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Safety last:

Warum Freiheit nun gegen vermeintliche Sicherheit eingetauscht wird

Ob Trump, Petry oder Erdogan - die radikalen Parteien gewinnen immer mehr an Zuspruch. Der Grund dafür ist die wachsende Unsicherheit in der Bevölkerung. Warum es JETZT Zeit ist, aufzuwachen.

Allgemeine Überraschung lag in der Luft, als Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde. Fast keiner hätte es für möglich gehalten, dass ein Mensch mit solch radikalen Äußerungen es so weit bringen könnte. Doch nun lässt er seine Koffer fürs Weiße Haus packen und die Frage, die sich einem stellt, ist: Warum hat es uns überrascht, obwohl dieses Wahlergebnis in Anbetracht des derzeitigen politischen Umschwungs fast unausweichlich war? 

Weckruf: die Situation in Europa

Schaut man sich die langsam zerbröckelnde EU an, sollte einen das US-amerikanische Wahlergebnis nicht sonderlich verwundern. Beginnen wir mit unserem direkten Nachbarn, dem Gründungsland der Demokratie, Frankreich. Bei französischen Regionalwahlen räumt kein anderer als der rechtspopulistisch Front National die Stimmen ab. England hat sich gegen die EU entschieden und verabschiedet sich mit dem Brexit-Votum.

Die berühmte skandinavische Gelassenheit schwindet, auch in Dänemark ist die rechte Dänische Volkspartei, die einen Asylstop fordert, die zweitstärkste Partei im Parlament. In den Niederlanden sieht es bei den Wahlen 2017 vermutlich nicht anders aus. Umfragen zufolge ist die rechtspopulistische Partei rund um Geert Wilders auf dem Vormarsch. Die konservative Partei "Recht und Gerechtigkeit", die keine Muslime mehr aufnehmen möchte, siegte in Polen. Das gleiche Spiel in Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Griechenland, Italien, der Schweiz, Österreich - und ja, auch bei uns.

Innerhalb kurzer Zeit schaffte es die Alternative für Deutschland (AfD) rund um Frauke Petry und rechtspopulistische Anhänger laut Umfragen zur drittstärksten Partei. Das Wahlergebnis für das Jahr 2017 kann man dadurch schon erahnen – die Menschen wählen wieder rechts. Doch woher kommt diese rasante Entwicklung? 

Die Flüchtlingskrise als Waffe 

“Die Stärkung der AfD basiert im Wesentlichen auf der Flüchtlingspolitik und der Enttäuschung über die CDU“, sagt Meinungsforscher Richard Hilmer. Wie fast jede Partei behandeln auch die rechtspopulistischen Parteien ein Thema ganz intensiv: Die Flüchtlingskrise. Von Debatten über Mindestlohn, Rentensicherung oder Frauenquote hat man schon lange nichts mehr gehört. Die Gesellschaft beschäftigt nur eine Frage: Wie werden wir diese Krise aus dem Weg schaffen?

Innerhalb kurzer Zeit hat Europa viele kulturelle und soziale Veränderungen durchlebt, die die Menschen überfordern. Der Drang nach Sicherheit ist ein tief in unseren Instinkten verankertes Bedürfnis. Das Gefühl, die Dinge nicht mehr unter Kontrolle zu haben, nagt am persönlichen Selbstwertgefühl. Es entstehen Unsicherheit, Unzufriedenheit und Angst.

Die ungewisse Situation nutzen Rechtspopulisten, um noch mehr Angst zu schüren. Beliebte Worte dafür sind Terror und Naturkatastrophen-Begriffe wie FlüchtlingswelleTerrororkanFlüchtlingsstrom und desgleichen, da sie die Flüchtlinge direkt mit negativen Dingen in Kontakt assoziieren lassen. Des Weiteren steigern sie die Angst vor Bombenanschlägen. ,“Über 70 Prozent der Bevölkerung fürchten sich Anfang 2016 vor einem Terroranschlag in Deutschland und machen sich große Sorgen darüber, dass immer noch mehr Flüchtlinge ins Land kommen“, sagt Lantermann. 

Parteien wie CDU, SPD oder die Linke tun sich schwer mit einer konkreten und effektiven Lösung des Problems. Durch Totschweigen oder Verharmlosung des Problems, verlieren sie ihre Wähler immer mehr. Eine häufige Lösung: die volksnahen Rechtspopulisten, denn sie haben scheinbar eine Lösung parat – auch wenn diese radikal ausfällt.

"Fanatiker können gerade durch ihre zugespitzten Haltungen und Handlungen die notwendigen Gewissheiten zurückgewinnen, die es ihnen ermöglichen, sich auch in einer Welt voller Ungewissheiten als souveräne, mit sich selbst einverstandene Gestalter ihrer Lebensführung zu behaupten'", so Sozialpsychologe Ernst-Dieter Lantermann. 

Was wurde aus: dem demokratischen Deutschland

Die Menschen wollen, dass etwas passiert. Sie wollen, dass etwas geändert wird und sie wollen selbst Entscheider sein. Dass sie sich mit diesem Handeln allerdings direkt in die Unmündigkeit begeben, wird dabei außer Acht gelassen. Sie geben ihre Freiheit auf, um Sicherheit zu erlangen. Denn sobald Rechtspopulisten erstmal an der Macht sind, das wissen wir aus eigener Historie, werden unsere kostbaren demokratischen Werte wie Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung und die Würde des Menschen in den Hintergrund geraten. Hetze, Ausgrenzung und Gewalt stünden an der Tagesordnung. Wer das verhindern möchte, sollte jetzt handeln. Jetzt ist die Zeit, aufzuwachen.

Jeder sollte vor seiner Wahl überlegen, welche Werte es zu beschützen gilt. Denn obwohl die Flüchtlingsfrage meist im Vordergrund steht, gibt es noch eine Menge dahinter zu betrachten. Letztlich gilt es, nicht nur den Politikern die Schuld zu geben oder über die ,,dummen Amerikaner'' zu lachen, sondern erst einmal bei sich selbst und dem direkten Umfeld anzufangen. 

Statt auf Frau Petry sollte man vielleicht lieber auf ihren Exmann Herrn Petry hören, denn er predigt als evangelischer Pfarrer Nächstenliebe und Toleranz.

Von Natascha Dammann
Veröffentlicht am 28.11.2016