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Reisebeschränkungen

Kicked out by Corona

Quelle: Shiva Oskui

Corona räumt auf: Wer sich nicht dauerhaft im Ausland befindet, muss in die Heimat zurück. Unsere globalisierte Welt stellt das Reisen ein und plötzlich stehen wir vor Entscheidungen, die unser Leben verändern.

„Ich bin gerade in Abu Dhabi gelandet. Im Flugzeug habe ich die Meldung gelesen, dass Emirates alle Flüge nach Deutschland ab dem 23. für einen Monat streicht“ stand in der Nachricht von Larissa. Ich wollte eigentlich nur einen kurzen Blick auf mein Handy werfen, um mit Google Maps den Weg zum nächsten Bus zu finden. Kati und ich hatten uns gerade in den Blue Mountains, einem Gebirge nahe Sydney verlaufen. Kati studiert wie ich an der UE und wir absolvierten beide unser Auslandssemester in Sydney, nur an unterschiedlichen Unis. Nun musste ich aber doch meine mobilen Daten wieder anschalten und kurz die Nachricht von Larissa lesen, einer Masterstudentin aus Regensburg, die gerade auf ihrer Rückreise nach Deutschland war.

Eine Googlesuche und eine Mail meines Reisebüros ergaben, dass sie Recht hatte. Dass ich mich gerade in den Blue Mountains verlaufen hatte, war nicht mein größtes Problem. Wenn ich nicht schnell handelte, würde ich in Australien feststecken.

 

Auslandsaufenthalte werden überall gepriesen als „die beste Zeit des Lebens“. Ich hatte mir vorgenommen in meinem Auslandssemester an der University of Technology Sydney, der UTS, in Australien nun auch die „beste Zeit meines Lebens“ anzutreten – doch Corona nahm mir diese Chance weg. Dem beliebten deutschen Mindset „nach der Schule erst mal ins Ausland zu gehen, um sich selbst zu finden“ wird ein Strich durch die Rechnung gezogen und plötzlich müssen alle Work-and-Traveller, Backpacker und Auslandsstudenten nach Hause zurückkehren.

 

„I have to return to the US before the 20th” schrieb mir meine Freundin Lizzie aus Kalifornien eine Woche vor dem Blue Mountains Ausflug mit einem Emoji, dem die Tränen das Gesicht runterlaufen. Vor ein paar Tagen hatten wir noch darüber gesprochen, dass ihre Heimatuni in Kalifornien einige Studenten aus dem Auslandssemester zurückholte, die sich in Krisengebieten von Corona aufhielten. Andere durften gar nicht erst hinfliegen. Auch eine Kommilitonin von mir an der UE wurde eine Woche vor ihrer Abreise nach Santa Barbara dazu gezwungen, zuhause zu bleiben.

Nun mussten alle Auslandsstudenten von Lizzies Uni zurückkehren. Die Uni wäre verantwortlich die Studenten zurückzuholen, falls der unberechenbare US-Präsident Trump spontan beschließen würde, die Grenzen auch für Einwohner zu schließen. Das wollten sie lieber im Vorfeld vermeiden und setzten deshalb ein ziemlich kurzfristiges Datum fest: zwei Tage hatte Lizzie Zeit, um ihre Koffer zu packen und das Land zu verlassen. Auf eigene Kosten. „Wenigstens bin ich zum Geburtstag meiner Mutter zurück“, versuchte sie, die Sache positiv zu sehen, während wir beim Souvenirshopping waren, damit sie ihrer Familie von dem verkürzten Auslandsaufenthalt etwas mitbringen könnte und ein Geschenk für den besagten Geburtstag der Mutter hätte.

 

Ich beschloss noch keine Souvenirs zu kaufen. Für mich muss es noch nicht vorbei sein, oder? Merkel lässt mich doch wohl noch einreisen als deutsche Staatsbürgerin. Deutschland hat doch eine andere Situation als die USA, redete ich mir ein. Und die Zahlen bewiesen eindeutig, dass ich momentan in Australien besser aufgehoben war. In Deutschland gab es bereits 30.000 Erkrankte, auf dem ganzen Kontinent Australien erst 4.000. Die Bevölkerungsdichte ist natürlich unterschiedlich, aber da ich unbedingt bleiben wollte, ließ ich dieses wenig tragbare Argument für mich gelten. Meine Familie drängte mich zwar schon, nach Rückflügen zu suchen, doch ich weigerte mich.

 

Am Montag, an dem mich Lizzie über ihre Abreise informierte, bekam ich eine weitere bedeutende Nachricht: Die UTS hatte in einer Mail angekündigt, die Kurse erstmal eine Woche auf Eis zu legen, um zu beraten, ob aufgrund von Corona auf Online-Unterricht umgestellt werden solle. Das ließ auch mich zweifeln, ob ich bleiben könnte. Online-Unterricht war nicht das, was ich mir unter meinem Auslandssemester vorgestellt hatte. Wenn ich schon in so einer Stadt wie Sydney bin, dann will ich doch nicht im Studentenwohnheim feststecken. Mit meinen drängenden Eltern einigte ich mich darauf, am kommenden Montag, wo die UTS ankündigen würde, ob es mit Präsenz- oder Online-Unterricht weitergeht, eine Entscheidung über eine potenzielle verfrühte Rückkehr zu treffen.

 

Die Entscheidungsfrist wurde aber plötzlich vorverlegt, was mich maßlos überforderte. Am Donnerstag, Lizzie war bereits wieder in Kalifornien angekommen, bestätigte die UTS einen Coronafall am Campus. Präsenzunterricht wäre unwahrscheinlich. Meine Dozenten luden Onlinematerial hoch; die Sache stand praktisch fest. Ich musste zurück.

Rosi aus Bayern, die von Anfang an panisch war in der Coronasituation und stündlich die Zahlen der Erkrankten googelte und verglich, fackelte nicht lange: nach der Mail buchte sie ihren Rückflug für 6:00 morgens am kommenden Tag, schmiss die Sachen in ihren Koffer und fuhr bereits um Mitternacht zum Flughafen, um ja nicht den Flug zu verpassen oder in der Sicherheitskontrolle festzustecken. Lizzie berichtete zwar, dass bei ihrem Rückflug alles überraschend unkompliziert verlief, weil der Flughafen so leer war – „mit Security war ich in drei Minuten durch, eine Maske musste man nicht tragen und die haben keinerlei Screenings oder sonstiges wegen dem Virus gemacht“ – doch Rosi wollte trotzdem lieber auf Nummer Sicher gehen.

„Allmählich fühlt sich Sydney wie ein Traum an – völlig surreal“, sagte sie nach ihrer Ankunft in Deutschland. „Ich kam mir vor wie ein Flüchtling, weil alles so plötzlich ging.“ Einen zweiten Versuch eines Auslandssemesters würde sie nicht antreten. Es wäre zu kostspielig und da sie sich bereits am Ende ihres Masterstudiums befand, würde es den Abschluss nur unnötig herauszögern. „Das Auslandssemester ist endgültig beendet“, meinte sie und seufzte. Sie hatte sich lange darauf gefreut und viel vorgehabt – ihre Schwester und ihr Schwager wollten sie in den Ferien besuchen und sie wollten das Great Barrier Reef und Neuseeland besichtigen – Tickets waren bereits gebucht und wurden nun zu Verlusten.

 

Meine Meinung über eine vorzeitige Rückkehr änderte sich von Stunde zu Stunde. Ich war leicht zu beeinflussen. Telefonat mit den Eltern – meine Maus schwebt über dem Feld „Jetzt buchen“. Dann ein Gespräch mit Kati – nicht abbrechen, es wäre so viel, was man wegschmeißen würde. Rosi fliegt zurück und ich sehe, das Angebot wird immer begrenzter. Ein Beratungsgespräch mit der Auslandsuni – hier bist du sicherer als in Deutschland, also bleib, schließ die Fenster mit der Flugsuche.

Die Professoren meiner Kurse kündigten offiziell an, dass sie ab jetzt auf Onlinekurse umstellen würden und ich musste einen Kompromiss mit meinen Eltern eingehen: Ich fliege zurück, aber lasst mir noch ein wenig Zeit, um die letzten Tage zu genießen. Wir buchten meinen ursprünglichen Rückflug auf Samstag in neun Tagen um. Neun Tage waren sogar mehr als ich verlangt hatte, aber es war das früheste Angebot.  

 

Larissas Rückflug war für den Sonntag gebucht, sechs Tage vor meinem Rückflug. An ihrem letzten Tag war sehr gutes Wetter, also gingen wir zum Bondi Beach. Wie erwartet hat das Wetter Massen von Menschen angezogen und es war ziemlich voll. Für den Tag darauf hatte ich einen weiteren Strandtag am Bondi Beach mit Kati, der letzten verbliebenen Freundin aus Deutschland, geplant. Doch morgens las ich eine Eilmeldung der Nachrichtenseite „Sydney Morning Herald“: Bondi Beach wird geschlossen, da die Vorgaben des Social Distancing am vorigen Tag nicht eingehalten wurden. Bilder waren angehängt von der Menschenmasse, der Larissa und ich gestern angehört hatten. Ich schickte den Artikel an Kati und fragte nach einer Planänderung - "Eigentlich müssen wir dann ja heute nochmal hin, weil es ab morgen anscheinend ja nicht mehr geht" antwortete sie. Vielleicht hätten wir Glück und wären noch rechtzeitig da, bevor der Strand geschlossen wird.

Fehlanzeige. Als mein Bus ankam, kamen mir Menschenmassen entgegen. Die Wiese vor dem Strand war voll von Menschen (die keine eineinhalb Meter Abstand einhielten) und der Strand war in seinem Naturzustand – nur Sand und weites Meer. Ein Paar und ein einzelner Mann saßen allerdings noch im Sand, als wäre nichts gewesen. Ein Security Guard forderte sie dazu auf, die Regeln zu befolgen, doch sie behaupteten frech, dass sie nun ja den geforderten Abstand einhalten würden, da keiner mehr am Strand war.

 

Zwei Wochen vor Katis Abreisedatum und sechs Tage vor meinem fuhren wir in die Blue Mountains, um die letzten Tage vor der Abreise bloß nicht zu Hause zu verbringen. Die Anordnung der Regierung war bis dato nur eine Empfehlung zu Hause zu bleiben, keine Pflicht. Vielleicht war es stur und egoistisch, wie von den Menschen am Strand, die einfach sitzen blieben. Wenn jeder so einen Grund für sich finden würde, warum ausgerechnet er sich noch draußen aufhalten dürfe, würde die Eindämmung des Virus sich nur noch mehr verlangsamen. Doch wir bemitleideten uns so sehr, dass wir zurückkehren mussten. All die Pläne, die ins Wasser fielen, in die man so viel Zeit gesteckt hatte. Der ganze Aufwand, den man für die Organisation betreiben musste. All die Entscheidungen, vor denen wir standen und für die es keine ideale Lösung gab. Wir wollten das Beste aus den letzten Tagen machen. Und das Beste befand sich nun mal außerhalb des Studentenwohnheims.

Die Stadt in Sydney wurde immer leerer, Läden und Restaurants machten zu, bald würde man hier den gleichen Stand wie in Deutschland erreichen. Bis dahin wären wir aber zurück und würden uns an die dort vorgeschriebene Quarantäne halten.

 

In den Blue Mountains kam dann die Nachricht von Larissa über Emirates Flugstreichungen, sodass ich nach der Rückkehr aus den Bergen nicht einfach meine wund gelaufenen Füße hochlegen konnte, sondern gestresst den nächstmöglichen Rückflug buchen musste. Teuer, zwei Zwischenstopps und 30 Stunden waren das Ergebnis. Auf dem Hinflug, der bei mir 24 Stunden gedauert hat, war ich schon so erschöpft, dass ich mir gedacht hab, wie gut es ist, dass ich jetzt erst mal fünf Monate Pause hab, bevor ich das wieder durchstehen müsste. Jetzt war es nach fünf Wochen soweit und dann auch noch ein längerer Flug. Zwei Tage blieben mir nun noch. Ich fing an zu packen, suchte im Schnelldurchlauf ein paar Souvenirs, besuchte noch die Orte, die ich unbedingt ein letztes Mal sehen wollte, und stieg dann ins Flugzeug auf den Rückweg.

 

Was nun? Ich hatte die Möglichkeit, die Onlinekurse aus dem Ausland von Deutschland aus weiterzumachen. Lizzie hatte sich zum Beispiel dazu entschieden. Naja, mir war diese Möglichkeit zwar geboten, aber gleichzeitig auch verwehrt. Wegen der Anwesenheitspflicht hätte ich live in den Tutorials mitmachen müssen – das wäre in Deutschland wegen der Zeitverschiebung gegen 2:00 in der Nacht, also praktisch unmöglich. Außerdem sprachen auch andere Argumente dafür, das Auslandssemester abzubrechen: Ich wollte unbedingt das richtige Erlebnis haben, das würde mir hiermit nicht geboten werden. Auch die Kosten sprachen dagegen: So hohe Studiengebühren für Online-Kurse?

Die Entscheidung stand also fest: Auslandssemester abbrechen und in der UE ins sechste Semester einsteigen.

Mit dem Unterschreiben meines Antrags auf Studienverlaufsänderung war es also besiegelt: Mein Auslandssemester war hiermit abgebrochen. Ich habe fünf Wochen in Sydney verbracht. Drei Wochen davon waren Orientierungswochen der Uni, wo viel Sightseeing und Einführungsveranstaltungen auf dem Plan standen. Eine Woche hatte ich die Einführung in meine Kurse und dann – Wechsel auf Onlineunterricht, was für mich bedeutete Wechsel nach Hause. Als ich in die Arbeitsgruppe von meinem Kurs schrieb, dass ich nicht teilnehmen würde, weil ich bald zurückfliegen müsste, fragte ein australischer Kommilitone: „Are you getting kicked out of the country?” Zuerst musste ich darüber lachen, aber irgendwie war da auch ein wenig Wahrheit dran. Corona hatte mich aus dem Land geschmissen.

Ein Auslandssemester kann ich so also noch nicht auf meinem Lebenslauf vermerken. Irgendwie war es dann doch nur ein verlängerter Urlaub, den ich auf einem Unicampus verbracht habe.

Von Shiva
 Oskui
Veröffentlicht am 17.04.2020