Grossstadtpapier
Nachrichtenportal für Hamburg
Filmklischees

Hans, Heidi und der Dönerbudenbesitzer

Quelle: Pixabay.com

Orientalisch-stammige Schauspieler werden noch viel zu oft in klischeebesetzten Rollen eingesetzt. Die Multikultur unserer Gesellschaft ist in Film und Fernsehen noch nicht angekommen.

„Ich habe nichts dagegen, wenn deutsche Schauspielerinnen Frau Öztürk spielen. Aber dann möchte ich auch Frau Meier spielen dürfen.“ Siir Eloglu ist seit 30 Jahren als Schauspielerin für Film und Fernsehen tätig. Sie hat viel Erfahrung und Talent vorzuweisen. Trotzdem wird sie meistens nicht nach ihrem Können, sondern nach ihrer Herkunft besetzt. „Beim Betrachten meiner Vita fällt auf, dass 95% der Figuren einen türkischen Namen haben. Gerne Ayse, da ist die Fantasie der Namensgebung für türkische Rollen etwas begrenzt“, beschwert sie sich.

So geht es fast allen Schauspielern, die ein „orientalisches Aussehen“, oder das, was hierzulande als „Migrant sein“ bezeichnet wird, verkörpern. Denn in England geboren zu sein, macht einen nicht zum Migranten, in der Türkei geboren zu sein, wie Eloglu, allerdings schon. Auch wenn sie schon als Kind nach Deutschland kam und die Sprache akzentfrei beherrscht, wird sie meistens dennoch in eine Schublade gesteckt. Die Filmbranche vermittelt ein bestimmtes Bild von Migranten, dem man als Schauspieler schwer entkommen kann. Die Assoziation von orientalischem Aussehen zum Islam ist fast nicht mehr wegzudenken.

Eine Analyse von Jack Shaheen, einem US-amerikanischen Dozent, hat 1000 Filme, die zwischen 1896 und 2000 erschienen sind, untersucht, in denen muslimische oder arabische Charaktere mitspielen. Das Ergebnis war erschreckend. Nur zwölf von den tausend Filmen haben den Charakter positiv dargestellt, 50 waren normale Durchschnittscharaktere. Der Rest war negativ.

Das Problem begänne, so Eloglu, schon in der Trennung zwischen „türkischem Leben“ und „deutschem Leben“. „Man muss einfach mal unser Leben zeigen. Nicht 15 Millionen Hans und Heidis und ab und zu mal einen lustigen Dönerbudenbesitzer.“ Optimistisch kann sie nach ihren dreißig Jahren Erfahrung in der Filmbranche eher nicht auf die Situation blicken. „Ich sehe zwar eine minimal positive Entwicklung, aber grob finde ich, dass immer noch eine ganz enge Sicht erzählt wird“, sagt sie über die Darstellung von Muslimen, die sie im echten Leben als „komplett tiefenentspannt“ im Umgang mit der Religion auffasst und im Fernsehen als „ein bisschen old-school-mäßig“ dargestellt sieht.

Zejhun Demirov sieht deshalb eine „perfekte Repräsentation“ noch als Illusion. Er ist noch am Anfang seiner Karriere und ist ein muslimischer Roma, weshalb auch er in der Schublade der Klischeerollen steckt. Die Verallgemeinerung der Muslime, dass in den Medien nur negative Schlagzeilen über den Islam zu finden sind und dass die alltäglichen, durchschnittlichen Muslime von der Straße nicht gezeigt werden, ärgert ihn am Meisten. Deshalb sieht er es auch nicht als erreichbares Ziel, weil man nicht für die vier Millionen Muslime in Deutschland, ganz zu schweigen von 1,6 Milliarden Muslime der Weltbevölkerung einstehen kann. In Deutschland werde immer noch nicht eingesehen, dass der Islam ein Teil Deutschlands ist, sondern die Religion wird eher abgestoßen. Sich in der Öffentlichkeit als gläubigen Moslem zu zeigen und sich für Neutralität im Fernsehen auszusprechen, macht ihm Angst. Er fürchtet, dass seine Integrität in Frage gestellt wird. „Ich habe Angst, meinen Job dadurch zu verlieren."

Eloglus Durchbruch erlangte sie mit ihrer Rolle in der Culture-Clash-Komödie „Einmal Hans mit scharfer Soße“. Mal wieder in der Rolle einer türkischen Mutter mit Kopftuch und starkem Akzent, die an anatolischen Traditionen festhält. In dem Film wird ihre Tochter, Hauptfigur Hatice, dazu gedrängt, sich einen Mann zu suchen, am liebsten natürlich einen Türken.

Mit dem „Riz-Test“, basierend auf dem Bechdel-Test zur Prüfung der Repräsentation von Frauen und einer Rede von muslimischen Schauspieler Riz Ahmed vor dem House of Commons, werden muslimische Rollen mit fünf Fragen auf Klischeehaftigkeit überprüft. Der Test ist vor allem auf Hollywood-Produktionen ausgerichtet, die den Islam oft mit Terrorismus in Verbindung setzen. Dieses Problem gibt es in deutschen Produktionen eher weniger. Was hier aber deutlich präsenter ist und vor allem in Culture-Clash Komödien ein Problem darstellt, ist Antimodernität. „Wird der Charakter als abergläubisch, kulturell rückständig oder antimodern dargestellt?“ lautet die dritte Frage des Tests.

Eloglus Rolle der Mutter Emine aus „Einmal Hans mit scharfer Soße“ bekommt von ihr auf diese Frage ein „schwaches ja“. Denn die Frau sei „sehr patent, findet aber trotzdem, dass ihre Tochter kochen können muss, um den Schwiegersohn zu beeindrucken.“

Die Rolle ihrer Tochter, Hauptfigur Hatice, die von Schauspielerin Idil Üner gespielt wird, würde den Test bestehen. Als High-Heels-tragende, türkische Journalistin zeigt sie, dass es neben den konservativen Elternrollen auch moderne Rollen für die jüngere Generation gibt. Eloglu freut das, sie fragt sich aber auch, wie die Situation für Üner aussehen wird, wenn sie das Alter von Eloglu erreicht.

Doch momentan stört sich Üner an keinen Klischees. Ihr Rollenangebot ist vielseitiger. Neben Rollen von deutschen Ärztinnen namens Sophie, sind auch Rollen von modernen Türkinnen wie Hatice dazwischen. Immer Muslime darstellen zu müssen oder gar Akzent und Kopftuch vor jeder Rolle diskutieren zu müssen wie Eloglu, passiert ihr nicht. Durch die Filme und Serien, in denen sie im Laufe der Zeit mitgewirkt hat, lässt sich die Entwicklung erkennen: Nicht jede Schauspielerin mit türkischen Wurzeln muss heute ausschließlich Klischeerollen spielen.

Am Anfang ihrer Karriere hatte allerdings auch Üner Schwierigkeiten, der Schublade, in die sie gesteckt wurde, zu entkommen. „Als es noch weniger türkischstämmige Schauspielerinnen gab, wurden wir drei oder vier abgeklappert, wenn eine türkische Rolle anstand.“

Zejhun Demirov ist noch neuer in der Branche. Mit dem Einstieg in die Schauspielerei im Fernsehen steckte auch er, als muslimischer Roma, in den Schubladen und Klischees fest. Er dachte ans Aufgeben, weil ihn die Hoffnungslosigkeit der Situation so frustrierte. Doch durch die Hauptrolle in „Oray“, für die er den Nachwuchsschauspielerpreis bei den First Steps Awards gewann, hat er die Hoffnung zurückgewonnen, dass er auch als Moslem eine Chance hat, nicht nur Klischees und immer wieder die gleichen Geschichten erzählen zu müssen.

In „Oray“ geht die muslimische Hauptrolle weder radikalisiert zum IS, noch trifft ein traditioneller Moslem auf das deutsche Leben und die Kulturen prallen aufeinander. „Ich glaube Oray ist der einzige Film aus Deutschland, den ich bis dato gesehen habe, wo das periphere Thema Islam ist und einfach von einem stinknormalen Moslem erzählt wird, der in Deutschland lebt. Wir erzählen doch auch stinknormale Deutsche im Fernsehen. Man muss einfach mal irgendwie die Augen aufmachen und sich bewusst machen, dass der Islam, ob man will oder nicht, ein Teil deutscher Identität ist“, erzählt der Schauspieler. Der Film handelt von der Hauptfigur Oray, der in einem Streit mit seiner Frau die muslimische Scheidungsformel ausspricht und sich daraufhin von seiner Frau trennen muss. Zum Riz-Test meint auch Demirov, dass seine Rolle wohl durch diese Scheidungsformel - „aus den Augen eines deutschen Zuschauers, nicht als Oray selbst“ – als antimodern und abergläubisch gilt.

Die Rolle und die Geschichte von Oray ist bis jetzt aber noch einer von Demirovs Glückstreffern und lange nicht Normalität bei seinen Rollenangeboten. Wie Eloglu wurde auch er noch nie zu einem Casting für eine deutsche Rolle eingeladen. Wenn, dann wurden sie direkt besetzt, von Menschen aus der Filmbranche, „die aus dem Rahmen denken“, so Demirov. So durfte er auch mal den deutschen Tankwart in „Hubert und Staller“ oder Eloglu eine Marie in „Die Familie“ darstellen.

Zejhun Demirov hat zwar Angst vor den Reaktionen auf seine Offenheit mit der Religion und den mit sich tragenden Problemen im Schauspielerberuf, aber möchte sich jetzt endlich für Neutralität einsetzen. "Man kann sich schließlich nicht immer verstecken."

Von Shiva
 Oskui
Veröffentlicht am 08.05.2020