich hier Amateur- Hobby- und Profigamer wieder, die sich mehr oder weniger regelmäßig der Öffentlichkeit mehrere Stunden am Tag zur Schau stellen. Allerdings bietet Twitch mehr als nur das Übertragen von Videospielen, Livestreams der unterschiedlichsten Arten werden hier tagtäglich rund um die Uhr ausgestrahlt und ziehen dabei ihr ganz eigenes Publikum an.  

 

Aber wer sind diese Streamer eigentlich? Und weshalb ist eine ganze Generation so fasziniert von ihnen? 

 

Sie sind authentisch. Da es sich bei Twitch um eine Echtzeit Übertragung handelt und nicht etwa um einen sorgfältig geplanten Instagram Post oder ein geschnittenes Video, ist die Atmosphäre dieses Portals von Grund auf eine völlig andere. Die Menschen, welche sich hier beobachten lassen, interagieren mit ihren Zuschauern und zeigen völlig frei von Hemmungen ihre Persönlichkeit der breiten Öffentlichkeit. Hier gibt es kein späteres Bearbeiten nur die Momentaufnahme der Person, die sich gerade so bereitwillig präsentiert. Der Reiz des Genres Let`s Play YouTuber oder auch Streamer besteht darin wie bei einem großen Bruder über die Schulter zu schauen“ erklärte Erik Range im Interview mit dem Spiegel, welcher selbst unter dem Namen „Gronkh“ populär wurde durch sogenannte „Let`s play“ Videos auf der Internetplattformen YouTube. 

 

In Zeiten von Social Media mit Fokus auf die perfekte online Präsenz, zeigt sich Twitch unberührt und überraschend ehrlich was seine Nutzer betrifft. Jeder hat die Möglichkeit das Portal für sich zu nutzen. So auch der Streamer und YouTuber „Montana Black“, mit richtigem Namen Marcel Eris aus Buxtehude, Hamburg.  

 

Eine Jugend geprägt von Drogenkonsum, Alkoholmissbrauch sowie Diebstahl und Einbruch ließen den heute 31 Jährigen ohne Zukunftsaussichten aufwachsen. Nach einem Aufenthalt in einer Entzugsklinik, entdeckte dieser das damals noch relativ unbekannte Live-Streaming Portal für sich und begann sich regelmäßig beim spielen einiger Videospiele zu streamen. Heutzutage besitzt Montana Black allein auf seinem YouTube Kanal rund 1,9 Millionen Abonnenten während auf Twitch fast 17,500 Zuschauer täglich dem gebürtigen Hamburger beim spielen zusehen.  

 

Trotz „Bad Boy“ Image lassen sich seine Fans nicht abschrecken, denn gerade wegen seines derben Humors und seiner Ausstrahlung erreicht er Millionen von Jugendlichen. Grenzüberschreitende oder beleidigende Kommentare gehören zum Erfolgskonzept des umstrittenen StreamersSo wurde Montana Black wegen rassischer Äußerungen wochenlang von der Plattform Twitter gesperrt, doch seine breite Fangemeinde wie auch er selbst wehren diese Vorwürfe ab, für Kommentare wie „Schlitzauge“ oder „scheiß Zigeuner“ müsse man sich nicht rechtfertigen da es „nichts Verwerfliches ist in der heutigen Zeit“ so Eris im Interview mit dem Spiegel. 

 

Anders als etwa Instagram gibt es in der Gamingszene keine Tabus, die Jugend von heute wird groß mit einem ganz anderen Verständnis von Werten, Normen und politischer Korrektheit- Vorfällen geprägt durch die sozialen Netzwerke, zu welchen auch Twitch mittlerweile gehört.  

 

Als Vorbild sehen sich manche wie Marcel Eris jedoch nicht, in seinem Buch „MontanaBlack – vom Junkie zum YouTuber“ berichtet der Hamburger davon, dass es ihn „wahnsinnig viel Kraft gekostet habe“ für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Daher weist er jede Vorbildfunktion von sich „jetzt soll ich auch noch die Verantwortung für alle meine Zuschauer auf mich nehmen?“ 

Veröffentlicht am 26.05.2019