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WM

Lasset sie spielen!

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Der Bundestrainer war schon in der Kabine verschwunden, die Spieler schlichen vom Feld und zahlreiche Sportjournalisten fingen an, ihre bösen Kommentare in die Tasten zu hauen. Nach der ersten Auftaktniederlage bei einer WM seit 26 Jahren muss die Deutsche Nationalmannschaft viel Kritik über sich ergehen lassen.

Wer nach der 0:1 Auftaktniederlage bei der WM 2018 der Deutschen gegen Mexiko in einem Kiosk einen Blick auf die Schlagzeilen geworfen hat, dem schlug die geballte Kritik an der Leistung entgegen: „Zu wenig Weltklasse“, titelte die Zeit, von einer Blamage schreibt die Welt und die Süddeutsche sieht die „Generation Südafrika an ihren Grenzen“.

Schon vor der Weltmeisterschaft in Russland hielt sich die Euphorie in Grenzen, schwache Testspielauftritte, der Foto-Skandal um Ilkay Gündogan und Mesut Özil und die Nicht-Nominierung von Leroy Sané. Selten musste die Mannschaft um Bundestrainer Jogi Löw so viel Kritik ertragen. Und das als amtierender Weltmeister. Natürlich war die Deutsche Nationalmannschaft als ein Favorit ins Turnier gegangen, das Spiel machten aber die Mexikaner. Löws Jungs hingegen wirkten müde, kraft- und ideenlos. Mit den schnellen und mutigen Auftritten bei der WM 2014 hatte dieses Spiel wenig zu tun. 

Seit dem Sommermärchen 2006 schien die Deutsche Nationalmannschaft unantastbar, der Weltmeistertitel 2014 in Brasilien setze dieser Verehrung der Fußballer die Krone auf. Deswegen wurden viele Probleme und Fehler übersehen. Löw vertraut immer wieder den gleichen Spielern, lässt junge hungrige Fußballer wie Leroy Sané zuhause und auch der Poker um seine Vertragsverlängerung dauerte sehr lange. Focus-Online Reporter Ralph Grosse-Bley schrieb dazu: „Die Deutschen verlieren völlig verdient. Das ist keine Mannschaft. Löw hat sich verzockt.“.

Aber wie sollen die Fußballer Höchstleistungen vollbringen, wenn sie in diesem Sturm der Kritik stehen müssen. Wenn sie von den eigenen Fans ausgepfiffen werden. Wenn der DFB, verstrickt in den Korruptionsskandal um die WM 2006, Ihnen kaum Rückendeckung gibt und die Euphorie der Fans durch die richtige und wichtige Berichterstattung über Doping und die zahlreichen Missstände rund um die WM in Russland und die kommende WM in Katar im Keim erstickt wird? Wenn dann auch noch Ex-Nationalspieler wie Lothar Matthäus ungefragt Ratschläge und harsche Kritik via Bild-Zeitung in die Welt schreien, dann muss man schon fast Mitleid haben. 

Wir Deutschen mögen unsere Helden, wir stellen sie auf ein Podest und wir verehren sie in guten Zeiten. Aber leider ist es eine Art Volkssport, genau diese Helden ganz schnell von ihren Podest runterzuschmeißen und durch den Dreck zu ziehen, sobald es nicht so gut läuft. Der tragische Fall des Robert Enke ist in den letzten Jahren viel zu oft bemüht worden, aber er sollte eine ewige Warnung sein. Gerade für die, die voller Freude mit Häme und Hass durch das Netz und die Medien ziehen. 

Also lasst die Jungs doch einfach das tun, was sie am Besten können. Fußball spielen. Und das vielleicht ausnahmsweise einmal ohne bei jedem Fehltritt oder Fehlpass gleich ein großes mediales Pfeifkonzert zu starten.

Von Robin Dittrich
Veröffentlicht am 19.06.2018