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Virtual Reality

Von einem Gaming-Spielzeug, das auszog die Welt zu erobern

Das Head Mounted Display spielt die 360° Videos ab, ob Selbstkonstruktion aus Pappe oder, wie hier, technologisch weiter entwickelt. Foto: SpiceVR
Die Gründer Nicolas (links) und Rico Chibac mit der eigens konstruierten Drohne Spherie. Foto: SpiceVR

Virtual Reality: Früher ein Spielzeug für Gamer, heute ein vieldiskutiertes Medium. Grossstadtpapier sprach mit Rico Chibac, dem Creative Director des Hamburger Start-Ups SpiceVR, über Chancen und Risiken der virtuellen Realität.

„Dann verbringen alle den Tag nur noch mit den Augen auf dem Bildschirm und kapseln sich von der echten Welt ab“. Was wie ein verzweifelter Leserbrief in einem Magazin für Eltern klingt, ist tatsächlich die erste Sorge,  spricht man das Medium Virtual Realithy (VR) an. Die Brille, die vor einigen Jahren noch für ein zurückgelassenes Requisit aus einem Science Fiction Film gehalten worden wäre, wurde innerhalb der letzten Jahre vom Gamer-Spielzeug zum viel diskutierten, aber salonfähigen Medium. Auf der einen Seite besorgte Kritiker, die in VR ein größeres Suchtpotential als in Onlinespielen sehen (von Motional Sickness sei geschwiegen), auf der anderen Seite große Firmen wie Samsung oder YouTube,  die bereits Filme und Kampagnen als 360° Videos produzieren lassen. Diesje Aufnahmen können dann, fertig zusammengeschnitten, schlussendlich über die Brille, das sogenannte Head Mounted Display, abgespielt werden. Im einfachsten Fall wird dazu nicht mehr als ein Smartphone und eine Papp-Halterung benötigt. Und der Effekt auf den Nutzer? Gewaltig, zu realistisch scheint die Aufnahme, die sich im 180° Sichtfeld abspielt. Doch wie steht es nun wirklich um die Gefahren und Potentiale dieser technologischen Entwicklung? Wie entstehen die Filme, die unser Gehirn so verwirren und wie wird uns das im täglichen Leben beeinflussen?  Einer, der sich mit der Materie auskennen muss, ist Rico Chibac, Creative Director des Hamburger Start-Ups Spice VR. Grossstadtpapier hat den 360° Video Regisseur zum Interview gebeten. 

GSP: Hey Rico, stell doch dich und SpiceVR einmal vor:

RC: Gemeinsam mit meinem Bruder (Nicolas Chibac, Anmerk. d. Redaktion) habe ich vor einem Jahr SpiceVR gegründet. Nicolas übernimmt dabei den Technik-und Businesspart und ich bin die kreative Leitung. Wir sind im Grunde eine 360° Filmfirma, die in die unterschiedlichsten Richtungen produziert, sei es narrativ, als kommerzielle Werbung, Live-Übertragung, aber auch experimentelle Videokunst. EDIT: Hier ist der Redaktion ein Fehler unterlaufen, SpiceVR wurde als Startup natürlich erst vor einem Jahr gegründet und nicht wie fälschlicherweise erst berichtet vor acht Jahren. Vor etwa acht Jahren hatte Gründer Nicolas Chibac die Idee in 360° Filme zu drehen.

GSP: Damit seid ihr ja ziemlich breit aufgestellt:

SV:  Genau, tatsächlich wollen wir alles, was in VR möglich ist, ausprobieren und auch, was die erzählerischen Möglichkeiten angeht, neue Wege gehen.

GSP: Virtual Reality ist ja in den USA schon salonfähig, in Deutschland hingehen sorgt der Begriff VR häufig noch für verwirrte Gesichter. Was glaubst du, woran das liegt und wird sich das in diesem Jahr noch ändern? Oder muss Virtual Reality noch modifiziert und massentauglich gemacht werden?

RC: Ich bin der Überzeugung, dass es immer Dreh-und Angelpunkte gibt, wodurch extrem viel Aufmerksamkeit entsteht. Ein Beispiel wäre der WMC (WorldMobileCongress) in Barcelona, auf der M.Zuckerberg über 5000 Journalisten und Blogger gleichzeitig in die „Matrix“ schickte. Ähnlich der Entwicklung der Smartphones wird es daher vermutlich auch bei Virtual Reality sehr schnell eine breite Masse geben, die dieses neue Medium nutzt. Insbesondere durch das Vorantreiben durch die Gaming-Branche (v.a. der Playstation VR) wird der Markt noch größer und kommerzieller. Man könnte zum Beispiel ein Kleidungsstück einfach mit der VR-Brille anprobieren und muss nicht mehr das Haus zum Shoppen verlassen.

GSP: Kritiker verurteilen ja genau jenen, letzt genannten, Punkt: Dass wir unser Leben nur noch durch diese Brille betrachten und ähnlich wie bei einer Spielsucht unter einer elektronischen Abhängigkeit leiden, wie siehst du das?

RC: Eine Gefahr sehe ich auf jeden Fall – aber alles, was einen großen Einfluss nehmen kann, bringt Potential und Risiken mit sich. Schon ein Kippen des Horizontes in einem VR-Film bewirkt, dass sich die Menschen unbewusst mitkippen – der Effekt ist gewaltig, weil unser Gehirn die Filme durch das frei wählbare Sichtfeld so real wahrnimmt. Wir müssen uns dieser Gefahr einfach bewusst sein und versuchen, damit verantwortunsgvoll umzugehen. Viel spannender ist es eigentlich auch, sich die positiven möglichen Auswirkungen anzusehen.

GSP: Die da wären?

RC: Tatsächlich wird Virtual Reality in unterschiedlichen Therapieformen bereits eingesetzt, sei es zur Traumatabehandlung oder um Menschen, die nicht mehr gehen können, das Gefühl zu vermitteln, sie würden einen Strand entlang laufen. Aber auch für die Story hinter einem Film eröffnet VR neue Möglichkeiten, man kann sich z.B. zwei verschiedene Enden ansehen oder mehrere Handlungsstränge, die zwar parallel laufen, bisher aber immer nacheinander gezeigt werden mussten. Mithilfe von Virtual Reality könnte der Zuschauer sie zur gleichen Zeit erleben!

GSP: Glaubst du denn, dass Produktionen in 360° das klassische Fernsehen komplett ablösen werden?

RC: Auf kurze Zeit auf keinen Fall, das aktive Teilnehmen in Virtual Reality ist viel anstrengender als klassisches Fernsehen. Da müssen zunächst Filmdauer und ähnliches ertestet werden. Technisch sind wir auf jeden Fall in der Lage, das schnell voranzutreiben – Content-technisch ist das ein anderes Aufgabengebiet – aber das macht es für uns als Kreative natürlich auch unheimlich spannend! Über kurz oder lang wird VR auf jeden Fall das vorherrschende Medium werden und dabei vermutlich nicht nur das Fernsehen assimilieren sondern auch das Internet revolutionieren.  

GSP: Ihr filmt ja auch mit der eigens von euch entwickelten 360°Drohne „Spherie“, wie seid ihr auf die Idee gekommen, dieses beiden technischen Entwicklungen, die sicherlich zurecht derzeit mehr als gehyped werden, zu kombinieren?

RC: Die Idee dazu ist tatsächlich aus dem daily need entstanden. Man kann in 360° nicht mit einem Kamerateam hinter der Kamera filmen, da der Zuschauer das Filmteam ja immer im Bild hätte. Der klassische Ansatz musste sozusagen neu überdacht werden und da war der Gedanke, zwei bereits etablierte Dinge zu kombinieren, da. Spherie war tatsächlich eine Serviettenkritzelei meines Bruders, der einen Drohnenbauer kennengelernt hatte und von dort an ging das ganze eigentlich ziemlich schnell. Spherie kann nicht nur filmen, sondern auch fotogrammatisch scannen. Die richtige Präsentation hatten wir auf dem SXSW (Kreativmesse in Texas, Anmerk. d. Redaktion).

GSP: Du hast es gerade bereits angesprochen, Ihr seid erst vor Kurzem aus den USA zurückgekehrt, nachdem ihr u.a. beim SXSW gepitcht habt, wie war es dort?

RC: Super spannend, man merkt einfach, dass VR dort viel bekannter ist. Es ist sicherlich immer noch ein agieren von First Movern, aber es ist schon eine ganz andere Dimension als hier in Deutschland. Auf der Business-Seite gibt es natürlich auch Firmen wie Jaunt, die schon über 100 Millionen Euro angesammelt haben. Wir haben ihnen dann unser Showreel gezeigt und  die waren ziemlich begeistert, das ist natürlich ein gutes Gefühl. Auch für Spheries fotogrammatisches Scanning haben wir nur positives Feedback bekommen.

GSP: Das klingt ziemlich erfolgreich! Aber trotz eines eindeutig etablierteren Marktes habt ihr euch entschieden, in Hamburg zu bleiben. Was sind die Gründe dafür?

RC: Tatsächlich ist ein Standort in den USA auf jeden Fall ein Gedankengut, das uns bewegt, zumal wir dort Kooperationspartner haben – mal schauen, was sich ergibt.

GSP: Apropos Kooperationspartner: Die Liste eurer Kunden liest sich vielfältig und spannend, gab es für dich ein persönliches Highlight?

RC: Das ist eine so schwere Frage, da alle unsere Produktionen so unterschiedlich waren. Aber das Robin Schultz Video war natürlich eine spannende Erfahrung, da wir im Laufe des Drehs sehr viel neu ausprobiert und gelernt haben, teilweise haben wir Techniken entwickelt, die es bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf gab. Mein Meisterschülerfilm „Overstay“, eine 360° Mocumentary erzählt aus der Ego-Perspektive, war zudem ein Highlight für mich, da ich das Gefühl hatte, etwas komplett neues mit einem neuen Medium kreieren zu können. 

GSP: Ist es in VR derzeit viel learning by doing? Steht ihr vor einem Projekt manchmal da und denkt euch „ Okay, das kann eigentlich nicht klappen“?

RC: Verdammt oft! Teilweise sind die Anleitungen in einem Satz und auf asiatischer Sprache verfasst, da muss man sich erst mal trauen aus einer 500-Euro teuren Gopro die Linse herauszubrechen. Aber das sind so Momente, die meistens sehr lustig und aus denen mal sehr viel mitnehmen kann. Mit unkonventionellen Methoden kommt man oft zu guten und neuen Ergebnissen und ich würde sagen, das ist einer der Gründe, weshalb wir uns in dieser Branche schon relativ früh einen Namen machen konnten. Wir haben viel ausprobiert und waren ambitioniert, das war, glaube ich, der richtige Weg.

GSP: Eine letzte Frage noch: Wo seht ihr euch in fünf Jahren, gibt es konkrete Ziele oder lebt ihr in den Tag hinein?

RC: Für SpiceVR erhoffen wir uns ein gesundes, organisches Wachstum, da wir uns unsere familiäre Arbeitsweise unbedingt erhalten wollen. Unsere Drohne Spherie kann vieles werden, sei es für noch größere Kameras oder wie von dem Disney Accelerator angefragt eine Kameradrohne im Mini-Format. Auch ein „flying personal assistant“ als Therapieunterstützung für blinde Menschen wäre etwas, was mich persönlich sehr begeistern würde! Ich denke, wir haben das Potential, wirklich etwas bewegen zu können und ich bin gespannt, wie sich das entwickeln wird.

GSP: Herzlichen Dank für das spannende Interview und viel Erfolg!  

Von Linn Maira Jäpel
Veröffentlicht am 21.04.2016