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Umwelt

Naturschutz nur innerhalb der Schulzeit? Nicht in Hamburg!

Die Mitglieder der Naturschutz-Jugend Hamburg beweisen, dass Umweltbewusstsein nicht nur freitagmorgens für die junge Generation ein Thema ist.

„Die Klimagöre gehört in die Schule, damit sie lernt, dass Strom nicht nur aus der Steckdose kommt“, ist nur einer der mehr als 1.000 Kommentare unter dem Instagram-Post der Tagesschau, in dem sie darüber berichten, dass Greta Thunberg ein Jahr schulfrei plant.

Die Deutsche Presse-Agentur hat aus dem Umfeld der 16-jährigen erfahren, dass sie sich nach der neunten Klasse ein Jahr lang ganz dem Kampf gegen die Klimakrise widmen möchte. Sie will sowohl am Klimagipfel der Vereinten Nationen in New York als auch an der Weltklimakonferenz in Santiago de Chile teilnehmen. 

Thunberg stünde im August der Wechsel auf eine weiterführende Schule bevor. Da in Schweden nur in den ersten neun Jahren die Schulpflicht gilt, kann sie diesen ein Jahr nach hinten verschieben. Kritik erntet die junge Aktivistin trotzdem auch für diesen Schritt - viele sähen sowohl sie als auch die Freitagsdemonstrant*innen lieber in der Schule.

Der Vorwurf, der von Kritiker*innen seit Beginn der Friday’s For Future-Bewegung am lautesten zu hören ist, ist ganz klar: Das sind doch alles Heuchler*innen, die lediglich lieber auf die Straße gehen, als die Schulbank zu drücken! Dass Klima- und Naturschutz von jungen Leuten sehr wohl auch außerhalb der Schul- und Universitätszeiten betrieben wird, zeigt die Naturschutz-Jugend Hamburg. 

Die NaJu Hamburg zählt rund 4.000 Mitglieder im Alter von sechs bis 27 Jahren und ist damit der größte Jugendumweltverband der Hansestadt. 

„Bei der NaJu geht es um praktischen Naturschutz“, sagt Annika. Die 20-jährige ist aktives Mitglied und möchte „nicht nur darüber reden, was die Politik verändern muss, sondern selbst etwas tun und Veränderungen sehen.“

Es ist kaum in Worte zu fassen, auf wie viele verschiedene Arten die Mitglieder sich für Natur, Umwelt und Klima einsetzen. Zum Beispiel bauen sie Insektenhotels, kümmern sich um zwei Schmetterlingswiesen in Hamburg und suchen gemeinsam Wege, möglichst plastikfrei zu leben. Darüberhinaus kooperieren sie mit der Stadt und haben so auf dem Hella Hamburg Halbmarathon im Anschluss die Plastikbecher aufgesammelt und sichergestellt, dass sie ordnungsgemäß recycelt wurden. 

„Ich verstehe die NaJu so: Statt viel zu reden, geht man direkt nach draußen und tut etwas“, sagt auch Jan (24), ebenfalls aktives Mitglied. 

Dieses „etwas tun“ äußert sich auch darin, dass einige Mitglieder sich zu Teamer*innen ausbilden lassen, um ihr Wissen an die nächste Generation weiterzugeben. Die rund 10 NaJu-Kindergruppen in Hamburg treffen sich je zwei Mal im Monat, um beispielsweise gemeinsam keschern zu gehen oder zum Upcycling. Auch zu Camps oder bei Seminaren kommen die interessierten Kinder und Jugendlichen in ihrer Freizeit zusammen. 

Neben dem „praktischen Naturschutz“ ist es den Mitgliedern trotzdem wichtig, an Demonstrationen teilzunehmen. Auch den FFF-Demos schließen sie sich an. Die Schilder hierfür basteln sie bei ihren wöchentlichen Aktiventreffen.

Jeden Donnerstag kommen die Mitglieder, die Zeit haben, für drei bis vier Stunden zusammen um sich zu organisieren und Veranstaltungen zu planen. Vorher kochen und essen sie gemeinsam - natürlich vegetarisch und so weit wie möglich mit Zutaten aus ihren selbstbepflanzten Hochbeeten. 

Es ist ihnen auch wichtig, Menschen außerhalb der Politik auf den Natur- und Klimaschutz aufmerksam zu machen: Sie versuchen, über Social Media Leute zu motivieren, gemeinsam mit ihnen die Schmetterlingswiesen zu pflegen und fahren zu Festivals. Nicht etwa, um zu feiern, sondern um dort Werbung für den Naturschutz zu machen. „Wir sind halt präsent“, sagt Annika. 

Dennoch wird das Engagement der Jugendlichen kleingehalten, egal ob sie inner- oder außerhalb ihrer Lehrzeiten aktiv sind. Dennoch müssen sie sich anhören, sie seien von „echtem“ Klimaschutz weit entfernt, hätten nicht die nötigen Kompetenzen, um etwas zu bewegen oder würden die Demos vorschieben, um die Schule schwänzen zu können.

In seinem wohl populärsten Tweet 2019 schrieb der FDP-Parteichef Christian Lindner, von Kindern und Jugendlichen könne „man aber nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen.“ Das sei eine Sache für Profis. 

Die NaJu zeigt, dass sehr wohl auch Kinder und Jugendliche Profis sein können. Sie haben nämlich erkannt, dass wir die Welt nur von den Generationen nach uns geliehen haben, dass praktischer Umweltschutz deshalb essentiell ist und dass nicht nur Profis in Lindners Sinne Klimaschutz betreiben können.

Dabei darf man nicht von einzelnen Personen verlangen, eine Komplettlösung vorzulegen, so wie es der CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak von Thunberg erwartet hat. Auf Twitter kritisierte er sie mit den Worten „Greta Thunberg findet deutschen Kohlekompromiss ,absurd’ - Oh, man... kein Wort von Arbeitsplätzen, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit. Nur pure Ideologie. Arme Greta!“

Klimaschutz ist eine Gruppenarbeit, zu der jede*r seinen oder ihren Part beisteuern muss. Dafür braucht es Menschen, die globale Zusammenhänge verstehen. Menschen, die Arbeitsplätze, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit im Blick behalten. Menschen, die regional einkaufen. Menschen, die das Auto stehen lassen. Menschen, die nach einem Marathon die Plastikbecher aufsammeln. Aber eben auch Menschen, die auf die Straße gehen und fordern, dass die auf der Pariser UN-Klimakonferenz beschlossenen Maßnahmen zur Begrenzung der Erderwärmung eingehalten werden.

Dabei sollte es uns sehr egal sein, ob sie dies während der Schulzeit, in dem Jahr zwischen der neunten und der zehnten Klasse oder donnerstagabends beim Aktiventreffen der NaJu Hamburg machen. Wichtig ist, dass jede*r etwas tut. 

Von Yuvina Kostrzewa
Veröffentlicht am 02.06.2019