Grossstadtpapier
Nachrichtenportal für Hamburg
Flüchtlinge

Lange Odyssee: Auf der Suche nach einer neuen Heimat

Bild: Der 19-jährige Omid Hamidi aus Afghanistan spielt Fußball bei Altona 93. Sein Trainer und seine Teamkollegen haben ihn herzlich aufgenommen. (Foto: Ann-Kathrin Schmidt)
Bild: Der 19-jährige Omid Hamidi aus Afghanistan spielt Fußball bei Altona 93. Sein Trainer und seine Teamkollegen haben ihn herzlich aufgenommen. (Foto: Ann-Kathrin Schmidt)
Bild: Einer seiner liebsten Orte ist der Hamburger Elbstrand. Dort hält er sich gerne mit seinen Freunden auf und beobachtet gerne die vorbeifahrenden Schiffe. (Foto: Ann-Kathrin Schmidt)

Der Zustrom der Flüchtlinge nimmt immer weiter zu. Viele von ihnen kommen ohne ihre Familien oder Angehörige zu uns nach Deutschland. Doch wer sind die Flüchtlinge, die zu uns kommen?

ALTONA – Eine Gruppe von Jugendlichen spielt auf dem Gelände des Sportvereins Altona 93 Fußball. Sie dribbeln, schießen und treiben die eigenen Mitspieler mit Gebrüll nach vorne. Unter ihnen befindet sich der Flüchtling Omid Hamidi. Er erzählt, dass er sich vor mehr als neun Jahren nicht hätte erträumen lassen, heute in einem Land ohne Krieg leben zu dürfen.

Der 19-jährige Omid aus Afghanistan ist einer von vielen Flüchtlingen, die zu uns in die Hansestadt kommen. Er kam in einer Novembernacht 2012 am Hamburger Hauptbahnhof an und irrte dort zunächst fünf Stunden, auf der Suche nach einer Polizeistation, durch die Straßen. Dort bricht er vor Erschöpfung zusammen und liegt drei Tage im Krankenhaus. Das einzige was Omid zu diesem Zeitpunkt über Deutschland wusste: Es gibt den Fußballverein FC Bayern München und die Stadt Hamburg. Sein Ziel war die Hansestadt.

Mit zehn Jahren beginnt seine Flucht

Im Alter von zehn Jahren flieht Omid das erste Mal ohne seine Familie, aber in Begleitung von drei Freunden in den Iran. Dort arbeitet er fünf Jahre von 8 bis 20 Uhr in einer Großbäckerei. Das Geld, was er dort verdient, schickt er an seine Mutter und seinen Bruder nach Afghanistan. Im Iran muss er sich vor den dortigen Behörden verstecken. Aus Angst abgeschoben zu werden, arbeitet er illegal. Omid erzählt, dass er große Angst hatte, wieder nach Afghanistan zurückkehren zu müssen. Allerdings kann kein Mensch auf Dauer in einem Land unsichtbar bleiben. Am Ende findet ihn die Polizei und schickt ihn nach Hause zurück, in ein Land, welches vor langer Zeit einmal seine Heimat gewesen war.

Seine Mutter verkauft ihren gesamten Besitz, um ihrem Sohn die zweite Flucht zu ermöglichen. Omid war damals fast 16 Jahre alt. Nachdem er von seiner ersten Flucht zurückkehrte, verließ er nur wenige Monate später wieder seine Familie. „Ich habe sie seitdem nicht mehr wieder gesehen“, sagt er mit Tränen in den Augen. Fünf Monate lang floh er von Afghanistan über die Türkei, Italien, Frankreich bis Deutschland. Mit einem Schlepperboot ging es für ihn über das Mittelmeer - bei stürmischem Wetter und hohem Wellengang. Immer wieder drohte das Boot unter der Last zu kentern. Dicht gedrängt an andere Flüchtlinge stand er hilflos in einem überfüllten Schlauchboot. Ein weiterer Schlepper verlangte 1100 Dollar und brachte ihn und drei weitere Familien in einem Lastwagen nach Istanbul, wo er dann plötzlich verschwindet. „Ich war zu dem Zeitpunkt verzweifelt und habe viel an meine Familie gedacht. Aber aufgeben wollte ich nicht“, sagt Omid. Was ihm auf dem letzten Teil seiner Reise passierte, will er lieber für sich behalten.

Todesangst in Afghanistan

Hinter ihm liegt die Todesangst. Sein Vater verschwand spurlos in Afghanistan. Regelmäßig drangen vermummte Männer in die Wohnung der Familie ein und hinterließen ein Bild der Verwüstung. Bis heute weiß Omid nicht warum. Zu dem Zeitpunkt war er noch ein Kind. Schon damals spürte er, dass seine Heimat nicht mehr so sein wird, wie er sie einst kannte. In Hamburg begann für ihn ein neuer Lebensabschnitt.

Seit fast einem Jahr besitzt er einen Ausweis zur unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung. Außerdem wohnt er nicht mehr in einer Sammelunterkunft, sondern in einer WG mit drei weiteren Flüchtlingen. Seine Fußball-Trophäen sind für ihn ein Beweis überlebt zu haben und am Leben teilhaben zu können. „Ich mache mir große Sorgen um meine Mutter und meinen Bruder. Sie leben in ständiger Angst und mein 16-jähriger Bruder arbeitet 16 Stunden am Tag in einer Fabrik, dabei würde er lieber so wie ich zur Schule gehen“, erzählt Omid.

Nach seiner Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker würde er gerne das Abitur nachholen, um wie sein Vater ein guter Polizist zu werden. In Deutschland gehörten auch Polizisten zu den Guten, habe man ihm erzählt. „Dann kann ich meine Mutter und meinen Bruder beschützen“, erzählt er stolz. Noch ist er unsicher, ob er nach seiner zweiten Ausbildung zum Polizisten wieder nach Afghanistan zurückkehren oder seine Familie nach Deutschland nachholen soll.

Omid spricht schon relativ gut Deutsch. Auf dem Fußballplatz von Altona 93 kann Omid seinen Kummer vergessen: „Wäre ich eher hierhergekommen, dann hätte ich es vielleicht bis zum Profi geschafft.“, glaubt er. Er erzählt wie herzlich ihn sein Trainer und seine Teamkameraden aufgenommen haben. Am Ende fügt er noch hinzu: „Ich bin Deutschland sehr dankbar, dass ich keine Angst mehr haben muss.“ Omid ist glücklich in Hamburg eine neue Heimat gefunden zu haben.

Von Ann-Kathrin Schmidt
Veröffentlicht am 10.11.2015