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Frankreich

Nach Inferno: Dauerbaustelle Notre-Dame?

Quelle: Pixabay

Am 15. April wütete ein verheerender Brand in der weltberühmten Kathedrale Notre-Dame und zog große Schäden nach sich. Die Grundfesten und ein großer Teil des Gebäudes blieben bestehen. Nun soll die Kathedrale innerhalb von fünf Jahren wieder aufgebaut werden. Doch ob dieses Unterfangen realistisch ist, ist fraglich. Viele Experten sehen in dem Bauprojekt eine drohende Dauerbaustelle.

Es ist noch nicht allzu lange her, da stand die Welt für einige Stunden still. Tausende Pariser hatten sich in der französischen Hauptstadt versammelt und um die Rettung der Kathedrale Notre-Dame gebangt. Die Einen beteten um Gottes Beistand, die Anderen konnten das Chaos nur mit geschockter Miene mitansehen. Nun, wenige Tage nach der Katastrophe stellt sich allen die Frage: Was wird aus dem Pariser Wahrzeichen?

Der französische Präsident Emmanuel Macron gab sich bei einer TV-Ansprache kurz nach der Löschung des Brandes zuversichtlich und versprach, die Kathedrale innerhalb der nächsten fünf Jahre wieder aufzubauen. „Wir sind das Volk von Baumeistern“, verkündete er optimistisch. Damit hat das französische Staatsoberhaupt gar nicht so Unrecht, denn Paris kann sich durchaus mit weltberühmten Bauwerken rühmen. So zum Beispiel mit dem Eiffelturm, dem Louvre, dem Schloss Versailles und vielen mehr.

Experten begegnen dem Wiederaufbau von Notre-Dame hingegen eher skeptisch. Mindestens zehn bis 20 Jahre werde der Aufbau laut Stéphane Bern, dem Berater der französischen Regierung für Kulturgüter, dauern. Grund hierfür sei nicht der Aufbau an sich, sondern die nötigen Vorarbeiten. Diese müssen geleistet werden, um die Schäden bewerten zu können und um zu klären, wie viel Originalmaterial der Kathedrale noch verwendbar ist. „Die Schadenserhebung dauert sicherlich ein halbes bis dreiviertel Jahr, bis man genau vermessen und kartiert hat“, so der Holzexperte Thomas Eißing.

Auch der Dombaumeister Wolfgang Zehetner zweifelt an der Realisierbarkeit des Wiederaufbaus der Notre-Dame-Kathedrale innerhalb von nur fünf Jahren. Er sieht das Problem vor allem darin, das Gebäude originalgetreu nachzubauen, da hierfür fachkundige Handwerker benötigt werden. „Das erfordert Know-how und Fingerspitzengefühl. Man kann sich so etwas nicht mal eben in einem Schnellkurs aneignen. Und Handwerker, die das können, gibt es nicht viele - in ganz Europa vielleicht einige hundert“, so Zehetner in einem Interview. Auch die Beschaffung des originalen Baumaterials, sei ein Problem, da die Steinbrüche von damals vermutlich heute schon ausgeschöpft oder bebaut seien. „Deshalb würde ich es im Fall von Notre-Dame schon für legitim halten, den von Geologen analysierten, passendsten Stein zu beschaffen, etwa aus Indien oder Brasilien“. Für den Dombaumeister ist klar, dass dieses Bauvorhaben wohl Jahrzehnte dauern wird.

Es gibt jedoch einen Lichtblick: Die US-Wissenschaftler Andrew Tallon und Stephen Murray erstellten 2010 3D-Laserscans von Notre-Dame, welche die Konstruktion der Kathedrale innen und außen zeigen. Dabei wurden Scans von mehr als 50 verschiedenen Stellen aus vorgenommen, woraus anschließend eine exakte 3D-Abbildung des Pariser Wahrzeichens erstellt werden konnte. Diese Aufnahmen könnten jetzt von großem Wert für den bevorstehenden Aufbau sein, da sie den Architekten und Restaurateuren erheblich dabei helfen könnten, die Kathedrale so originalgetreu wie möglich wieder aufzubauen.

Auch die Otto-Friedrich-Universität Bamberg verfügt über 3D-Aufnahmen von Notre- Dame. Seit 20 Jahren erforschen die Wissenschaftler der Universität die Kathedrale intensiv und haben mehrere Bereiche „Stein für Stein“ dreidimensional vermessen, so Professor Stephan Albrecht vom Lehrstuhl Mittelalterliche Kunstgeschichte. Laut Aussage des Kunsthistorikers wisse man über das Mauerwerk sehr gut Bescheid und könne beim Vergleich der Daten Schäden besser erkennen. Der Dachstuhl hingegen sei nicht vermessen worden. Dieser gehe auf eine Holzkonstruktion aus dem 13. Jahrhundert zurück, von der es nur vage Zeichnungen gebe. Eine originalgetreue Rekonstruktion des Dachstuhls hält Albrecht demnach für „völlig ausgeschlossen“. Ob man trotz der Widrigkeiten versuchen wird den Dachstuhl aus Eichenholz nachzubauen, ist noch offen. Alternativ wird auch ein Stahldach in Erwägung gezogen.

Aus finanzieller Sicht sollte dem reibungslosen Aufbau der Notre-Dame-Kathedrale nichts im Wege stehen. Bereits kurz nach Ausbruch des Brandes gingen hunderte Millionen Euro an Spendengeldern ein. Mittlerweile beläuft sich der Betrag auf etwa eine Milliarde Euro. Zum Vergleich: Der Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Dresdner Frauenkirche hat „nur“ 182 Millionen Euro gekostet. Diese beachtlichen vorhandenen finanziellen Mittel könnten zusammen mit der Unterstützung der Wissenschaftler das Bauvorhaben enorm vorantreiben. Ob es jedoch nicht doch noch zu Komplikationen kommt, so wie es die Experten prophezeien, bleibt abzuwarten.

Von Alexandra Grimm
Veröffentlicht am 24.04.2019