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Mittendrin statt nur dabei

Quelle: Wikimedia

Die Medienlandschaft ist im Wandel. Auch im Sport. Fans und Journalisten reicht nicht mehr der Blick vom Spielfeldrand. Der Sportfan der neuen Generation will nicht nur immer schneller informiert werden, er will auch immer näher am Team dran sein. Eine neue Art von Sportdokumentationen erlaubt nun einen ganz neuen Einblick in die Vereine. Aber lohnen sich die Kameras in den Kabinen oder schaden Sie eher dem sportlichen Erfolg? Eine Risikoanalyse – Und warum sich deutsche Fans wahrscheinlich noch etwas länger gedulden müssen.

Es ist die 5. Runde des FA Cups, dem ältesten Pokalwettbewerb im Fußball, das Star-Ensemble von Manchester City um Trainer Pep Guardiola muss zum Zweitligisten Wigan Athletic. Es ist ein K.O. Spiel, nur das Weiterkommen zählt. Doch es kommt wie so oft, der Erstligist tut sich schwer gegen den unterklassigen Außenseiter. Kurz vor der Halbzeit kommt es noch schlimmer, Manchester City‘s Außenverteidiger Fabian Delph fliegt mit einer roten Karte vom Platz. Dann ertönt der Halbzeitpfiff, die Emotionen kochen hoch, noch auf dem Weg in die Kabinen geraten Spieler und Trainer beider Teams aneinander – Dann Werbung.

Als Fußballfan kennt man diese Situation. Was würde man dafür geben jetzt nicht den Teaser für die neueste Daily-Soap zu sehen, sondern stattdessen dem Drama auf dem Platz zu folgen. Die Spieler und Trainer in die Innenräume zu begleiten. Zu sehen wie der große Pep Guardiola versucht seine millionenschweren Stars unter Kontrolle zu bringen, bevor noch schlimmeres passiert. Nur um dann die Kabinentür hinter sich zu schließen und loszubrüllen: „Sit down! Nobody talks! Sit down!“

Blick durchs Schlüsselloch

Es ist eine Szene aus der Sportdokumentation „All or Nothing“, in der das Team aus Manchester eine Saison von einem Kamerateam begleitet wird. Lange waren solch intime Momente für Außenstehende tabu. Die Kabine heilig. Nichts verlässt diese Räume. Ein geheimer Ort, wo magisches passieren kann. Wo Spieler zusammenbrechen vor Wut oder Trauer. Oder ausgelassen feiern. Wo Trainer ihre ganz besonderen Motivationstricks offenbaren, um aus 0:2 Rückständen doch noch 3:2 Siege zu machen und sich später alle fragen: Was ist bloß in der Halbzeitpause passiert? Hinter den verschlossenen Kabinentüren? Während die Zuschauer vor dem Fernseher den Teaser für die neueste Daily-Soap ansehen mussten?

Eine neue Generation von Sport-Dokumentationen versucht dem Zuschauer genau diese Türen zu öffnen. Den Zuschauer mitzunehmen. Ihn mit in die Kabine zu lassen, wenn die große Trainerlegende Pep Guardiola zu seinen Spielern spricht. Den Fan teilhaben zu lassen, wenn seine Idole bittere Niederlagen und große Siege erringen. Sönke Wortmann machte es 2006 mit „Deutschland. Ein Sommermärchen“ vor. Jetzt machen es immer mehr Regisseure, Vereine und Verbände nach. Allen voran Amazon. Die von Amazon Prime produzierte Doku-Reihe „All or Nothing“ begleitet über eine Saison Teams aus allen Sportarten. Von den Dallas Cowboys aus der NFL bis zu den Rugby-Hünen der All Blacks aus Neuseeland. Oder eben Pep Guardiola‘s Manchester City, einer der zurzeit besten Fußballmannschaften der Welt. Für Amazon ist die mittlerweile schon sechs Staffeln lange Doku-Reihe ein voller Erfolg. Unter Sportfans erfreut sich die Serie größter Beliebtheit. Endlich kann man wieder ganz nah dran sein an diesem manchmal doch etwas unnahbar gewordenen Millionengeschäft mit seinen weltberühmten Stars.

Chance oder Risiko?

Kritiker sehen in den intimen Dokumentationen hingegen kein Entgegenkommen der Vereine und Verbände, sondern nur einen weiteren Weg für diese ihre Umsätze noch weiter zu steigern. Ein Pseudo-Realität mit kräftig viel Schminke, die am Ende weniger den Fans als der eigenen PR dienen soll. In einer immer gieriger werdenden Branche eine nachvollziehbare These. Doch mag der ein oder andere von den TV-Kameras begleitete Besuch in einem Kinderkrankenhaus etwas PR-gesteuert wirken, so gehen die Clubs doch ein gewisses Risiko ein. Denn so sehr man in solchen Serien das Drumherum nach seinen eigenen Wünschen drehen und wenden kann – Das was die Handlung einer jeden Staffel bestimmen wird. Das wirkliche wichtige für all diese Clubs bleibt das Produkt auf dem Platz.

Und dort ist es den Kameras egal ob man gerade eine gute Figur abgibt oder gegen einen unterklassigen Außenseiter im Pokal ausscheidet. Dort kann kein Fehler wieder gutgemacht oder später wegretuschiert werden. Das diese Doku-Projekte nicht immer gut für die Vereine enden zeigt besonders ein anderes Beispiel. Nach den Erfolgen von Amazon mit „All or Nothing“ ließ auch Streaming-Konkurrent Netflix nicht lange mit einer Flut von Sport-Dokumentationen auf sich warten. Für eines der Projekte begleitete ein Doku-Team den englischen Traditionsclub AFC Sunderland. Den erwartete nach dem Abstieg aus der Premier League eine spannende Saison in der zweiten Spielklasse. Die Verantwortlichen des Clubs erhofften sich natürlich eine tolle Story und etwas Werbung für ihren Verein. Nach einer enttäuschenden Saison und dem Abstieg sollte nun der gefeierte Wiederaufstieg folgen und das Kamerateam sollte hautnah dabei sein. Doch statt der großen Wiedergutmachung konnten Fans und Zuschauer einen sportlichen Untergang verfolgen. Denn so sympathisch man auch Spieler, Trainer und Funktionäre inszenieren kann, wenn die Mannschaft auf dem Platz plötzlich in all seine Einzelteile zerbricht gibt es keine Kameraperspektive die das noch retten kann. Statt des Wiederaufstiegs in die Premier League stürzte der Verein in die dritte Liga ab. Der Plan der Club-Verantwortlichen ging nach hinten los. Für das Kamerateam von Netflix war dies wiederum alles andere als eine Enttäuschung. Aus der erhofften Feel-Good-Story wurde ein packendes Existenz-Drama, dem man nur noch den passenden Namen geben musste: Sunderland ´Til I die – Sunderland ´Bis ich sterbe.

Wo bleiben die deutschen Clubs?

In Deutschland erhalten die neuen „Kabinen-Dokus“ nur langsam Einzug. Mit Eintracht Frankfurt traute sich in dieser Saison der erste deutsche Proficlub seine Pforten für ein externes Kamerateam zu öffnen. Die Doku-Reihe "Countdown für Europa" begleitet die Eintracht hautnah auf ihrem Weg durch die UEFA Europa League. Vom Gewinn des DFB-Pokals bis zum Weiterkommen gegen Inter Mailand.

Warum sich viele deutsche Clubs noch nicht trauen hat verschiedene Gründe. So ist der Fußball und Sport in Deutschland im Vergleich zu den Clubs in beispielsweise den USA immer noch recht verschlossen. Zwar gilt dem Fußball in Deutschland größte mediale Aufmerksamkeit, aber es gibt Grenzen. Für Kameras und Mikrofone gibt es die Pressekonferenzen. Der Rest geschieht doch noch lieber außerhalb der öffentlichen und medialen Wahrnehmung. Öffentliche Trainingseinheiten sind da oft noch das höchste der Gefühle. Intime Einblicke in die Mannschaft gibt es wenn überhaupt über Vereinsinterne Kanäle. Hier mal ein Gruß an die Fans oder ein kleines Quiz – viel mehr trauen sich viele Clubs noch nicht zu. Dabei hat die Bereitschaft zu mehr Öffentlichkeit, vielleicht auch zu mehr „Show“ oft auch mit der sportlichen Situation zu tun.

Nimmt man beispielsweise die beiden Revierclubs Borussia Dortmund und den FC Schalke 04. Die einen befinden sich in dieser Saison im Rennen um die Meisterschaft, die anderen im Abstiegskampf. Dabei trennen die beiden Clubs mehr als nur ihre sportlichen Erfolge.

Die Verantwortlichen beider Clubs verfolgen auch in ihrer Außendarstellung unterschiedliche Philosophien. Die Schalker leiden seit Jahren unter dem Ruf eines Chaos-Clubs – seitdem ist die Vereinsführung vor allen Dingen um Diskretion bemüht, es soll Ruhe in den Verein. 

Bei den Dortmunder hingegen ist die Situation eine gänzlich andere, als börsennotierter Club sind die Verantwortlichen der Aufklärung und offenen Kommunikation verpflichtet.

Der Wandel braucht Zeit – und sportlichen Erfolg…

Beim Umgang mit der neuen Generation Sportdokus werden die beiden unterschiedlichen Ausgangslagen und Philosophien der Clubs einmal mehr deutlich. Denn wie vor kurzem bekannt wurde, ließ sich auch der BVB in dieser Saison von Kameras begleiten. Wo und wann die Aufnahmen veröffentlicht werden, soll erst nach der Saison verkündet werden. Die Bereitschaft sich von einem Filmteam begleiten zulassen zeigt aber das Selbstvertrauen der Dortmunder Verantwortlichen.

Auf Schalke ist an solche Pläne wohl aktuell nicht zu denken, dies bewies zuletzt auch S04-Trainer Huub Stevens einmal mehr eindrucksvoll. Auf die Frage eines Journalisten welchen Eindruck die Mannschaft in der Kabine auf ihn machen würde, sagte der Schalker Coach nur eines: „Sie wissen doch, was in der Kabine ist, bleibt in der Kabine. Und kommt nicht nach draußen!“ Dieses Zitat macht gleich mehrere Dinge klar. Das Credo der verschlossenen Kabine wird in vielen deutschen Clubs noch hochgehalten – Und ein Club wie der FC Schalke scheint schlichtweg noch nicht bereit seine Kabinentüren zu öffnen. Bis dahin brauch es ein reifliches Umdenken im deutschen Fußball. Mehr positive Beispiele und Vereine die sich trauen alla Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt. Und im Falle des FC Schalke auch ganz einfach sportlichen Erfolg.

Von David Huber
Veröffentlicht am 06.05.2019