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Glaube

Taizé – Jugendtreffen im Herzen Frankreichs

Quelle: eigene Aufnahme Simon Rieckmann

Jedes Jahr beherbergt das Dorf Taizé 100.000 Jugendliche aus der ganzen Welt. Viele sind nicht das erste Mal dort. Eine Faszination geht von diesem Ort aus. Eine ökumenische, völkerverbindende Gemeinschaft, die es nur dort zu erleben gibt.

„Taizé ist für mich besonders, weil man Menschen kennenlernt aus aller Welt.“ Lilly Z. ist begeistert. Die 17-jährige Bambergerin war das erste Mal in Taizé und hat sich bereits jetzt in diesen Ort verliebt.

 

„Taizé ist für mich ein Ort der gelebten Ökumene, der internationalen Verständigung, der Begegnung von Menschen aus verschiedenen Kulturen und Sprachen, des einfachen Lebens, der spürbaren Solidarität und der (…)Christusnachfolge! Das Leben in Taizé ist authentisch und wahrhaftig“, bringt es der katholische Pfarrer Oliver H. auf den Punkt.

Als ein abgelegenes Dorf fand Frère Roger Taizé vor, als er zu Beginn des Zweiten Weltkrieges das erste Mal dort hinkam. Über zwei Jahre nahm er in seinem Haus Flüchtlinge auf. Nach und nach schlossen sich ihm einige Studenten verschiedener Glaubensrichtungen an und bildeten die ersten Brüder der Communauté Taizé. Da sie keine Spenden erhielten, lebten sie von ihrer praktischen Arbeit.

 

Man kommt nach Taizé um sich mit anderen zu treffen und zu beten, aber auch zu suchen und sich selber näherzukommen. Die Einfachheit des Lebens vor Ort, die Ökumene und die Völkerverständigung ist die Faszination die Taizé ausmacht.

 

Jedes Jahr von Februar bis November verwandelt sich ein Hügel im Süden von Burgund in einen Treffpunkt für 100.000 Jugendliche verschiedener Religionen. Neben zerfallenden Mauern ist ein Zeltdorf entstanden, mit wöchentlich wechselnden Bewohnern. Der Anreisetag ist der Sonntag. Anschließend verweilt man eine Woche mit den gleichen Leuten im Ort. Die ankommenden Pilger werden in ihrer Muttersprache von Brüdern der Communauté und einigen Permantens, Jugendliche die für einen längeren Zeitraum in Taizé leben, begrüßt.

 

„Es ist total schwierig Taizé auf einen Punkt zu bringen. Besonders ist (…) die Einfachheit, das man persönlich nichts mehr braucht, weder Handy, noch gescheites Besteck oder ne warme Dusche, es ist alles ok. Man braucht nicht viel um glücklich zu sein, weil man die ganze Zeit unterwegs ist und immer mit Leuten zusammen ist“, fasst Emma K. den Ort zusammen. Es ist bereits das dritte Mal der 17-jährigen Hessin in Taizé.

 

Jeden Vormittag wird sich über eine Bibelstelle in Kleingruppen ausgetauscht. Man kommt miteinander ins Gespräch und hört sich zu. Vorher gibt es dazu einige Gedanken eines der Brüder der ökumenischen Communauté. Derzeit leben in Taizé knapp 100 Brüder aus über 25 Ländern. „Taizé ist für mich besonders, weil so eine freundliche und extrem offene und tolerante Atmosphäre herrscht. Jeder geht auf jeden zu und wird akzeptiert“, schwärmt Hannes S. Und Estrellita G. aus Spanien ergänzt: „Die vielen Menschen, das ist denke ich das was Taizé unglaublich macht, dass du mit jedem reden kannst. Jeder ist aus verschiedenen Ländern und du hast die Verbindungen zwischen den Menschen der ganzen Welt.“

 

Das Leben in Taizé ist von der Einfachheit bestimmt. Dreimal am Tag, morgens, mittags und abends, kommen die Brüder mit den Gläubigen auf dem Hügel zu einem gemeinsamen Gebet zusammen.

Die kleine Dorfkirche, in der die Brüder beteten, wurde mit der Zeit schnell zu klein, da immer mehr Gäste nach Taizé kamen. Ein Bruder der Communauté war Architekt und entwarf die neue Kirche. Die Kirche der Versöhnung.

In einem Interview für Official DVD of Taizé Community erzählt Frère Alois (Prior der Communauté): „Die Kirche der Versöhnung wurde 1962 gebaut und am Anfang war sie viel zu groß. Und Frère Roger wollte, dass die Brüder wieder in die romanische Kirche gehen, aber 10 Jahre später war die Kirche schon zu klein. Und die Brüder haben entschieden, dass man die Fassade einreißt und ein Zelt anbaut und über 15 Jahre haben wir so gebetet.“

 

In der Kirche sitzt man ganz einfach auf dem Boden. Bei meditativer Musik werden einzelne Bibelverse auf verschiedenen Sprachen gesungen und wiederholt.

„Auf jeden Fall die Kirchengänge die waren voll beeindruckend. Auch das erste Mal, die Luisa und ich wir saßen so drin und waren richtig geflasht wenn die Tausenden von Leuten da anfangen zu singen“, meint Lilly. Ihre Freundin Pauline R. schwämt: „Taizé ist etwas ganz besonderes weil dort die ganze Stimmung und Atmosphäre so toll ist das man runter kommen kann und den ganzen Alltagsstress, Sorgen und negative Gedanken mal vergessen kann und sich auf sich konzentrieren kann.“ Einige Texte enthalten Antworten der Jugendlichen, auf Fragen die sie hatten, bevor sie in den Ort gekommen sind. „Es ist jedes Mal ein stückweit auch eine Reise zu sich selbst, da man sich mit Dingen beschäftigt, über die man im Alltag nur wenig nachdenken kann“, erzählt Carlotta O. „Die Nächte in denen ich lange in der Kirche geblieben bin und über mein Leben nachdenken konnte“, fügt die Ungarin Hanna B. hinzu. Für Rebecca W. sind die Gebete eine tolle Atmosphäre: „Besonders sind für mich in Taizé die regelmäßigen Gebetszeiten. Vor allem die Gesänge und die Ruhe machen die Atmosphäre besonders.“ Die Gebete sind ein ruhiges Gebet. Viele der Jugendlichen summen die Melodien beim Verlassen der Kirche weiter.

 

In Taizé kann man einen einfachen Lebensstil erfahren. Da es keine Angestellten gibt, die sich um die bis zu 6000 Jugendlichen pro Woche kümmern, beruht alles auf der Beteiligung jedes Einzelnen, auch bei der praktischen Arbeit. Es gilt Toiletten zu putzen, Abzuwaschen, Müll zu sammeln, Night-Welcome oder Welcome on the Field durchzuführen oder ganz einfach die Essensausteilung. Die 22-jährige Spanierin Irene E. bewundert: „Die Kapazität und die Organisation, dass es möglich ist, dass jede Woche Tausende von Jugendliche aufgenommen werden können. Das würde nicht funktionieren, wenn alle zusammenarbeiten. Das ist wundervoll.“

 

Trotz dieser Faszination erlebte Taizé 2005 einen negativen Höhepunkt. Am 16. August wurde der Gründer Frère Roger zu Beginn des Abendgebets von einer geisteskranken Frau ermordet.

Was der Mann 65 Jahre in Taizé geschaffen hat, zeigt sich nach und nach.

 

Für Ida W ist dennoch klar: „Die Erfahrung dort kann man nur schwer beschreiben, man muss eigentlich selbst dort gewesen sein.“ Und Karlheinz K., angehender Diakon und Diplomsozialarbeiter erzählt: „Auch für ein Zusammenleben mit anderen Religionen ist Taizé für mich immer wieder Inspiration. Vor vielen Jahren habe ich einen Besuch von zwei Rabbinern aus Israel mitbekommen. (…) Im vergangenen Jahr waren noch muslimische Familien in Taizé als wir ankamen. Das Evangelium wurde auch auf Arabisch gelesen.“

 

Und auch für Lilly wird es dieses Jahr ein Wiedersehen in Taizé geben.

Von Simon Rieckmann
Veröffentlicht am 07.05.2019