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Soziales Leben

Shakespeare in Quarantäne

Quelle: pixabay.com

Wir werden faul sein, zunehmen, arbeitslos und soziale Kontakte verlieren – die Prognosen vor der Quarantänezeit in der Coronakrise sahen nicht sehr rosig aus. Aber es geht auch anders.

Nach dem Aufstehen ein Homeworkout, zum Frühstück selbstgebackenes Brot, währenddessen Spanisch lernen, um 13:00 in den Onlinekurs zum Gitarre lernen einloggen, danach Mittagessen aus dem Kochbuch, zur Entspannung Zeichnen, den Kleiderschrank ausmisten und nach dem Abendessen Puzzlen zum Runterkommen und gleichzeitig das Gehirn weiter zu trainieren – die Quarantänezeit ließe sich vielfältig und produktiv gestalten, sodass wir als neue, verbesserte Versionen unser Selbst nach einigen Monaten Quarantäne aus unserer Höhle herauskommen würden.

Die seelische Belastung durch die Pandemie und die ungewisse Zukunft verleitet die Menschen dazu, sich zu überessen, warnt die britische Gesellschaft für Ernährung.

Mehr und mehr kommt ein Gegentrend zur faulen Quarantäne auf: Die Zeit produktiv zu nutzen. Produktivität bedeutet so viel wie möglich so effizient wie möglich zu tun.

Da wir den Horizont draußen nun immer seltener zu sehen bekommen müssen wir nun unsere persönlichen Horizonte erweitern. Unser Leben ist auf Pause gedrückt und endlich lassen sich lang gesetzte Ziele erreichen – ob es so was ist wie „Diese Serie wollte ich schon immer mal an einem Stück gucken“ oder „Ab jetzt lerne ich eine neue Sprache und konzentriere mich nur darauf.“

Langeweile macht uns Angst. Deshalb war die Angst vor der Quarantänezeit groß, wir würden uns zu Tode langweilen. Ein Experiment der University of Virginia ließ Probanden sich 15 Minuten in einem schmucklosen Raum auf einem Stuhl langweilen. Einschlafen oder Herumwandern war verboten. Das Ergebnis war erschreckend:  30% der Männer und 25% der Frauen gaben sich lieber Elektroschocks, als 15 Minuten Langeweile ausgesetzt zu sein.

Chronische Langeweile kann zu Trübsinn, Melancholie und Depressionen führen und genau das versuchen wir im Alltag so sehr zu vermeiden und werden jetzt von der Regierung in gewisser Weise zu einem langweiligeren Alltag verdonnert, hieß es in Anfangszeiten der Quarantäne. Schon der berühmte Philosoph Friedrich Nietzsche sagte seinerzeit: „Ist das Leben nicht hundert Mal zu kurz, um sich zu langweilen?“

Doch wer sagt denn, dass zuhause bleiben Langeweile bedeutet? Nur weil wir in Kontaktaufnahmen eingeschränkt wurden und einige unserer alltäglichen Aufgaben wegfallen, heißt das doch nicht, dass man gar nichts zu tun haben würde. Langeweile macht kreativ und das können wir nun ausnutzen. Eine Studie der University of Carolina fand heraus, dass man bei der Lösung einer kreativen Aufgabe 40% kreativer ist, wenn man sich vorher gelangweilt hat.

Diese Zeit kann außerdem gut für unsere Gesundheit sein, indem wir durch Langeweile entspannen und dem alltäglichen Stress, der den Blutdruck beeinträchtigt, eine Weile ausweichen können.

Falls die Fakten noch nicht motivieren; einige Beispiele: Shakespeare schrieb King Lear während er sich in Quarantäne befand. Es wurde zwar nicht sein berühmtestes Stück, gehört aber dennoch zu seinen Meisterwerken.

Die berühmte weltbewegende Gravitationstheorie kam Isaac Newton während er sich in Quarantäne bei der großen Plage in London befand. Aus Langeweile beobachtete er den berühmten Apfel, der vom Baum fiel.

Ob wir in unserer Corona-Quarantäne nun so weltbewegende Dinge herausfinden würden, ist fragwürdig, aber die Möglichkeit haben wir schon mal. 

Aber warum nicht einfach mal die Sachen machen, die man sonst immer aufgeschoben hat, weil es zeitlich nie gepasst hat? Jetzt haben wir ja endlich Zeit zur Verfügung, die man auch ordentlich nutzen sollte. Um nicht in die Negativspirale der Quarantäne zu geraten, kann man sich einen strukturierten Tagesplan aufstellen, sich Ziele setzen und einfach versuchen, ein wenig die Kreativität auszuleben. Homeworkouts gibt es reichlich auch kostenlos zu finden, um trotz der eingeschränkten Bewegungsfreiheiten fit zu bleiben. Und auch das Gedächtnis kann man auf Trab halten, indem man mit Onlinekursen seinen Horizont erweitert. Soziale Kontakte müssen auch nicht komplett wegfallen – wozu sind die sozialen Medien denn sonst gut, wenn nicht, um in solch einer Pandemie zusammenzuhalten?

Allerdings darf man nicht außer Acht lassen: es ist eine schwierige Zeit, in der wir uns gerade befinden. An weltbewegende Entdeckungen sollten wir nicht denken müssen. Wir haben uns das nicht ausgesucht, gerade jetzt auf Pause in unserem Leben zu drücken und produktiv zu sein – vielleicht passt es uns grad einfach nicht in den Plan. Die Erwartung, dass Künstler in dieser Zeit nun besonders viel produzieren und bald tausende neue Bücher und Musikalben veröffentlicht werden würden ist unberechtigt. Künstler verlieren momentan so viel, dass sie sich nicht wirklich inspiriert fühlen können. Es fehlt der gewohnte Alltag, dem man dann entfliehen möchte.

Von Shiva
 Oskui
Veröffentlicht am 01.05.2020