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Medien

Kampf mit ungleichen Waffen

Enissa Amani hetzt ihre 500.000 Instagram-Follower gegen die Journalistin Anja Rützel auf. Bei dem öffentlichen Streit um eine negative TV-Kritik stehen sich eine Influencerin mit großer Reichweite und eine Privatperson gegenüber - eine Ausgangssituation, die unfairer kaum sein könnte.

„Um das für die jüngeren zu erklären: Der Spiegel war mal ein Magazin mit einem anspruchsvollen Ruf und ist inzwischen, da sind sich alle Intellektuellen Deutschlands einig, quasi ein Schrott Klatschblatt mit ein paar politischen Alibi Themen.“ Diesen Satz hat die Influencerin Enissa Amani am Samstag, den 20.04.2019, in ihrer Instagramstory gepostet. Man findet ihn immer noch in ihren Story-Highlights. 

Amani, 32, macht Stand-Up-Comedy, ist also Person des öffentlichen Lebens und hat 500.000 Follower auf Instagram. Anja Rützel arbeitet als Journalistin, ist ansonsten Privatperson und ihr Account misst gerade einmal 1.000 Follower. Rützel hat für Spiegel Online eine TV-Kritik zu den „About You Awards“, bei denen Influencer mit Preisen ausgezeichnet werden, verfasst und darin Kritik an dem Jurymitglied Amani geübt. Seitdem wird zwischen den Frauen ein Kampf mit ungleichen Waffen geführt. 

Amani hetzt nun in Instagramstories sowohl gegen die Journalistin als auch gegen den Spiegel und mobilisiert ihre Followerschaft zu einem Shitstorm, der Rützel mit voller Breitseite trifft. Diese bekommt so viele Hassnachrichten, dass sie ihren Instagramaccount auf „privat“ gestellt und via Twitter eine Stellungnahme zu den Geschehnissen verfasst hat. Sie wird auf diversen Social-Media-Seiten mit Worten wie „AfD-Nutte“ beschimpft, ihr werden die Worte im Mund verdreht, sie muss Spott über sich ergehen lassen. 

In dem Streit geht es vor allem darum, dass Amani bei ihrem Auftritt im Rahmen der Preisverleihung erklärt hat, sie bestehe darauf, nicht „Komikerin“, sondern „Stand-Upperin“ genannt zu werden. Müsse sie noch einmal das Wort „Komikerin“ in Bezug auf ihre Person in der Presse lesen, wandere sie aus. 

Rützel war als Journalistin bei der Aufzeichnung der „About You Awards“ anwesend und hat am Folgetag auf Spiegel Online ihre TV-Kritik dazu veröffentlicht. Einen Teil derer widmet sie dem Vortrag der „Stand-Upperin“ und bezeichnet sie darin bewusst als Komikerin.

Im Grunde liegt hier kein Problem vor. Meinungs- und Pressefreiheit werden in Deutschland bekanntlich großgeschrieben und so kann jeder sagen oder schreiben, was auch immer er oder sie möchte, solange es nicht verfassungswidrig ist. 

Problematisch wird es jedoch, wenn Menschen anfangen, aufzuhetzen. Wenn sie eine Masse gegen etwas oder jemanden mobilisieren, der, die oder das viel schwächer ist, als sie selbst. Wenn sie anderen Personen das Leben schwer machen und ihre Reichweite ausnutzen. Wenn sie nicht verstehen, dass mit Bekanntheit auch Verantwortung einhergeht. Und vor allem: wenn Kritik nicht mehr an der Arbeit des Gegenübers, sondern an ihm oder ihr als Privatperson geübt wird.

Amani verlässt die Ebene der professionellen Kritik ganz bewusst. Sie wirft Rützel öffentlich vor, ihre „urbane Sprache“ ebenso zu instrumentalisieren, wie die AfD es täte und beruft sich auf angebliche zahlreiche Gratulationen zu ihrem „gelungenen Auftritt“. Darüberhinaus spottet sie über Bildunterschriften, die die Journalistin als Privatperson verfasst und auf ihrem Instagramaccount veröffentlicht hat. Amani behauptet, Rützel könne nicht „einstecken“ und stelle sich auf Twitter nun ganz bewusst als Opfer dar. 

Während der Instagramaccount von Rützel nun also für die Öffentlichkeit unsichtbar ist, flutet Armani ihre Präsenz in den sozialen Medien mit dem Zuspruch, den sie von ihren Fans erhält. Diese loben sie für die „Zerstörung“ Rützels und ihren angeblichen Mut. Ein Fan wünscht sich Amani sogar als Kanzlerin.

Auch zu diesem Zeitpunkt, mehr als vier Tage nach der Veröffentlichung der TV-Kritik, teilt Amani noch anerkennende Worte ihrer Fans mit der Welt und macht kein Geheimnis daraus, dass sich mittlerweile das „Team-Amani“ gegen Rützel verbündet hat. 

Beide Frauen sind zunächst ihrer Arbeit nachgegangen: Enissa Amani mit ihrem Auftritt als Komikerin und Anja Rützel, indem sie als Journalistin eine Kritik dazu verfasst hat. Eine von beiden hat es nicht geschafft, dabei professionell zu bleiben und hat damit jemand Anderem erheblichen Schaden zugefügt. Dieser Jemand ist die Privatperson Anja Rützel. 

Von Yuvina Kostrzewa
Veröffentlicht am 23.04.2019