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Tinder - Liebe oder nur Sex?

Quelle: Yogas Design on Unsplash

Knapp 50 Millionen Menschen auf der Welt benutzen Tinder. Einige hoffen, die große Liebe zu finde, andere wollen nur eine schnelle Nummer. Was ist wirklich dabei?

Nervös schlägt Daniela ihre Beine übereinander und zupft an ihrem neuen Shirt herum. Zwei Stunden lang hat sie sich zurecht gemacht, um dann mit der U-Bahn zu einer gemütlichen, kleinen Bar auf der Hamburger Sternschanze zu fahren. Der perfekte Ort für ein erstes Date. Sie ist ein wenig zu früh und wartet schon gespannt auf ihren Mats. Nach mehreren Wochen hin und her chatten auf Tinder haben sich die beiden auf ein erstes Date verabredet. 

Mit der mobilen Dating-App Tinder ist es den Nutzern möglich, Menschen in ihrer Umgebung schnell kennenzulernen. Durch GPS verbindet die App Nutzer – eine Liebe to go? Mit einer Bewegung des Handgelenks wird dann entschieden, ob die Nutzer einander kennen lernen möchten oder nicht. Ein „Swipe“ nach rechts bedeutet Ja, ein „Swipe“ nach links Nein. Haben beide nach rechts geswiped, entsteht ein „Match“. Die gematchten Nutzer können sich dann über die App Nachrichten schicken, Nummern austauschen und sich zu Dates verabreden. 

Tinder an sich ist kostenlos, aber für Extrafunktionen wie „Superlikes“, „Boosts“, „Tinder plus“ und „Tinder Gold“ sind rund fünf Millionen Nutzer bereit, 1,99 bis maximal 24,99 Euro im Monat zu investieren. Das Geschäft mit der Liebe ist eben ein lukratives. Aber ist es wirklich Liebe, wonach die Nutzer suchen? 

 „Im Endeffekt geht es vielen da ausschließlich um Sex, glaube ich, aber man will das noch nicht so richtig zugeben. Ich finde das Ganze äußerst reizvoll: du triffst eine komplett fremde Person und danach sieht man sich nie wieder.“, beschreibt der junge Hamburger Jonas seinen Eindruck.Mittlerweile nutzen knapp 50 Millionen Menschen Tinder, laut Angaben der Gründer werde die App bis zu zwei Milliarden Mal am Tag aufgerufen und sei für knapp eine Millionen Dates pro Woche verantwortlich. 

In einer Umfrage für diesen Artikel wurden jeweils zehn weibliche und männliche Hamburger nach ihrer Meinung zu Tinder gefragt. Das klare Ergebnis: Die Mehrheit gab an, Tinder sei nur eine Art Sex-App. Insgesamt sind die befragten Frauen gegenüber der App negativer eingestellt als die Männer. 

„Ich finde das Ganze ziemlich billig.Ich glaube, dass die meisten Leute da in erster Linie nur nach Sex suchen. Bei meiner Mitbewohnerin habe ich das mal mitbekommen, die ist abends zu einem Typen gefahren und der wollte direkt mit ihr schlafen. Sie ist dann sofort wieder abgehauen.“, erinnert sich die junge Studentin Anja. 

Unter den Befragten war auch Daniela. Sie wartet nun bereits seit fast einer Stunde auf ihren Mats und muss sich wohl oder übel eingestehen: Der kommt wohl nicht mehr.

„Das passiert schon mal. Aber das ist schon ok, ich habe ja einen Ausweichplan mit einer Freundin gemacht, das mache ich immer so. Wenn ich wollte, könnte ich jetzt aber auch direkt weiter tindern.“ Sie lächelt und zeigt auf ihre Liste mit aktuellen Chatpartnern. Unter Mats sind noch fünf weitere Namen zu erkennen. Auf die Frage, ob sie denn nicht genervt sei, erwidert sie nur: „Naja schon, ich hatte mich echt auf das Date gefreut und Mats wirkte auch wirklich nett. Aber so richtig kannte ich ihn ja eigentlich gar nicht und im Grunde habe ich auch nicht daran geglaubt, dass aus uns was Richtiges werden könnte. Eigentlich war er auch gar nicht mein Typ.“ 

Was ist sind die Gründe der Millionen Nutzer? Nutzen sie die mobile Dating-App tatsächlich für die Partnersuche oder sind sie nur auf der Suche nach einem schnellen Rendezvous? Unter den Befragten gehen die Meinungen auseinander: 7 von 10 Frauen glaubten daran, dass man über Tinder eine richtige Beziehung und Liebe finden kann. Bei den Männern wiederum glaubten 6 von 10, dass es einzig und allein um den Geschlechtsverkehr geht. 

„Ich glaube zwar schon, dass man auf Tinder auch richtige Beziehungen finden kann, da es da so viele verschiedene Leute gibt, eine breite Spate eben, die Verschiedenes suchen: Manche wollen eine Beziehung, andere Sex, wieder andere Freundschaft+ und es gibt ja auch Leute, die gar nicht wissen was sie wollen. Es kommt auf die Einstellung an und ich merke immer wieder, dass viele Leute einfach eine voreingenommene Meinung von Tinder haben. Viele Jungs, mit denen ich schreibe, sagen zum Beispiel `Ich will meine Frau oder meine Freundin nicht über Tinder kennenlernen`, die wollen dann nur Sex, was ich manchmal ein bisschen schade finde.“, sagt die Auszubildende Maria.

Auch eine Erhebung der unabhängigen Internetplattform „onlinedatingexperten.de“ ergab: Die Mehrheit der Frauen (61%) suchen Liebe auf Tinder, während ein Großteil der Männer (83%) vor allem nach Partnern zum Geschlechtsverkehr sucht. Generell hatten die befragten Frauen ein negativeres Bild von Tinder als die befragten Männer. Aber woher kommt das? 

Frauen werden auf Tinder öfter objektifiziert. Laut eines Artikels der „New York Times“ werden vermehrt Bilder von Frauen nach rechts „geswiped“, auf denen ihr ganzer Körper zu erkennen ist. Auch Bilder von Frauen, die am Strand oder an einem See in Badesachen zu sehen sind, sind beliebt. „Trotz einiger Gleichheitsgewinne in Wirtschaft und Politik: Männer und Frauen genießen auf dem sexuell-romantischen Markt nicht dieselben Freiheiten. Der sexualisierte Körper der Frau ist als Bild omnipräsent und viel stärker den Mechanismen von Aufwertung und Abwertung ausgesetzt.“, erklärt die Soziologin Eva Illouz in ihrem Buch "Warum Liebe endet". 

Dennoch gilt dies vermehrt auch für die männlichen Nutzer: Laut der „New York Times“ werden auch Männer, die sich auf ihrem Profilfoto in Badesachen zeigen, vermehrt nach rechts geswiped. Vor allem in Deutschland sind Männer, die ein Bild von sich in einem Badezimmer hochladen, besonders beliebt. Der Anteil an Männern auf Tinder ist aber mit 67.8% deutlich größer, als der Anteil an Frauen (32.2%) und laut der Erhebung der „onlinedatingexperten.de“ fühlten sich 36% der befragten Frauen auf Tinder schon einmal sexuell belästigt durch eine Nachricht. Unter den Männern gaben dies nur 2% an.

Auch Anja hat so etwas schon öfter erlebt. „Es liegt gar nicht so an den Dates, da sind die Leute meistens alle ganz nett. Aber diese ekeligen Typen, die einem immer wieder irgendwelche Sexanfragen schicken nerven schon. Viele wollen dann halt sofort zur Sache kommen und schicken Bilder und so.“

Trotzdem scheint es Tinder immer besser zu gehen. Bei ihrer Zielgruppe (18 – 35 J.) steht Tinder in einem recht positiven Licht. Immerhin 1.2 Millionen Nutzer bewerteten die Plattform mit 5 von 5 Sternen im Appstore von Google. Im ersten Quartal von 2019 brachte Tinder als „non-game App“ zum ersten Mal mehr Gewinn als die App-Version des streaming-Giganten Netflix. Und der Profit steigt immer weiter.

Die Auszubildende Maria tindert selbst regelmäßig und finde die App gut. „Gerade als ich im Ausland war, hat mir Tinder wahnsinnig geholfen neue Leute und vor allem Einheimische kennenzulernen.“ Ihr Kumpel Max fügt hinzu: „Solange man sich selbst und Tinder nicht zu ernst nimmt und die App nur so just for fun verwendet ist es ja auch echt ganz lustig. Man sollte nur gerade nicht auf der Suche nach der großen Liebe sein und eben wissen, worauf man sich einlässt. Irgendwie ist es ja auch nur eine Mischung aus Zeitvertreib und Abenteuer.“ 

Von Milena Blumenthal
Veröffentlicht am 09.06.2019