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Film

Kinos in der Coronakrise

Quelle: Shiva Oskui

Auch die Kinos mussten in der Coronakrise schließen. Nun wird die Wiedereröffnung eingeleitet.

Zahlreiche jugendliche Freundesgruppen stehen gemeinsam vor dem Kino UFA-Palast am Gänsemarkt. „Sieben Tickets für den Film in Saal 2“ – „Ist ausverkauft“ – „Okay, dann nehmen wir den daneben.“ Vor dreißig Jahren war das Standard. Es ging nicht um den Film, sondern um das Erlebnis, das nur Kino einem bieten kann.

„Diesen Charakter hat Kino heute noch“, meint Holger Steinert, Leiter des Holi-Kinos in Hamburg-Eppendorf. Doch seit einigen Wochen bleiben die Kinosäle dunkel und vor den Vorstellungen herrscht keine so bunte Marktplatz-Atmosphäre wie früher, sondern eineinhalb Meter Abstand. „Es zerreißt einem das Herz, an einem dunklen Kino vorbei zu gehen.“

 

Am 16.03.2020 mussten die Hamburger Kinos allesamt wegen der Corona-Maßnahmen ihre Türen geschlossen halten. Nun beginnt langsam wieder die Öffnungsphase. Das CinemaxX hat bereits am 30. Mai wieder mit zahlreichen Sicherheitsvorkehrungen geöffnet und auch die Arthouse-Kinos ziehen bald, Ende Juni/Anfang Juli, hinterher. Die Schließung der Kinos hat auch sie zu den wirtschaftlichen Verlierern der Corona-Krise gemacht. Eigentlich ist das Frühjahr, vor allem für die Arthouse-Kinos, die auf große Blockbuster verzichten, eine gute Kinozeit, doch genau in dieser Phase waren die Kinos dieses Jahr geschlossen.

„Im Augenblick sind die Hygienevorschriften so, dass man in einem Saal wie unserem“, erzählt Michael Conrad, der Leiter vom Alabama-Kino bei Kampnagel in Hamburg, „mit 150 Plätzen maximal 30, 34 Personen reinlassen darf, dann ist das Kino ausverkauft.“ Mit den ganzen anderen Investitionen, an die gedacht werden muss, wie Masken, Handschuhe, erhöhtes Reinigungspersonal und vieles mehr, lohnt sich der Aufwand nicht.

 

Eine Hilfsmaßnahme, wie Kinofans in dieser Zeit Hilfe leisten können, ist eine Kampagne auf Startnext – initiiert vom Abatonkino. Dort sind jetzt über 50.000€ zusammengekommen, die der Unterstützung einiger Hamburger Kinos, wie auch dem Alabama-Kino, dienen.

Auch kann man individuell seinem Lieblingskino helfen. „Wir hatten sofort eine große Nachfrage nach Kinogutscheinen von unseren Stammkunden und Freunden des Kinos“, erzählt Conrad, Leiter des Alabama-Kinos bei Kampnagel in Hamburg. Aber richtig helfen können diese Gutscheine bei der Wiedereröffnung nicht. „Die Gutscheine kommen ja nicht on top“, meint Holger Steinert vom Holi-Kino, „der Gutscheinkäufer geht ja nicht doppelt ins Kino – die Einnahme fehlt dann später.“

 

Doch vor allem später wären zusätzliche Einnahmen nötig. Denn die Coronakrise hat Langzeitauswirkungen auf die Kinos. Denn Veröffentlichkeitsdaten, beispielsweise von James Bond, wurden verschoben. „Das Problem ist“, sagt Conrad, „wenn die Hygienebedingungen so bleiben, wie sie jetzt sind, werden selbst in großen Sälen nur höchstens ein Drittel der Karten verkauft werden. Das würde zum Beispiel bei so einem Bond-Film bedeuten, dass sie natürlich sehr, sehr viel weniger Zuschauer in einem Saal haben und ihn vielleicht in mehreren Sälen laufen lassen müssen, damit sich das lohnt.“

Jetzt haben die Kinos die gut-laufende Phase im Frühjahr verpasst. Wenn sie wieder öffnen, können sie zuerst die Filme, die jetzt nicht angelaufen sind, nachholen und die Filme, die momentan in Nachproduktion sind, zeigen. Aber bald, ungefähr Anfang nächsten Jahres, schätzt Conrad, wird es mit neu anlaufenden Filmen knapp.

 

Steinert lässt das Holi-Kino noch bis zum 02.07. geschlossen und ist bereits dabei, die Sicherheitsvorkehrungen vorzubereiten. „Wir haben momentan keine Einnahmen, müssen aber trotzdem unsere Ausgaben, also die Grundkosten wie beispielsweise Energie, bezahlen.“ Dafür bekommt das Holi-Kino auch keine staatliche Unterstützung, weil es zum CinemaxX gehört und somit von deren Rücklagen gedeckt wird. „Momentan ist es sogar kostensparender, erstmal zu zu bleiben.“

 

Die ArbeitsGemeinschaft Kino – Gilde e.V., ein Verband von über 300 unabhängigen Filmkunst- und Programmkinos, schreibt in einer Forderung an die Politik: „Die Kinos fallen bislang zwischen epidemologischen und rein wirtschaftlichen Überlegungen durch alle Raster. Sowohl in Bezug auf finanzielle Hilfen als auch in Hinblick auf eine Perspektive zur Wiedereröffnung“ und vermerkt, dass einige Kinos in Deutschland wohl Insolvenz anmelden müssen, wenn sie zwei weitere Monate geschlossen bleiben. Holger Steinert sieht das nicht so negativ, wie die AG Kino es darstellt, da Kino zwar in der Politik keinen hohen Stellenwert hat, aber dafür in der öffentlichen Meinung der Kunden als sehr wichtig angesehen wird.

 

Doch viele Kinos versuchen jetzt aus der Zeit das Beste zu machen. Das Alabama-Kino hat eine Renovierung eingeleitet, die während dem normalen Spielbetrieb nicht so schnell vorangegangen wäre wie jetzt hinter geschlossenen Türen. Auch das Holi-Kino nutzt die Zeit, um einen Wasserschaden an der Decke des Kinosaals auszubessern.

 

Doch wo die Kinos jetzt so lange geschlossen waren – kann es sein, dass das Publikum sich umgewöhnt hat und nun vollkommen auf Streaming oder andere Alternativen wie Autokino umsteigt?

 

Streaming ist mit einem richtigen Kinobesuch nicht vergleichbar. „Je mehr Serien und Streamingdienste man sieht“, so Conrad, „desto mehr freut man sich dann doch auf ein Kinoerlebnis mit einer Story, die zwischen 90 und 160 Minuten ganz straff, ganz spannend, ganz eindrucksvoll auf einer großen Leinwand erzählt wird. Ich glaube, dass Streaming sich auch irgendwie und irgendwann einpendelt. Leute, die streamen, werden das Kino nicht vergessen.“ Und auch die Coronazeit wird uns das Kino nicht vergessen lassen.

Auch Autokino hat gegen Kinos keine Chance. „Das Autokino wird keine Renaissance erleben“, meint Steinert. „Es ist vielleicht momentan ganz gut, um die Leute aus ihren vier Wänden zu holen, aber es wird das Kino nicht ersetzen. Die Soundsysteme in Kinos beispielsweise sind ja viel besser als das Autoradio. In unserem Holi-Saal kommt der Ton aus über sieben Kanälen – da duckt man sich, wenn der Hubschrauber von hinten links nach vorne rechts fliegt, weil das so echt klingt.“

Von Shiva
 Oskui
Veröffentlicht am 08.06.2020