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Fußball

In Hamburg sagt man "Tschüss"

Foto by Natalie-Margaux Scholtz

Der HSV steigt zum ersten Mal aus der ersten Bundesliga ab und rückt trotzdem näher zusammen als je zuvor.

Hamburg - 12.Mai 2018, 17:12 Uhr. Es läuft die 80. Spielminute. Nun steht fest, dass der HSV erstmalig in seiner Geschichte in die 2. Bundesliga absteigen wird. Plötzlich erhebt sich das Stadion. 55.000 Hamburger stimmen gemeinsam „Mein Hamburg lieb ich sehr“ an. Es ist ein Moment der für Gänsehaut sorgt. Selbst die hämischen Gesänge der Gladbacher verstummen in diesem Moment. Es ist ein magischer Moment. „Der emotionalste Moment meines Fußballlebens“, erzählt Michael B, HSVer seit Kindertagen.

Nun ist es traurige Gewissheit. Der Hamburger Sportverein muss erstmals den Weg in die 2. Bundesliga antreten. Eine Ära geht zu Ende. 54 Jahre und 261 Tage spielte der HSV ununterbrochen in der obersten Spielklasse. War damit das letzte verbliebene Gründungsmitglied der Bundesliga. Nun beginnt eine neue Zeitrechnung für den HSV. Es ist die wohl bitterste Stunde im Leben eines jeden HSV-Fans und doch rückt man in Hamburg noch näher zusammen. Steht als Einheit geschlossen hinter der „Mission Wiederaufstieg“.

Am Ende hat es diesmal einfach nicht gereicht. Zwar schaffte es der HSV gegen die Borussia aus Mönchengladbach mit einem guten Spiel einen 2:1 Sieg herauszuspielen, doch konnte Absteiger Köln in Wolfsburg nicht gewinnen (4:1) und begrub damit alle Hamburger Hoffnungen.

Schon vor Spielbeginn spürt man eine einzigartige Energie im Volksparkstadion, als 55.000 Rauten in die Luft gehalten werden, währen die Mannschaft in den Volkspark einläuft. Es war nicht unbedingt der Glaube daran, dass es auch dieses Mal klappen würde, sondern vielmehr der Stolz Teil der „Raute“ zu sein.

Das ganze Spiel wird geprägt von Hamburger Jubelgesängen. Ob „Wir sind alle Hamburger Jungs“, „Immer wieder HSV“ oder „Mein Hamburg lieb ich sehr“. Hamburg liebt seinen HSV und das selbst in der dunkelsten Stunde seiner Vereinsgeschichte.  

 „Der Verein ist nicht heute abgestiegen, nicht in diesem Spiel. Sondern durch viele falsche Entscheidungen vor etlichen Jahren“, sagt Michael B. Die letzten Wochen habe man jedoch einen anderen HSV gesehen. Keinen Absteiger, sondern eine Mannschaft die wieder gewinnen konnte, die wieder Fußball spielen konnte. „88% Passgenauigkeit können für sich sprechen“, findet er.  

„Heute war unser Zahltag“, sagt auch Vereinsikone und Stadionsprecher Lotto King Karl in einem emotionalen Facebook Post, „Die Quittung für viele Situationen der letzten Jahre.“ Und doch hat auch er in den letzten Wochen eine Veränderung erlebt: „Ich habe einen Club erlebt, der angefangen hat sich zu bewegen, (…) eine Mannschaft die wieder Spiele gewinnen kann und einen Trainer der weiß warum“, schreibt er.

Für ihn ist der Abstieg die „Stunde null“. Es muss das Ende allen Übels sein und der Anfang für eine neue Ära.  „Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber wir können aus ihr lernen (…) jetzt ist die Zeit für Trauer (…) aber je eher wir uns aufraffen desto besser (…) nur darum kann es im Moment gehen“, findet er.

Neben all des Zuspruchs vom Großteil der Fans hatte der gestrige Tag auch seine Schattenseite. Wie schon in den vergangenen Auswärtspartien sorgte eine Gruppe von Chaoten für die Pyro-Schande des Jahres. Rauchbomben, Bengalos & Böller flogen aufs Spielfeld, sodass das Spiel für mehr als 17 Minuten unterbrochen werden musste.

Ein großes Polizeiaufgebot und zahlreiche Ordner konnten die Gruppe von Ultras allerdings schnell unter Kontrolle bringen und auch das gesamte Stadion stellte sich gegen die  Pyro-Chaoten. „Wir sind Hamburger und ihr nicht“, hallte es durch den Volkspark.

Nach Abpfiff kann die Mannschaft unter Tränen dann sogar eine Runde durchs Stadion drehen und bekommt Applaus. Applaus für den Überlebenskampf der letzten Wochen und Zuspruch für all das was jetzt kommen wird. Wieder schmettern tausende Kehlen „Wir sind alle Hamburger Jungs“ von den Rängen. Es zeigt, dass Hamburg eine Einheit ist, dass Liebe keine Liga kennt und das Sie zufrieden sind, mit dem was die letzten Wochen geleistet wurde.

Das machen auch die über 500 Mitgliedsanträge deutlich, die seit Abpfiff Samstagabend beim HSV eingingen.

Mit Trainer Titz' Verlängerung wurde der Grundstein für die „Mission Wiederaufstieg“ gelegt. Und die Hamburger haben Bock drauf. „Wenn wir einige Spieler halten können, dann haben wir gute Chancen direkt wieder aufzusteigen“, sagt Michael.

Kapitän Gotoku Sakai kündigte bereits wenige Minuten nach Abpfiff seinen Verbleib beim HSV an: „Ich persönlich würde gern in der 2. Liga für den HSV spielen“, sagt er. Und auch Kollege Kyriakos Papadopoulos schließt Nichts aus: „Ich spiele gern für diesen großen Verein und habe einen Vertrag für die zweite Liga“, erklärt er im Interview mit HSVtotal. Es bleibt also spannend wie der neue HSV letztendlich aussehen wird.

Die große Uhr in der Nordwest Ecke des Stadions hat bereits eine neue Zeitrechnung angenommen. „Tradition seit 130 Jahren und 226 Tagen“ zählt sie nun. Es ist der Anfang für einen neuen HSV, ohne die Bürde des „Unabsteigbar seins“. Für einen HSV der hoffentlich schnell zu alter Form findet und stärker denn je wieder in die Bundesliga zurückkehren wird.

Heute ist noch ein Tag der Trauer, doch in Hamburg sagt man „Tschüss“ und das heißt ja bekanntlich „Auf Wiedersehen!"

Von Natalie-Margaux Scholtz
Veröffentlicht am 13.05.2018