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Fußball

Und täglich grüßt die HSV-Krise

Quelle: Wikimedia

Nach der bitteren 0:3 Heimniederlage gegen den abstiegsbedrohten FC Ingolstadt steckt der Hamburger SV auch in Liga 2 einmal mehr in einer handfesten Krise. Ein Kommentar.

Der HSV steckt in einer Krise. Schon wieder. Es läuft nicht wie geplant. Schon wieder. Die Fans sind verärgert. Schon wieder. Und der Rest der Nation lacht. Schon wieder…

Man fragt sich: „Wie schafft es dieser Verein eigentlich sich Jahr für Jahr zu blamieren?“ Eine berechtigte Frage, auf die es schon diverse Antworten gab…

Für die sportliche Leitung der vergangenen Jahre war die Antwort meist klar: Der Trainer ist schuld! Also wurde er ausgetauscht. Besser wurde es trotzdem nicht.

Wenn die Trainerwechsel nicht fruchteten, war die Antwort der Vereinsführung auch schnell gefunden: Die sportliche Leitung ist schuld! Also wurden mit dem Trainer gleich Sportdirektoren und Chefscouts mitentlassen. Besser wurde es trotzdem nicht.

Wenn die Änderungen auf sportlicher Ebene nicht funktionierten hatte selbstverständlich auch der Aufsichtsrat einen Schuldigen parat: Die Vereinsführung ist schuld. Also wurden sogar Vorstände beim HSV in beeindruckender Regelmäßigkeit ausgetauscht. Besser wurde es trotzdem nicht.

In der letzten Instanz haben dann folglich die Vereinsmitglieder das sagen und haben gleich eine Vielzahl von Antworten: Der Aufsichtsrat ist schuld. Der Beirat ist schuld. Der Präsident ist schuld. Und alle vorher genannten wahrscheinlich auch. So erneuerte sich beim HSV in den vergangenen Jahren wirklich alles. Von den Innenverteidigern bis zu den Stürmern. Von den Trainern bis zu den Sportdirektoren. Von den Vorständen bis zu den Aufsichtsräten. Von der Satzung bis zur Rechtsform. Aber besser wurde es trotzdem nicht.

Waren wirklich alle schlecht?

Und vielleicht hat der HSV auch einfach nur Pech gehabt. Und in der Masse an Spielern, Trainern und Managern war schlichtweg kein einziger guter dabei. Doch die Vermutung liegt nahe das dies nicht der Fall ist. Bruno Labbadia ist kein schlechter Trainer, genauso wenig wie Hannes Wolf. Und Filip Kostic ist kein schlechter Spieler, genauso wenig wie Fiete Arp. Bleibt also die Frage „Wie schafft es dieser Verein eigentlich sich Jahr für Jahr zu blamieren?“

Was dem HSV fehlt ist die Ruhe. Eine gewisse Lockerheit. Einfach mehr Freiheit.

Denn frei ist der HSV schon lange nicht mehr. Zum Sport gehört auch Ehrgeiz und mit dem einhergehend auch Erwartungen. Das ist klar. Doch statt sich von Erwartungen frei zu machen, hatte der HSV in der Vergangenheit die Gabe den Druck auf sich selbst nur noch zu erhöhen.

Statt Spieler und Trainer einfach machen zu lassen, kamen immer wieder die gleichen Ansagen, sowohl von den Verantwortlichen als auch von dem Fans: „Eigentlich gehört der HSV nach Europa“, „Der HSV ist immer noch eine große Nummer“, „Der HSV gehört in die Bundesliga“. Und warum? Die Gründe dafür gaben dann gerne Journalisten und andere vermeintliche Experten: „Der Kader hat eigentlich Europa-League-Niveau“, „Mit solch einem Kader-Budget muss man aufsteigen.“, „Eine Stadt wie Hamburg verdient mehr.“

Plötzlich war man den Leuten etwas schuldig. Nicht nur sportlich, auch finanziell. Der Club spielte regelmäßig nicht nur gegen den Abstieg, sondern auch gegen die Insolvenz. Zusätzlich ließ man ließ sich noch unter Druck setzen von einem vermeintlichen Gönner und Fan.

Das Umfeld bremst die Spieler auf dem Platz

So spielten HSV-Mannschaften in der Vergangenheit eigentlich nie einfach nur für sich. Nie ging es einfach nur um Fußball. Man spielte für Europa oder gegen den Abstieg. Man spielte um die Jobs von Trainern und Managern. Man spielte um die Güte eines Herrn Kühne oder die der anderen 57.000 Fans im Stadion. Und gab es auch nur den kleinsten Ansatz von Problemen, von kleinen Stolpersteinen oder der Gefahr ein vermeintlich alternativloses Saisonziel zu verpassen war die Empörung groß und umgehend.

Beim HSV bedeutet das dann folgendes: Die Fans fangen an zu pfeifen und zu meckern. Gleichzeitig fangen die Verantwortlichen an zu hinterfragen und zu diskutieren. Totgeglaubte Ex-Spieler und Funktionäre fangen an die Lage des HSV zu bewerten. Herr Kühne fängt an Interviews zu geben und die Medien überschlagen sich nur mit Kritik und Spekulationen.

Mannschaft und Trainer sollen das Ganze natürlich ausblenden und „Einfach mal liefern“ – Schließlich sind sie ja dafür verantwortlich was am Ende auf dem Platz passiert.

Und dann fragt sich jemand noch ernsthaft wie es dieser Verein schafft sich Jahr für Jahr zu blamieren?

Mut zu niedrigeren Ansprüchen

Der HSV muss sich frei machen, Frei von seinen Erfolgen und seiner Tradition. Frei von den Erwartungen seiner Aufsichtsräte und Vorstände. Frei von Investoren und Mitgliedern. Frei vom Druck der Medien. Frei von den Fans. Vielleicht hätte der Club dann auch eine ernsthafte Chance sich zu erholen. Wieder gesund zu werden. Vielleicht sogar erfolgreich zu sein - Auch mal positiv zu überraschen.

Das mag weitaus einfacher gesagt, als getan sein. Aber wie wäre es denn mal damit nicht zu behaupten „Wir müssen aufsteigen“, wie wäre es mal nicht zu hören „Eigentlich gehört der HSV nach Europa“, wie wäre es Mannschaft und Trainer einfach mal machen zu lassen. Einfach mal Fußball zu spielen. Egal wie teuer der Kader. Egal wie traditionsreich der Verein. Egal wie groß die Stadt. Egal was die Medien schreiben und egal wie sehr sich die Fans aufregen.

Und wenn das am Ende zu Platz 10 in der 2. Bundesliga reicht, dann ist das eben so. Klar, Träumen muss erlaubt sein, aber kein Mal will ich mehr hören was der HSV eigentlich ist oder wo er eigentlich hingehört. Der HSV ist aktuell auf Platz Vier in der 2. Bundesliga und egal wo er am Ende der Saison steht. Da gehört er dann auch hin.

Von David Huber
Veröffentlicht am 06.05.2019